Wellenbad mit Tradition

Wellenbad mit Tradition

Vor 50 Jahren eröffnete das Schwimmstadion Podolí. Bis heute lockt es täglich Tausende Besucher – und ist durch eine Rohrleitung mit den Studios des Tschechischen Fernsehens verbunden

16. 7. 2015 - Text: Corinna AntonText: ca/čtk; Foto: Corinna Anton

 

An manchen Stellen sieht man dem Podolí-Bad sein Alter an. Hier ein Fleck an den Kacheln, dort ein wenig Rost um den Sprungturm – 50 Jahre haben in der Schwimmhalle ihre Spuren hinterlassen. Aber die Liegewiese ist voll, das Wasser in den Außenbecken himmelblau und die Schlange an der Rutsche lang. Die Badegäste stören sich nicht an den Gebrauchsspuren des an der Moldau gelegenen Hallen- und Freibades.

Wo heute Besucher ihre Bahnen ziehen, wurde bis Kriegsende noch Kalkstein abgebaut. Danach blieb eine Fläche, die an drei Seiten vor Wind geschützt war und auf die fast den ganzen Tag die Sonne schien – wie geschaffen für ein Freibad. Doch es sollte nicht bei einem kleinen Teich mit Liegewiese bleiben. Aus einer Reihe von Vorschlägen wählte eine Kommission Mitte der fünfziger Jahre den Entwurf des Architekten Richard Podzemný aus: ein wellenförmiges Gebäude aus Glas und Beton, das die Außenfläche mit ihren 50 und 33 Meter langen Becken zur Moldau hin vor Wind schützt, als Tribüne für 5.000 Zuschauer dient und im Inneren ein weiteres 50 Meter langes Becken beherbergt.   

Die Bauarbeiten begannen noch im Herbst 1959 und schon im folgenden Jahr fanden auf der Anlage die ersten Schwimmwettkämpfe statt – allerdings unter spartanischen Bedingungen, wie Zeitzeugen berichten. Die Becken hatten noch keine Filter und für die Beheizung sollten zwei Dampfmaschinen sorgen, jedoch ohne großen Effekt. Besser waren die Umstände Ende Juni 1965, als das Schwimmstadion offiziell eingeweiht wurde. Gemeinsam mit den beiden Außenbecken, den Sprungtürmen und der technischen Ausstattung hatte das Podolí-Bad insgesamt 48 Millionen Tschechoslowakische Kronen gekostet. Die Ersten, die offiziell im neuen Stadion schwimmen durften, waren die Teilnehmer der Spartakiade am 24. Juni; vier Tage später öffnete das Bad auch für die Bevölkerung.  Nach Žilina (heute Slowakei) und Olomouc war Prag nun die dritte Stadt des Landes, die ein überdachtes Bad mit 50-Meter-Becken vorweisen konnte. Das erste Hallenbad war allerdings schon früher eröffnet worden –  es entstand 1925 als Teil des Tyrš-Hauses (Tyršův dům) auf der Kleinseite und erfüllt bis heute seinen Zweck.

Für viele Prager wurde die neue Anlage rasch ein beliebtes Ausflugsziel. Vor allem an heißen Sommertagen gab es häufig lange Schlangen an den Kassen. Ein Besucherrekord wurde 1973 aufgestellt, als 2,3 Millionen Menschen zum Schwimmen kamen – im Durchschnitt 6.394 pro Tag. Die Kapazitäten waren damit erschöpft, das Bad wurde immer weiter ausgebaut. Bereits 1967 war das kleinere der beiden Außenbecken erstmals auch im Winter geöffnet. Was für damalige Verhältnisse zunächst seltsam erschien, wurde bald zur Tradition: Mitten in der eingeschneiten Stadt im 26 Grad warmen Wasser zu schwimmen, war für viele Gäste ein besonderes Erlebnis.

Eine andere ungewöhnliche Idee sorgt bis heute für die richtige Temperatur in den Becken: Mitte der achtziger Jahre wurde das Schwimmbad durch eine Rohrleitung mit dem nahe gelegenen Hauptgebäude des Tschechischen Fernsehens verbunden. Dort wird das kalte Wasser aus Podolí verwendet, um die Studios zu kühlen, bevor es lauwarm wieder zurückfließt.

Mehr als die technischen Details lockt die Besucher – täglich sind es im Schnitt rund 2.500 – heute wohl das Gesamtpaket nach Podolí. Neben Innen- und Außenbecken samt Liegeflächen finden Gäste auf dem Gelände unter anderem ein Fitnesscenter, eine Tauchschule und einen Frisör. Zu den Höhepunkten der 50-jährigen Geschichte zählen jedoch vor allem sportliche Großereignisse. So wurden im Jahr 1997 die European Masters Championships im Podolí-Bad ausgetragen, an denen rund 3.400 Schwimmer und Turmspringer aus 32 Ländern teilnahmen. Bei den Wettkämpfen stellten sie drei neue Weltrekorde auf.

Weniger bekannt ist, dass in dem Stadtion ein noch wichtigeres Ereignis stattfinden sollte. Ende der sechziger Jahre kam in der Tschechoslowakei der Vorschlag auf, sich mit Prag als Austragungsort um die Olympischen Spiele 1980 zu bewerben. Sehr wahrscheinlich wäre dann im Podolí-Bad um Medaillen geschwommen worden. Doch das Ende des Prager Frühlings brachte auch das Aus für die Olympia-Pläne, die nicht weiter verfolgt wurden.

Schwimmstadion Podolí, Podolská 74, Prag 4, täglich 6 bis 21.45 Uhr, Eintritt 160 CZK (ermäßigt 90/100 CZK), Ermäßigungen am Nachmittag, www.pspodoli.cz