Wo Gartenzwerge auf Müllberge blicken

Wo Gartenzwerge auf Müllberge blicken

Idylle und Elend trennt in der Siedlung „Na Slatinách“ oft nur ein Maschendrahtzaun. Ein Spaziergang durch eines der letzten Armenviertel der Ersten Republik

16. 9. 2015 - Text: Corinna AntonText und Foto: Corinna Anton

Es soll Taxifahrer geben, die sich in der Dämmerung weigern hierherzufahren, behauptet Petr Ryska. Und Menschen, die sich nach 18 Uhr nicht mehr aus ihren Häusern trauen. Unsinn, es lebe sich ganz gut hier, hält ein Anwohner dagegen. Man werde höchstens mal von einem Hund gebissen, sagt ein anderer. Ryska ist Stadtführer und Begründer des Projekts „Praha neznámá“ („Unbekanntes Prag“). An einem sonnigen Sonntag nimmt er zwei Dutzend Neugierige mit auf einen Rundgang durch das Viertel „Na Slatinách“, die einzige große Armenkolonie aus der Ersten Republik, die bis heute überdauert hat.

Die Tour beginnt vor dem Slavia-Stadion in Vršovice. Von dort geht es durch die Eisenbahnunterführung, dann nach links zur Siedlung „Sedmidomky“, in den ersten, den „besseren Teil des Slums“, wie Ryska sagt. Die Teilnehmer hat er vorab darauf hingewiesen, dass festes Schuhwerk nötig sei – die meisten Wege sind weder geteert noch gepflastert, oft geht es über Schotterwege mit Schlaglöchern. Früher hätten sich Polizisten nur zu zweit hierher getraut, und nur auf Pferden, meint der Stadtführer. Früher, das war in den zwanziger Jahren, als aus der neuen tschechoslowakischen Hauptstadt eine Metropole wurde. Prag brauchte Beamte, Eisenbahner und Handwerker. Oft kamen sie vom Land und fanden kaum bezahlbare Wohnungen in der Stadt. Mehrere Armenkolonien seien zu dieser Zeit entstanden, erklärt Ryska. Die Menschen richteten sich in Schwarzbauten ein, zusammengebastelt aus Brettern, Blech und Steinen, die sie irgendwo auftreiben konnten. So auch die Siedlung „Na Slatinách“, im Deutschen etwa „Auf dem Schlamm“ oder „Auf dem Moor“. Es war ein Ort, an dem niemand gerne leben wollte.

Die Polizei als Nachbar
Noch immer sind die Polizisten zu zweit unterwegs, heute allerdings auf Fahrrädern. Und sie sind mit eingezogen in die Kolonie. Die Dienststelle liegt in der Straße „Sedmidomky“, umgeben von grauen Mauern und hohen Zäunen sieht sie aus wie ein Gefängnis. Die Gegend sei „vor allem ein Ort, der zu jeder Tages- und Nachtzeit Gelegenheit zum Einbruch und zum Diebstahl von Fahrzeugen sowie zu weiteren Eigentumsdelikten bietet“, warnt die Polizei. Kein Wunder, dass manche Anwohner ein doppeltes Eisenschloss an ihrer Gartentür angebracht haben. Oder Stacheldrahtzaun.

Gut gesichert sind vor allem die schön herausgeputzten Grundstücke, die mit Gartenzwergen, Geranien und Swimmingpool – denn auch die gibt es im „Slum“, der viel mehr ist als ein Elendsviertel. In den offiziellen Plänen der Stadt sei die Siedlung als „Gartenkolonie“ ausgewiesen,  erklärt Ryska. Ganz falsch ist das nicht. Schon in den zwanziger Jahren wurden hier auch Tomaten gepflanzt und Kartoffeln angebaut. Als die ersten Häuser entstanden, kämpfte der Magistrat dagegen an, ließ einige wieder abreißen. Erst nach ein paar Jahren begann die Stadtverwaltung, selbst Sozialwohnungen zu bauen, einfache vier mal acht Meter kleine Häuser, von denen einige noch heute stehen. Die kommunistische Regierung versuchte später noch einmal, die Siedlung aufzulösen. Wer auszog, bekam als Entschädigung Geld und eine Wohnung im modernen Plattenbau. Doch viele blieben oder kamen wieder zurück.

Ohne Kanal und Gas
Heute gebe es vier Gruppen von Einwohnern, sagt Ryska, während hinter ihm aus einem Grundstück schwarzer Rauch und dunkelgraue Aschepartikel in den Himmel steigen. Am Boden liegen überreife Birnen und Pflaumen. Als erste Gruppe nennt der Stadtführer die Einheimischen, die schon lange hier leben, die sich auf ihren Grundstücken gut eingerichtet haben, auch wenn diese nicht an die Kanalisation oder das Gasnetz angeschlossen sind. Die zweite Gruppe kommt vor allem in den Ferien und am Wochenende. Ihr gehören die Grundstücke mit Schaukel unterm Apfelbaum, mit symmetrisch angelegten Blumenbeeten und Windspiel an der Eingangstür. Die Besitzer leben in der Innenstadt oder außerhalb von Prag. Wie andere samstags aufs Landhaus in die Bergen fahren, machen sie ihren Ausflug in die Kolonie, wo sie sich auf wenigen Quadratmetern eine kleine Idylle geschaffen haben. Oft trennt sie nur ein Maschendrahtzaun, manchmal auch ein Eisentor von den Bewohnern der anderen beiden Gruppen: den Obdachlosen, die hier dauerhaft eine Bleibe gefunden haben, und denen, die gelegentlich zum Schlafen in eine der leerstehenden Ruinen kommen.

Schauplatz für Filmdreh
Einen Ort, an dem sie Zuflucht suchen, haben fast alle Tschechen schon im Fernsehen oder auf der Leinwand gesehen. Das ehemalige Schulgebäude diente in den neunziger Jahren als Schauplatz für den Film „Obecná škola“ („Die Grundschule“). Drehbuchautor Zdeněk Svěrák wuchs in den dreißiger Jahren selbst in der Gegend auf. Von der Schule ist kaum etwas übrig geblieben. Pressspanplatten halten die Wände von außen zusammen, ein Teil brannte vor einiger Zeit aus. In den Resten des Gebäudes liegen zerfetzte Matratzen und Plastiktüten. Auf dem Boden steht eine Plastikwanne voll Geschirr – schwer zu sagen, wann es zuletzt benutzt wurde.

Immer wieder fällt der Blick auf Bauschutt und Müllberge, auf ein Paar zerschlissene Schuhe am Wegesrand oder eine löchrige Jeans im Gestrüpp. Und dann wieder auf Plastikenten in einem Teich, auf Keramikschnecken und weiß funkelnde Kieselsteine. Schwer zu sagen, ob die Siedlung schön ist. Stadtführer Ryska jedenfalls hofft, dass sie erhalten bleibt. Investoren würden gern neue Wohnungen und Büros errichten, sagt er. Aber die Eigentumsverhältnisse seien schwierig. Die Grundstücke seien im Sozialismus verstaatlicht und nun zurückgegeben worden – an die Besitzer oder deren Erben in aller Welt. Daher werde es wohl so schnell nicht gelingen, die Kolonie ganz zu zerstören.



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