Über den Tellerrand schauen

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Die Erben der Vertreibung – Sudetendeutsche und Tschechen heute (Teil 2): Antonia Goldhammer, Journalistin

3. 9. 2014 - Text: Ralf PaschText: Ralf Pasch

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„Eigentumsfragen dürfen heute keinen Einfluss mehr auf die Versöhnung zwischen Deutschen und Tschechen haben.“ Dieser Satz steht in einer politischen Erklärung der Sudetendeutschen Jugend (SdJ). Wer die gängigen Klischees von Vertriebenenverbänden im Kopf hat, erwartet solche Worte nicht. Es sind nicht die einzigen dieser Art. „Das Recht auf Heimat“, fordert die SdJ in jenem Papier, sei zu achten, „auch das der inzwischen in dritter Generation dort lebenden Tschechen“. In dieser Erklärung, die der Jugendverband zu seinem 60. Gründungsjubiläum im Jahre 2010 veröffentlicht hatte, stellen sich die SdJler auch die Aufgabe, „an der Aufarbeitung deutscher Schuld mitzuwirken“.

Antonia Goldhammer aus Bayreuth schrieb an diesem Papier mit, wichtig ist ihr darin auch die Formulierung, dass die SdJ „in ihrer Arbeit und Meinungsbildung eigenständig“ sei. Auch wenn es, wie sie einräumt, kein neuer Gedanke sei, da die Jugend von Anfang an auf ihrer eigenständigen Position beharrt habe. Ein Indiz ist für sie, dass der Verband, der zunächst „Junglandsmannschaft“ getauft worden war, wenig später in Sudetendeutsche Jugend umbenannt wurde.

Goldhammer arbeitet nicht nur in der SdJ mit, sie ist auch in die Bundesversammlung der Sudetendeutschen Landsmannschaft, das höchste Gremium der „Volksgruppe“, gewählt worden. Ihr politisches Engagement kommt nicht von ungefähr. Ihre Mutter ist – obwohl dem Jugendalter längst entwachsen – bis heute SdJ-Mitglied. Deren Eltern kommen aus Nordböhmen, sind Sudetendeutsche, Vertriebene. Als Kind, erinnert sich Goldhammer, war ihr nicht klar, was sich hinter diesen Begriffen verbirgt. „Ich wusste, dass meine Großeltern Tschechisch beherrschen, dass sie etwas anders sprechen als die Einheimischen, Hausschuhe waren für sie Botschn, das Hemd ein Leibl.“

Erzählte der 1910 geborene Großvater, dass er als Kind die Zeit des Ersten Weltkrieges erlebt und als junger Mann in der Armee der Tschechoslowakischen Republik gedient hatte, und dass er später für die deutsche Wehrmacht in den Krieg ziehen musste, war Goldhammer „beeindruckt, dass er zwei Kriege miterlebt hat“. Ihre 1920 zur Welt gekommene Großmutter schwärmte oft davon, wie schön das nordböhmische Städtchen Dux (Duchcov), das Schloss und die Parkanlage gewesen seien. Die Geschichten der Großmutter endeten oft mit den Worten: Alles vorbei … Erwiderte die Enkelin: Du könntest doch mal wieder dorthin fahren!, bekam sie zur Antwort: Besser nicht, dann muss ich weinen. „Ich fragte als Kind nicht weiter nach, ich fand es lediglich schlimm, dass sie nicht zurückkehren kann.“ In der Grundschulzeit, Goldhammer mag acht gewesen sein, saß sie eines Abends mit der Mutter am Tisch und die erzählte plötzlich die Geschichte ihrer Eltern. „Dieses Gespräch erschütterte mich sehr, ich fand es unglaublich, dass meine Großeltern so etwas Schlimmes erlebt hatten. Von dem Moment an war es mir ein Anliegen, dass alle erfahren, was passiert ist.“

