Wie im Kino

Wie im Kino

In asiatischen Filmen, Fernsehserien und Popsongs ist Prag der romantischste Ort der Welt. Wie erleben Besucher aus diesen Ländern die Realität?

25. 3. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Milk & Honey Pictures

Sie trägt ein weißes Spitzenkleid und wartet vor einem Springbrunnen in einem romantisch-verwunschenen Garten auf die Liebe. Voller Melancholie erinnert sie sich an den Altstädter Ring in Prag bei Sonnenuntergang. Auffliegende Tauben, eine traumhafte Szenerie. Sie singt von den schmalen Gassen, einem Theater voller Menschen, einem kleinen Café. Die Frau ist die taiwanesische „Queen of Pop“ Jolin Tsai, mit über 23 Millionen verkauften Alben eine der erfolgreichsten Sängerinnen ihres Landes. Der beschriebene Auftritt stammt aus ihrem Musik­video zu „Bu La Ge Guang Chang“, auf Deutsch: „Der Platz in Prag“. Gemeint ist der Altstädter Ring.

„Als ich erzählt habe, dass ich nach Tschechien gehe, haben alle meine Freunde sofort an dieses Lied gedacht und mich gefragt, ob ich dann auch auf diesem Platz stehen, singen und auf die Liebe warten werde“, erzählt die 22-jährige Yian Yang, die an einer Privatuniversität Englisch und Internationale Beziehungen studiert. „Prag ist für uns einfach gleichbedeutend mit Romantik“. In der asiatischen Popkultur gibt es zahlreiche Verweise auf die tschechische Hauptstadt. In China kam im Februar, pünktlich zum Valentinstag, „Somewhere only we know“ ins Kino, eine Liebesgeschichte, in der sich eine junge Frau auf die Spuren ihrer Großmutter begibt, die einst in Prag eine Romanze mit einem Tschechen erlebte. Der Film spielte in der ersten Woche mehr als 37 Millionen Dollar ein und positionierte sich auf Platz eins der chinesischen Kinocharts. In der Hauptrolle: ein in goldenes Licht und weiche Farben getauchtes Prag und der Boyband-Star Kris Wu. Dessen jugendliche Fans begleiteten die Dreharbeiten vor Ort aufgeregt. Auf einer Internetseite tauschten sie sich darüber aus, bei welcher Sehenswürdigkeit ihr Idol zuletzt gesichtet wurde.

Wie erleben die vielen asiatischen Besucher, die Prag aus solchen Liedern und aufwendig produzierten Filmen kennen, die Realität? Wo erleben sie kleinere oder auch größere Kulturschocks? Ich mache einen Stadtspaziergang mit der Taiwanesin Yian, die seit ihrer Ankunft in Prag vor sechs Monaten viel über kulturelle Unterschiede gelernt hat und sich immer noch täglich wundert. Als sie in Prag ankam, war zunächst alles so, wie sie es sich vorgestellt hatte – die Architektur wie aus einem Disney-Film, die Vorstellungen im Nationaltheater, das besondere Licht beim Sonnenuntergang. Einmal organisierte ihre Universität einen Ball im prunkvollen Gemeindehaus am Platz der Republik, die Mädchen trugen lange Kleider, die Jungs Anzüge. Sie schickte ihren Freundinnen in Taiwan Bilder, eine antwortete ihr: „Leben wir wirklich noch auf demselben Planeten?“

Kulturelle Unterschiede
Über Kultur und Mentalität hatte Yian vorher nicht viel nachgedacht. Sie geht am liebsten am Ufer in der Nähe des Nationaltheaters spazieren. Wenn die Sonne scheint, und sie die Menschen, zum Beispiel auf der Sophieninsel, auf den Bänken sitzen sieht, fällt ihr gleich ein erster Unterschied zu ihrem Heimatland auf: „In Taiwan sitzen Menschen nicht mitten am Tag im Park und lesen ein Buch“, erzählt sie. Schnell würde man als faul gelten. „Hier genießen die Leute das Leben mehr.“ Ihr gefällt es, in diesen anderen Rhythmus einzutauchen. Manchmal fährt sie mit der Tram in Stadtviertel, die sie nicht kennt, schaut sich dort die Häuser an. Findet sie ein Detail bemerkenswert, drückt sie auf den Auslöser der Kamera ihres Smartphones und schickt die Bilder an ihre Freunde.

Die Höflichkeit der Studentin macht es ihr schwer, von tschechischen Eigenarten zu erzählen, an denen sie sich stört. Dazu zählt sie die mangelnde Hilfsbereitschaft gegenüber Fremden. „Bei uns sind alle Menschen sehr höflich und freundlich zu einander, lächeln sich auf der Straße zu und bieten sofort Hilfe an, wenn jemand aussieht, als hätte er sich verlaufen“, beschreibt sie die asiatische Etikette. In Prag sei es ihr schon passiert, dass jemand die Augen verdreht habe, als sie nach dem Weg fragte.

