Von Ochsen und „schwarzen Schafen“

Von Ochsen und „schwarzen Schafen“

Ein Buchprojekt beleuchtet den bayerisch-böhmischen Grenzschmuggel im Wandel der Zeit

7. 11. 2012 - Text: Maria Hammerich-MaierText: mah/PZ; Foto: KH Schröpfer

 

Schmuggel und dubiose Geschäfte existieren wohl, seitdem es Grenzen gibt. Auch an der bayerisch-böhmischen Grenze blüht der illegale Handel mit den verschiedensten Gütern schon seit  Jahrhunderten. Sorgt gegenwärtig vor allem die Droge Crystal immer wieder für Schlagzeilen, so berichtet eine Chronik des gesetzwidrigen Grenzverkehrs zwischen Bayern und Böhmen von abstrusen Waren wie Pferdeäpfeln und in Windeln getarnten Zuckerhüten, von Eseln und Ochsen sowie von heute eher harmlosen Tauschgütern wie Kaffee, Tee und Schuhen. „Schmuggler und Schwirzer an der böhmischen Grenz‘“ heißt ein neues Buch, das der gemeinnützige Verein „Über d‘Grenz e.V.“ nun in kleiner Auflage in jeweils deutscher und tschechischer Sprache veröffentlicht. Darin enthalten sind allerhand Geschichten rund um den ungewöhnlichen Grenzverkehr, von abstrus über amüsant bis hin zu spannend und dramatisch.

Die Idee zu dem grenzüberschreitenden Projekt hatte Ivan Falta, Vorsitzender des Vereins im bayerischen Zwiesel. Es war ihm und seinem tschechischen Partner Karel Pokorný ein großes Anliegen, die spannenden, zum Teil sonderbaren Schmugglergeschichten aus Sicht beider Länder in einem reich bebilderten Buch geschichtlich festzuhalten.

Als Autoren gewannen die Organisatoren Volkskundler Reinhard Haller, Journalistin Marita Haller, Historiker Sven Bauer und Jan Jirák, Archivar des tschechischen Museums in Klattau. Marita Haller nahm vor allem die dramatischen oder lustigen Schmuggler- und Grenzgeschichten ins Visier und interviewte Nachfahren von Schmugglern; Reinhard Haller widmete sich den inzwischen überwiegend verstorbenen Zeitzeugen. Mit der Entwicklung der Zollvorschriften befasste sich Bauer; die Grenz- und Finanzwacht beleuchtet Jirák. Der Archivar ging in Zusammenhang mit der Landesgrenze auch ausführlich auf die traurige Neuzeitgeschichte der benachbarten Länder ein. Das beschriebene Gebiet erstreckt sich auf deutscher Seite von Schönsee bis hin zum österreichischen Mühlviertel; auf tschechischer Seite von der Region Domažlice (Taus) bis Lipenská přehrada (Stausee Lipno) im Südwesten des Landes. Die Geschichten reichen zurück bis zur Antike und schließen mit der Jetztzeit.

Mit Schnaps und Fichtenzweigen
Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise florierte vor allem der Schleichhandel mit Hornvieh; er wurde in großem Stil durchgeführt: „Schwirzer banden sich Fichtenäste unter die Sohlen, um ihre Spuren zu verwischen. Junge Schweine betäubte man mit Schnaps und brachte sie im Heuwagen nach Bayern. (…) Mehrere hundert Meter voraus ging ein Kundschafter, der die Aufgabe hatte, die Sicherheit des Weges zu erkunden. Bei größeren Viehtransporten waren 15 bis 20 Spione im Einsatz, die den Transport durch Vor- und Seitenpatrouillen und Posten gesichert haben.“

Berichtet wird ebenfalls über die mühsame und gefährliche Arbeit der Zollbeamten beiderseits der Grenze, vor allem aber über die findigen Schmuggler, Pascher oder Schwirzer, wie der Volksmund sagt – von Leuten also, die dieses „Handwerk“ auf mannigfaltige Art und Weise, aus unterschiedlichsten Gründen, amateurhaft oder professionell, „hauptberuflich“ oder nur gelegentlich, im Grenzland ausgeübt haben. Oft drehte es sich um Wirtschaftskriminalität, noch öfter aber um das nackte Überleben einfacher Leute in der armen und vernachlässigten Grenzregion. Den Schmugglern drohten in der Regel harte Strafen – von Geld- über Haftstrafen bis hin zur Todesstrafe. Bei mehrfachem Zollbetrug erwartete sie die sogenannte „Galeerenstrafe“: Die Pascher mussten ihre Strafe auf Kriegsschiffen ableisten.

Beim Lesen über das Schmuggeln und Schwirzen über die bayerisch-böhmische Grenze im Laufe der gemeinsamen Geschichte kann der Leser mit Überraschung erkennen, wie aussagekräftig das Thema für die geschichtliche, wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung der Dreiländerregion Bayern-Böhmen-Österreich eigentlich ist.

Im Rahmen einer Lesung zur Ostbayerischen Bücherschau am 10. und 11. November im Zwieseler Kulturzentrum „Ehemalige Mädchenschule“ wird das Buch erstmals öffentlich präsentiert. Auf der Buchmesse sind außerdem zahlreiche Verlage aus Österreich, Bayern und dem Böhmerwald vertreten.

Über d’Grenz e.V. (Hrsg.): Schmuggler und Schwirzer an der böhmischen Grenz‘“, 250 Seiten, 23,90 Euro, ISBN 978-3-00-039896-4



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