Ihr Großvater mütterlicherseits wuchs in Obernitz (Obrnice) in der Nähe von Teplitz-Schönau (Teplice-Šanov) auf, seine Mutter war Tschechin, sein Vater Deutscher. Er arbeitete als Buchhalter in einer jüdischen Eisenwarenhandlung. 1942, mitten im Krieg, heiratete er seine Frau, die eine Ausbildung bei einer Bank gemacht hatte. Sein Glück war, dass er als Soldat nicht an vorderster Front kämpfte, sondern mit einer Militärmaschine von Standort zu Standort flog und Propaganda-Filme zeigte. Als Kriegsgefangener fiel er den Engländern in die Hände. Als der Krieg zu Ende ist und sich abzeichnet, dass die Deutschen die Tschechoslowakei verlassen müssen, häufen sich unter den deutschen Bewohnern von Dux Selbstmorde, viele sind verzweifelt, weil sie nicht wissen, wie es weitergeht. Eines Tages tauchen früh am Morgen Tschechen im Haus von Goldhammers Großmutter auf. Die Familie, so lautet die Anordnung, soll sich mit 30 Kilogramm Gepäck pro erwachsener Person, ohne Wertsachen, bereithalten. Sie schließen die Bewohner ein, nehmen die Schlüssel mit und kündigen an: Wir holen euch in zwei Stunden ab! […]

Die Geschichten über die Vertreibung und das schwierige Ankommen in der Fremde hörte Goldhammer als Kind immer wieder. „Oft waren die Großeltern wütend darüber, dass ihnen und ihren Leidensgenossen scheinbar keiner zuhöre, dass man sich offenbar nur um die Aufarbeitung anderer Aspekte der Vergangenheit kümmere. Mit elf oder zwölf Jahren machte mich das sehr betroffen. Endeten solche Gespräche mal wieder in Aufregung und Verzweiflung, versprach ich den Großeltern: Ich werde darüber reden!“

Mit 15 soll sie in der Schule ein Referat über den Zweiten Weltkrieg halten, da nimmt sie sich vor, die Geschichte ihrer Großmutter zu erzählen, die ihre Erinnerungen aufgeschrieben hatte. „Als ich es las, fand ich es furchtbar.“ Vieles wirkte schwarz auf weiß noch schlimmer als sie es aus den Erzählungen kannte. Heute meint sie: „Wenn einem schreckliche Dinge widerfahren sind und dieses Leid nicht akzeptiert, sondern sofort nach dem Kontext gefragt wird, traumatisiert einen das wohl ein zweites Mal. Ich finde es richtig, dass der Kontext hergestellt wird, aber man muss jemanden zunächst mal in seinem Leid akzeptieren, ohne es zu bewerten. Das ist lange nicht möglich gewesen.“

Goldhammers Mutter hat anders als ihre ältere Schwester die Vertreibung nicht erlebt. Sie kam vier Jahre nach Kriegsende in Deggendorf zur Welt. „Als Niederbayerin würde sie sich deshalb wohl nicht bezeichnen, eher als Sudetendeutsche“, vermutet Tochter Antonia. „Ob sie tatsächlich einen Bezug zu Böhmen hat, weiß ich nicht, sie war zu selten dort.“ […]

 

Zum Buch
Die Besetzung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich und die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien am Ende des Zweiten Weltkriegs sind dunkle Kapitel einer gemeinsamen Geschichte. Die Ereignisse liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, doch ihre Folgen sind bis heute spürbar – auch für die dritte Generation. Obwohl die Nachgeborenen längst dort ihre Heimat gefunden haben, wo sie heute leben, versuchen sie in einer Zeit, in der die Erlebnisgeneration auch in den sudentendeutschen Verbänden abtritt, auf ihre Art mit diesem schwierigen Erbe umzugehen.

Der Journalist Ralf Pasch, selbst Nachkomme von Deutschen aus Böhmen, hat fünfzehn Enkel aus Deutschland, Tschechien und Österreich dazu befragt, wie es ihnen mit ihrer Familiengeschichte gelingt, sich zu versöhnen. Die „Prager Zeitung“ stellt insgesamt vier Porträts auszugsweise vor, die vor kurzem unter dem Titel „Die Erben der Vertreibung – Sudetendeutsche und Tschechen heute“ erschienen sind.

Ralf Pasch: „Die Erben der Vertreibung“. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014, 232 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-95462-236-8