„Viele interpretieren Demokratie als Möglichkeit das zu tun, was ihnen nützt“

„Viele interpretieren Demokratie als Möglichkeit das zu tun, was ihnen nützt“

Jaroslav Vodička stellt der tschechischen Gesellschaft ein schlechtes Zeugnis aus

31. 10. 2012 - Interview: Bernd Rudolf

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In seiner Rede im Prager Nationalmuseum anlässlich des Jahrestages der Gründung der Tschechoslowakei kritisierte Jaroslav Vodička den Zustand der tschechischen Gesellschaft. Laut dem Vorsitzenden des Tschechischen Verbandes der Widerstandskämpfer (ČSBS) habe sich der Staat weit von den Idealen eines Tomáš Garrigue Masaryk entfernt. Bernd Rudolf sprach mit Jaroslav Vodička über das Leitbild Masaryk, einem Mangel an Moral sowie über das Erstarken der Kommunisten.

In Ihrer Festrede bezeichneten Sie die tschechische Gesellschaft als Gegenteil einer Gesellschaft, wie sie sich Masaryk vorgestellt hatte. Wie meinen Sie das?
Jaroslav Vodička: Masaryks Vision der Tschechoslowakei entwarf das Bild einer offenen Gesellschaft. Für ihn bedeutete Demokratie einen ständigen Dialog, Toleranz, Gerechtigkeit und Anstand. Masaryks Demokratie bedeutete nicht eine Herrschaft über die Bürger, sondern eine Herrschaft für die Bürger. Unsere Realität scheint dem ziemlich zu widersprechen.
Demokratie bedeutet vor allem Diskurs. Leider fehlt bei uns eine lebhafte öffentliche Debatte. Oft sind es nur verbale Attacken, Beleidigungen oder populistische Phrasen, die von den politischen Akteuren ausgespuckt werden.

Die Kommunisten waren bei den letzten Kreiswahlen sehr erfolgreich. Gefährden sie die Demokratie?
Vodička: Ich halte die Kommunisten nicht für gefährlich. Obwohl sie sich bis heute nicht für begangene Fehler öffentlich entschuldigt haben, hoffe ich, dass sie dazu gelernt haben, und – wie ihre Vertreter immer wieder betonen – die Prinzipien der Demokratie nicht in Frage stellen. Unsere Politiker waren recht taub und haben verdrängt, wie sehr ihr Volk immer wieder Missstände wie Korruption, Amtsmissbrauch und den Verlust von sozialer Sicherheit angeprangert hat. Das hat dazu geführt, dass bei den letzten Wahlen jene Parteien viele Stimmen erhielten, die Sicherheit in ihren Programmen verankert haben.

Welche Lösungsvorschläge haben Sie für eine funktionierende Demokratie?
Vodička: Die Bürger wünschen sich vor allem soziale Gerechtigkeit und Absicherung – Bildungs- und Chancengleichheit, eine angemessene Altersvorsorge und den Aufbau eines funktionierenden Sozialsystems. Kurzum einen Staat, der sich auch um das Wohl seines Volkes kümmert. Als ČSBS-Vorsitzender halte ich es für enorm wichtig, sich mit dem derzeitigen Erstarken der Kommunisten zu befassen. Allerdings sollte man auch einige positive Seiten der Vergangenheit nicht leugnen. Die Verteidigung des Rechts, der Würde, die Bekämpfung von Korruption und ein selbstbewusstes Auftreten gegenüber sogenannten Eliten und Reichen darf jedoch nicht mit einer Rückkehr zum Kommunismus gleichgesetzt werden.

Sie haben in Ihrer Rede auch angesprochen, dass sich das Land in einer sozialen und moralischen Krise befindet…
Vodička: Ich beklage vor allem den moralischen Niedergang. Wir sind mittlerweile weit abgekommen von den Idealen, auf deren Grundlage die unabhängige Tschechoslowakei einst gegründet wurde. Gemeint sind damit vor allem Engagement und Ehrlichkeit.

Woran machen Sie die mangelnde Moral konkret fest?
Vodička: Es genügt schon, einen Blick in eine Parlamentssitzung zu werfen. Viele Auftritte der Abgeordneten bezeugen eine deutliche Abwesenheit von Moral und Gewissen. Politiker scheinen Demokratie sehr individuell zu interpretieren, nämlich als Möglichkeit, das zu tun, was ihnen nützt.

Die meisten Tschechen sind Atheisten. Ist das ein Grund für den  Mangel an Moral in der von Ihnen kritisierten Gesellschaft?
Vodička: Das sehe ich nicht so. Auch Masaryk machte keinen Unterschied zwischen Moral und Religion. „Moral ist keine Religion und Religion ist keine Moral“, sagte er. Eine Person kann sehr religiös, der Kirche und deren Dogmen ergeben sein und dennoch unmoralisch handeln. Das hat die Vergangenheit oft bewiesen.

In welchem Land sehen Sie die Werte Masaryks am ehesten verwirklicht?
Vodička: Diese Frage wage ich nicht zu beantworten. Eine perfekte Demokratie gibt es nirgends auf der Welt.