Unterschriftenjagd für den Maori-Präsidenten

Unterschriftenjagd für den Maori-Präsidenten

Zwölf Kandidaten melden sich zur Direktwahl – Ein Tag am Petitionstand von Vladimír Franz verspricht einen hitzigen Winter

7. 11. 2012 - Text: Martin NejezchlebaText und Foto: Martin Nejezchleba

Franz polarisiert. Sein Antlitz scheint in der Fußgängerzone nur zwei Reaktionen zuzulassen: Unterschreiben oder Kopfschütteln. In letzteres verfällt gerade eine ältere Dame. Vehement wackelt ihre rosa Wollmütze hin und her. Vorwurfsvolle Blicke.

František Fröhlich kennt das. Schließlich sitzt er seit mehr als drei Monaten hier. Eine Insel der Gelassenheit im hektischen Treiben am Prager Verkehrsknotenpunkt Anděl. Er sammelt Unterschriften für den Präsidentschaftskandidaten Vladimír Franz. Ein Tag mit ihm am Infostand gibt Aufschlüsse darüber, welche Stimmung die im Januar anstehende erste Direktwahl des tschechischen Staatspräsidenten unter den Leuten auslöst.
Kandidieren können Staatsangehörige über 40 Jahre, die zehn Senatoren, 20 Abgeordnete oder 50.000 Bürger hinter sich wissen. Franz setzte auf den Weg der Volkspetition – mit Erfolg. Am Montag zog er den Bilanzstrich unter die Kampagne: 88.400 Unterschriften. Das Innenministerium hat rund zwei Wochen Zeit, um die nunmehr zwölf eingereichten Registrierungen und die dazugehörigen Petitionslisten auf Richtigkeit zu prüfen.

Die Umfragen führen weiterhin die ehemaligen Premiers Jan Fischer und Miloš Zeman an. Gute Aussichten auf den Posten des ersten vom Volk gewählten Staatsoberhaupts hat laut manchen Studien der populistische Neu-Senator Tomio Okamura. Binnen weniger Wochen gelang es ihm nach eigenen Angaben die erforderlichen Unterschriften zu sammeln. Weitere gesetzte Kandidaten sind Außenminister Karel Schwarzenberg, die EU-Abgeordnete Zuzana Roithová, der Vize-Senatsvorsitzende Přemysl Sobotka und der stellvertretende Vorsitzende der ČSSD Jiří Dienstbier. Am Montag reichte auch die Rechtspopulistin Jana Bobošíková ihre Petitionsseiten beim Ministerium ein, am Dienstag die Schauspielerin Táňa Fischerová, die von den Grünen unterstützt wird.

Dass Außenseiter Franz überhaupt die erste Hürde zur Wahl im Januar nimmt, hätte er vor drei Monaten selbst nicht geglaubt. Jetzt zeigt er sich kampflustig: Nach 20 Jahren „Morast“ sei es Zeit für entschiedene Änderungen in der Politik. Seine Kampagne bezahlte Franz aus der eigenen Tasche, Unterschriftensammler wie František arbeiten ohne Bezahlung.

Die Rentnerin kann nicht mehr an sich halten. „Ich verstehe Sie nicht“, fasst sie endlich Mut und spricht den Unterschriftenjäger an, „wie könnt ihr jungen Leute so ein Ungeheuer als Präsidenten haben wollen?“ Die Empörung der Fußgängerin hat ihren Grund: Franz’ Hautfarbe. Blaue Tattoos, die an die Stammesführer der neuseeländischen Maori erinnern, bedecken den Großteil des womöglich präsidialen Körpers in spe. Auch das Gesicht, das die Dame von den Rollplakaten anlächelt.

Der Stand im Stadtteil Smíchov bringt Franz viele Unterschriften ein. Von allen Seiten rattern ununterbrochen Straßenbahnen heran. Leute steigen ein, um, aus. Die Metrostation spuckt immer neue Menschenschwalle aus.

