Wenn Kanonen auf Auerhähne schießen

Wenn Kanonen auf Auerhähne schießen

Tschechische Skigebiete kommen nicht ohne Kunstschnee aus. Naturschützer warnen vor den Folgen für die Umwelt

25. 11. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: Seilbahnen/CC BY-ND 2.0

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Wenn der Schnee nicht zum Berg kommt, dann müssen die Liftbetreiber eben aufrüsten. Mit Schneekanonen und Pisten­raupen helfen sie auch in Tschechien so lange nach, bis eine weiße Decke ihre Abfahrten bedeckt. Das sorgt für Ski­vergnügen bei den Besuchern und oft auch dafür, dass Geschäfte, Hotels, ja ganze Orte vom Tourismus leben können. Was Auerhahn und Hirschkuh davon halten, interessiert dagegen weniger. Und auch über den Wasserverbrauch macht sich kaum ein Skifahrer Gedanken, wenn er im Böhmerwald oder im Riesengebirge seine Bögen fährt.

Rund 35 Millionen Kronen investierte allein die „Skiaréna Jizerky“ im Isergebirge in diesem Jahr, um ihre Pisten rund um den Tannwalder Spitzberg (Tanvaldský Špičák) aufzurüsten. „Es ist uns gelungen, das Beschneiungs­system auf dem Spitzberg deutlich zu verbessern“, erklärte kürzlich Pavel Bažant vom Betreiber Ski Bižu. Die Kapazität der Anlagen sei verdreifacht, das System um einen Kilometer Leitungen und Schneekanonen ergänzt und nach zwölf Jahren eine neue Pistenraupe angeschafft worden. Sobald es gefriert, können die Betreiber nun das gesamte Skigebiet innerhalb einer Woche beschneien. Früher brauchten sie dazu etwa dreimal so lange.

Mehr künstliche Flocken werden in diesem Winter auch im Skigebiet Troják im Kreis Zlín auf die Pisten rieseln. Aus zwei kleineren Anlagen, sogenannten Schneelanzen, sind mittlerweile sechs geworden, hinzu kamen zwei größere Schneekanonen. Die Kunden erwarteten eine stabile Schneedecke und dass der Betrieb ungestört laufe, sagt Jakub Juračka, der das Skigebiet seit 2003 leitet und zugleich Vorsitzender des Verbands der Liftbetreiber in Tschechien ist. Die Bedingungen für Winter­sport hierzulande hätten sich geändert, erklärt Juračka. Gestiegen seien nicht nur die Temperaturen, sondern auch die Ansprüche: „Die Menschen fahren ins europäische Ausland zum Skifahren, sie haben sich daran gewöhnt, dass sie bei der Abfahrt weder Gras noch Steine sehen.“ Alle Skigebiete hierzulande hätten verstanden, dass sie ohne Schneesicherheit nicht bestehen können, so der Verbandsvorsitzende. Und um die zu gewährleisten, brauchen sie immer mehr Anlagen.

Vor ein paar Jahren reichten für Troják noch die zwei Schnee­lanzen, weil die Nächte im November kalt genug waren. „Wir haben viel Schnee produziert, den wir vor Weihnachten verteilt haben.“ Das habe lange gedauert, sei aber günstig gewesen, weil die Lanzen wenig Energie verbrauchten. Weil es immer wärmer wird, haben die Betreiber aufgerüstet. Jetzt nutzen sie jede frostige Minute, um Schnee zu produzieren. Wenn die Temperaturen sinken, geht es gleich los. „Früher haben wir drei Tage gewartet, bis der Boden gefroren war. Heute fangen wir an, sobald wir Frost haben.“ Die Kosten, die bei der Beschneiung für Energie und Personal anfallen, machen etwa 30 bis 35 Prozent der Ausgaben des Skigebiets aus.

Für die aufwendige Beschneiung zahlten letztendlich die Kunden, kritisiert in Deutschland seit langem der Bund Natur­schutz, Skifahren würde so immer mehr zum Luxus. Auch in Tschechien müssen Wintersportler immer tiefer in die Tasche greifen. Etwa 40 Prozent der Skigebiete haben die Preise für diese Saison erhöht. Manche größere Orte um bis zu zehn Prozent. Im Riesengebirge zum Beispiel investierten die Ski­gebiete mehr als eine halbe Milliarde Kronen in den Ausbau der Pisten. Ein Skipass in Černá hora und Pec pod Sněžkou kostet in der Hauptsaison 690 Kronen pro Tag, 40 mehr als im vergangenen Jahr. An Weihnachten verlangen die Liftbetreiber nun 750 Kronen. Im Skigebiet Spindlermühle (Špindlerův Mlýn) sind die Preise für eine Tageskarte um 100 Kronen auf 850 Kronen gestiegen.