Sie sieht aber auch die andere, die empathische Seite der Tschechen. Dass in Tram und Metro jeder seinen Platz für Ältere und Schwangere räume, sei in Taiwan nicht selbstverständlich. Yian zufolge sind die Gesellschaften in Taiwan und China sehr konservativ. An vieles, das hier zum Alltag gehört, musste sie sich erst gewöhnen. Überraschend war für sie zum Beispiel die Normalität von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, die sie von zuhause nicht kennt. Ungewohnt ist auch die Bier- und Kneipenkultur, die unter ihren Kommilitonen gepflegt wird. Asiatische Studenten trinken nicht viel Alkohol, niemand will sich oder seine Familie in Verruf bringen. Die Gruppen von betrunkenen Touristen am Wenzelsplatz waren ein Schock für die fröhliche Taiwanesin. Sogar jetzt, am späten Nachmittag stolpern uns schon einige von ihnen entgegen, je näher wir auf unserem Spaziergang dem Kern der Altstadt kommen. Bedroht fühlt sich Yian davon aber nicht, überhaupt ist sie überrascht, wie sicher sie sich in der Stadt fühlt: „Trotz der romantischen Vorstellung, die wir von Prag haben, gibt es auch das Vorurteil, dass es irgendwie ein gefährlicher Ort ist, vielleicht einfach, weil er so fremd für uns ist.“

Vor der astronomischen Uhr haben sich bereits einige Touristen mit Kameras postiert, um zur vollen Stunde die Apostel-Figuren abzulichten. Yian kann dem Spektakel nichts abgewinnen, sie interessieren eher die leicht zu übersehenden Details – verzierte Kanalisationsdeckel, Straßenkunst und alte beschriebene Postkarten, die sie in Antiquariaten findet. Bei einem kurzen Besuch in der Stadt nehmen sich die meisten für diese Kleinigkeiten keine Zeit. Eine Gruppe Koreaner absolviert neben uns einen Schnellkurs der Prager Stadtgeschichte, mit Kopfhörern für die Übersetzung des Vortrags der Stadtführerin. Viele asiatische Gäste sprechen nicht sehr gut Englisch, vielleicht bleiben sie auch deshalb oft unter sich und kommen wenig mit Einheimischen in Kontakt.

Romantik verkauft sich
Die Südkoreanerin Boram Lee besucht Prag nur für drei Tage. Warum sie hier ist, wie sie sich Prag vorstellt? Sie kichert schüchtern: „In Korea gab es vor einigen Jahren eine sehr populäre Fernsehsendung, die ich gerne geschaut habe“, erzählt sie, während sie in einem Hotel eincheckt. Die Serie erzählte die Geschichte der Diplomatin Yoon Jae-hee, die in Prag auf den Privatdetektiv Choi Sang-hyun trifft. Er ist auf der Suche nach seiner Ex-Freundin. Auch Yoon Jae-hee hat eine schwierige Trennung hinter sich, die beiden werden Freunde und verlieben sich. Die Touristin Boram möchte die Schauplätze der Serie besuchen, die Burg natürlich, aber auch das Rudolfinum, in dem sie sich ein Konzert der Philharmoniker anhören möchte. Im Internet hat sie die Orte vorher recherchiert, ihre Tickets schon vorbestellt. Auch für sie ist Prag in erster Linie Romantik.

Dass sich dieses Konzept gut verkaufen lässt, bleibt der Tourismusbranche nicht verborgen. Agenturen bieten Führungen und Ausflüge für chinesische und koreanische Gäste an. Im Jahr 2014 war den städtischen Statistiken zufolge vor allem bei Gästen aus diesen Ländern ein großer Zuwachs im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Filme wie der chinesische Blockbuster „Somewhere only we know“ sind wunderbares Marketingmaterial. So lud der Vertreter der tschechischen Tourismusagentur in Shanghai, František Reismüller, Journalisten und Reiseveranstalter Mitte Februar zu einer Vorführung des Streifens in das Shanghai Film Art Center ein. Anwesend war auch der tschechische Generalkonsul Richard Krpač, der die Veranstaltung mit den folgenden Worten eröffnete: „Bei meiner Ankunft in Shanghai habe ich oft gehört, dass diese Stadt das Paris des Ostens sei. Meine Antwort ist, dass dieser Vergleich vielleicht vor hundert Jahren galt. Heute ist Shanghai viel mehr das New York des 21. Jahrhunderts. Und wenn die Welt über Paris spricht, als wäre es die romantischste Stadt, gebe ich eine ähnliche Antwort: Das mag vor hundert Jahren so gewesen sein. Heute ist Prag die romantischste Stadt der Welt.“ Trotz aller kultureller Differenzen – Yian würde ihm wohl zustimmen.



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