Über das perfekte Chaos auf dem weißgrau-gepflasterten Platz beugt sich ein Engel – auf Tschechisch Anděl. Der Ort ist nach einem Gasthaus benannt, das hier bis 1980 stand und dessen Fassade ein goldener Himmelsbote schmückte. Heute stehen hier Multiplex-Kinos, ein riesiges Einkaufszentrum und ein organisch geschwungener Büropalast. Von dessen Glasfassade blickt melancholisch eine geflügelte Gestalt, Wim Wenders’ „Himmel über Berlin“ entliehen.

Während František nur abwinkt und seine eisigen Finger an einem Take-away-Kaffee wärmt, nimmt seine Kollegin Lucie die Herausforderung an. „Tattoos sind Ausdruck persönlicher Freiheit“, sagt die 23-Jährige und zieht sich die Kapuze ihres blauen Daunenmantels über die Fellmütze. Energisch redet sie auf die Skeptikerin ein. „Sollte man einen Menschen nicht nach seinen Taten bewerten?“ Die Frau schüttelt weiter den Kopf: Ja, er ist studierter Jurist, ja, er unterrichtet an der Akademie der Musischen Künste, ja, er komponiert für die Staatsoper. Aber … nein! Mit diesem Gesicht. Normal kann der nicht sein.

Die Lage spitzt sich zu. Ein nervös wippender Junge gesellt sich zum Streitgespräch. „Was wollen Sie sonst, die Kommunisten zurück?“ Die Frau dreht sich um und geht. Der Junge reißt die Unterschriftenliste an sich und kaut heftig auf seinem Kaugummi. „Alle Kommunisten erhängen soll er“. František hebt die Augenbrauen. „Diskussionen haben hier keinen Zweck. Die Leute kommen mit fertigen Meinungen“, erklärt der gelernte Fernsehtechniker.

Lucie ist idealistischer. „Wenn Franz gewählt wird, hat mein Leben einen Sinn“, sagt sie und rennt ein Runde um den Stand. „Wenn es bloß nicht so verdammt kalt wäre!“ Minusgrade Anfang November, damit hat keiner gerechnet. Und warum gerade Franz? „Er ist einer von uns, er ist kein korrupter Politiker“, erklärt Lucie entschlossen.

Diskussionen über das Wahlprogramm gibt es hier nicht. Wer Fragen hat, nimmt sich eine Broschüre. Wer unterschreibt, bekommt ein Ausmalbild des tätowierten Präsidentschaftskandidaten. Dann geht es doch noch ans Eingemachte: „Franz soll sich um die Wende herum den Neonazis angeschlossen haben. Was ist da dran?“, fragt eine interessierte Frau mit Kinderwagen. František verweist auf die liberalen Einstellungen des Künstlers, der sich beispielsweise gegen Homophobie stark macht. Der Kandidat selbst spielt seine Verbindung mit der rechtsextremen Orlík-Gruppe gerne herunter. Damals seien alle möglichen Underground-Bewegungen auf Konzerten zusammengetroffen, als Neo-Nazi hätte sich damals keiner verstanden. Er selbst habe sich dort aus „soziologischem“ Interesse für alternative Strömungen der Gesellschaft herumgetrieben.

Der Himmel über Prag färbt sich rot. Das Franz-Team hat Verstärkung bekommen: Frau Helena. Nach drei Jahrzehnten auf Neuseeland ist sie nach dem Tod ihres Mannes in die alte Heimat zurückgekehrt. „Die Leute hier sind so engstirnig“, sagt die zierliche 77-Jährige während jemand seine Personalien auf die Liste kritzelt. Franz soll es richten.

Rushhour. Der feierabendliche Menschenstrom droht den Pavillon mit sich zu reißen. Endlich fährt František mit einem zerbeulten Van vor. Wenige Handgriffe und zu Füßen des Engels bleibt keine Spur vom Maori-Präsidenten. Auf 450 Unterschriften schätzt František die heutige Ausbeute.
Vor der Registrierung zur Präsidentschaftswahl findet am Kongresszentrum ein Happening statt. Der Komponist möchte seine  Stammesangehörigen im Rücken haben. Nicht nur die Reaktionen auf seine Infostände in den Fußgängerzonen des Landes deuten darauf hin, dass den Tschechen vor der Direktwahl ein hitziger Winter bevorsteht.



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