Wenn aus Angst Protest wird

Wenn aus Angst Protest wird

Auf dem Prager Hradschin versammeln sich zum ersten Mal hunderte Islamgegner. Ein Erlebnisbericht

21. 1. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: F. Neudert

Ein eisiger Wind fegt durch die engen Passagen, die die Innenhöfe der Prager Burg mit dem großzügigen Platz davor verbinden. Für diese Uhr- und Jahreszeit strömen ungewöhnlich viele Menschen von der Straßenbahnhaltestelle in der Nähe der Reitschule über den Hirschgraben in Richtung Burgplatz. Es ist Freitag, kurz nach 16 Uhr. Langsam legt sich die Dämmerung über die Goldene Stadt. Rund um die altehrwürdigen Gemäuer hört man nun nicht das übliche babylonische Sprachgewirr, sondern hauptsächlich Tschechisch. Die Vereinigung „Islám v České republice nechceme“ („Wir wollen keinen Islam in Tschechien“) ruft zur Kundgebung gegen die vermeintliche Islamisierung des Abendlandes auf. Erwartet wurden von Organisatoren und Sicherheitskräften mehrere Tausend Demonstranten und Gegendemonstranten.

Bei Betreten des Burgplatzes fällt sofort auf, dass sich beide Seiten arg verschätzt haben. Die Nachrichtenagentur ČTK gab später die Zahl 600 bekannt, die Polizei sollte von lediglich 300 Teilnehmern sprechen. Auch ich zähle grob nach und errechne bis zu 1.000 Anwesende. Auf jeden Fall sind es deutlich weniger, als von verschiedenen Seiten erhofft oder befürchtet wurde.

Die Stimmung wirkt zunächst entspannt, fast schon friedlich. Es werden Schilder in die Höhe gehalten, auf denen menschenfreundlich anmutende Parolen wie „Freiheit und Demokratie“ oder „Behütet den Frieden für unsere Kinder und die Welt“ stehen. Auf anderen liest man „Nein zu Totalitarismus“ oder „Wir wollen keine islamische Immigration“. Ein junger Mann hält ein Plakat in die Höhe, auf dem eindeutige Symbole zu erkennen sind: ein grüner Halbmond und ein Hakenkreuz, dazwischen das Gleichheitszeichen.

Am Rande der Versammlung, umgeben von einigen Ordnungshütern in leuchtgelben Jacken, stehen rund 25 Gegen­demonstranten. Eine mutige kleine Gruppe, die sich zwar freuen dürfte, dass „nur“ einige Hundert Menschen gegen den Islam protestieren, sich ihrerseits aber ebenso mehr Gleichgesinnte gewünscht hätte. „Die Tschechen sind ein politisch träges Volk, deshalb sind auf beiden Seiten weit weniger Leute erschienen als prognostiziert“, analysiert die 30-jährige Barbora die Lage. Die Pragerin arbeitet für eine tschechische Nichtregierungsorganisation und will einer weltoffenen und aufgeklärten Republik eine Stimme geben. Kurz darauf ruft sie im Chor mit ihren zwei Dutzend Kollegen „Für ein solidarisches Tschechien“ in Anlehnung an die geplante Aufnahme syrischer Flüchtlingsfamilien. Von der Gegenseite wird die Gruppe nach nur wenigen Sekunden mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert eingedeckt. Akustisch haben Barbora und ihre Freunde keine Chance.

Erstaunlich heterogen
Kurz darauf erhebt Martin Konvička, Sprecher der veranstaltenden Initiative, seine Stimme auf dem Rednerpult. Er beginnt damit, die Gemeinde der versammelten Islamkritiker aus der rechten Ecke zu argumentieren. „Wenn ich hier in die Runde schaue, so sehe ich weder Fremdenfeindliche noch Neonazis, sondern nur Menschen unterschiedlichsten Alters und sozialer Herkunft, die die Liebe zur Freiheit vereint.“ Und in der Tat: Schaut man sich im Kreise der Demonstranten um, so erkennt man viele junge Menschen in trendigen Kleidern, ältere Damen mit Pelzmänteln und sogar Familien mit kleinen Kindern. Die Demonstrantenschar erscheint erstaunlich heterogen.
Doch schärft man seinen Blick etwas, so fallen eben auch einige junge Männer in schwarzen Kapuzenpullis mit eindeutigen Aufschriften auf. Die Veranstalter wehren sich noch Tage später in allen möglichen Medien, dass auch Neonazis unter den Protestierenden gewesen sein sollen. Doch ob die sechsköpfige Gruppe von rund 30-Jährigen mit Springerstiefeln und Bomber­jacken wirklich nicht zu jenen politischen Wirrköpfen gehört und nur rein zufällig auf dem Hradschin ist, kann man zumindest stark anzweifeln. Weitere ähnlich aussehende Personen sind immer wieder unter den Teilnehmern auszumachen, auch wenn dies viele etwas moderatere Islamgegner gerne ignorieren.

Konvička läuft – entgegen der sinkenden Außentemperatur – langsam warm. Er spricht von einer akuten terroristischen Bedrohung seitens islamistischer Extremisten für das Abendland. Beifall ertönt und immer wieder der lautstark skandierte Slogan „My jsme tady doma“ („Wir sind hier zuhause“).

Inmitten der Menge stehen auch Mirka, Tomáš und Jitka, drei Studenten zwischen 22 und 25 Jahren. Auf dem beigefarbenen Karton, den sie in die Höhe heben, steht „Stop Halal“. „Wir wollen damit einfach ausdrücken, dass wir gegen die Exzesse eines radikalen Islam sind“. Gegen den moderaten Islam und angepasste Einwanderer hätten sie nichts. Der Frage, ob sie auch vor muslimischen Immigranten in Tschechien Angst hätten, weichen sie aus. Das Gespräch ist damit beendet, während eine rund 50-jährige Dame nebenan von der Anwesenheit der Presse Wind bekommen hat und den Reporter mit Hasstiraden auf Sozialschmarotzer eindeckt.

Die Atmosphäre wird zunehmend aggressiver. Durch die Menschenmassen drängen sich immer wieder solche, die eine kleine Kamera in der Hand halten und die Teilnehmer filmen. Dasselbe geschieht vor dem kleinen Häufchen Gegendemons­tranten.

Man belauert einander und spioniert sich gegenseitig aus. „Vor denen habe ich keine Angst. Aber davor, dass diese Bewegung immer größer werden könnte schon“, erklärt Barbora. Sie hält den Anteil von rassistisch Motivierten an dieser Veranstaltung für ziemlich groß. „Es ist die Angst vor dem Fremden, die diese Leute eint.“

Fünf Meter weiter diskutieren zwei Vertreter der jeweiligen Lager angeregt miteinander. Petr, 45 Jahre alt, fragt sich, warum zur Zeit alle nur von den Opfern der Terroranschläge in Paris reden und kaum jemand von den Massakern der Boko-Haram-Milizen in Nigeria. Der etwa gleichaltrige Gesprächspartner möchte aber lieber wissen, was dies genau mit Tschechien und einer drohenden Islamisierung zu tun habe. Am Ende verabschieden sich die beiden auf unversöhnlichen Positionen verharrend, aber immerhin mit Handschlag. Ganz so eisig wie das frostige Wetter ist die Stimmung gegenüber dem Antipoden also nicht bei allen Demonstranten.

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