„Überflüssiger Luxus“
Einen höheren Preis zahle aber auch die Natur, sagt zum Beispiel Jan Piňos: „Kunstschnee ist ein überflüssiger Luxus, den wir uns aus energetischen und wasserwirtschaftlichen Gründen nicht erlauben können. Er verschmutzt die wertvolle Natur in den Bergen mit giftigen Stoffen“, so der Sprecher der Umweltschutzorganisation Hnutí Duha. Ähnlich sieht das auch Jan Dvořák, Sprecher des Nationalparks Šumava (Böhmerwald). „Um einen Quadratmeter Skipiste zu beschneien, braucht man 200 bis 500 Liter Wasser. Bei einer Schneehöhe von 30 Zentimetern entspricht das etwa 0,6 bis 1,5 Millionen Liter Wasser für einen Hektar Piste“, rechnet er vor. „In manchen Alpenregionen wird für die Produktion von Kunstschnee jedes Jahr so viel Wasser verbraucht wie in einer Stadt mit 500.000 Einwohnern.“ Zwar würde das Schmelzwasser dem natürlichen Kreislauf wieder zugefügt, jedoch mit großer Verspätung und häufig schlechterer Qualität, da dem künstlichen Schnee Zusätze beigemischt würden.

Dvořák glaubt, dass der Aufwand für die Beschneiung und der Wasserverbrauch durch die laufenden klimatischen Veränderungen weiter wachsen. „Deswegen werden wahrscheinlich auch die Trockenzeiten intensiver und länger werden.“ Es sei daher offensichtlich, „dass sich die Beschneiung negativ auf die Natur auswirkt“. Zudem halte er es für realistisch, „dass es zu großen Problemen mit Wasserknappheit kommen kann“. Der Sprecher des Nationalparks weist darauf hin, dass beim Bau von Rückhaltebecken für die Beschneiung häufig Biotope und Lebensräume geschützter Arten vernichtet oder beschädigt würden. Und: Die Schneekanonen und Pistenraupen verursachten Lärm, der in den Tälern kilometerweit zu hören sei. „Das ist vor allem in Gebieten ein Problem, in denen noch große Wirbeltiere leben, oft seltene und empfindliche Arten wie Auerhähne und Birkhühner.“
Wie sich der Skizirkus mit all seinen Begleiterscheinungen auf die Umwelt auswirke, interessiere die meisten Touristen nicht, meint Radek Drahný, Sprecher des Nationalparks Riesengebirge. Sein Kollege im Böhmerwald sieht es ähnlich: Interesse gebe es „bisher eher vereinzelt“. Bei manchen Einheimischen wachse aber das Bewusstsein für die negativen Folgen der Beschneiung, „vor allem wenn neue Angebote und Skigebiete geplant werden“.

Als Frau Holle ins Handwerk pfuschte
Die ersten künstlichen Schneeflocken des damaligen Ostblocks fielen vor 50 Jahren in der Tschechoslowakei vom Himmel, genauer im November 1965 in Zadní Telnice nahe Ústí nad Labem. Zu der Zeit, als auch in Westeuropa nur wenige alpine Skigebiete mit Schneekanonen ausgestattet waren, hatte ein örtlicher Skiclub eine Anlage aus Österreich importiert und für die heimischen Verhältnisse umgebaut. Unter der Piste wurden 500 Meter Rohrleitungen verlegt, das Gebiet mit einem Kompressor, Wassertank, Pumpen und Kühlanlagen ausgestattet. Der Premiere spielte allerdings das Wetter einen Streich. Ausgerechnet an dem Tag, an dem es wie aus Zauberhand zum ersten Mal künstlich schneien sollte, setzte echter Schneefall ein. Die Begeisterung über den technischen Fortschritt soll dennoch groß gewesen sein. Dem Skigebiet, das von Ústí nad Labem damals mit der Straßenbahn zu erreichen war, verhalf sie zu vielen neuen Besuchern, zu denen auch die damalige Nationalmannschaft zählte.   (ca/čtk)