Theater ohne Eingang

Theater ohne Eingang

Der private Eigentümer des Theaters am Geländer kündigt den Mietvertrag für einen Teil des Gebäudes. Die Stadt sucht nach einer Lösung

8. 1. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: aktron

 

Es ist mit Namen wie Václav Havel und Jan Grossman verbunden: Im Prager Theater am Geländer (Divadlo na zábradlí) entwickelte sich in den sechziger Jahren das tschechische Absurde Theater, in den Siebzigern diente es als Zufluchtsort für in Ungnade gefallene Filmregisseure der Neuen Tschechischen Welle. Nun droht dem Theater ein Spielstopp mitten in der Saison. Weil die Stadt als Eigentümer des Theaters mit der Firma streitet, die einen Teil des Gebäudes besitzt, könnte es Anfang Februar zu einer grotesken Situation kommen: Der Haupteingang dürfte nicht mehr genutzt werden, das Publikum würde nicht mehr auf die Zuschauerplätze gelangen.

Seit Anfang der neunziger Jahre sind die Eigentumsverhältnisse im Theater am Geländer kompliziert: Ein etwa 80 Quadratmeter großer Teil der Fläche, die vom Theater genutzt wird, gehört nicht der Stadt, sondern zur benachbarten Immobilie, in der sich derzeit das Hotel Pachtův palác befindet. Dessen neuer Eigentümer kündigte im Juli den Vertrag mit der Stadt, welche die Fläche bis dahin gemietet hatte: den Zuschauerzugang und den Flur hinter der Bühnen. Medienberichten zufolge zahlte sie dafür seit 1992 rund 5.000 Kronen pro Monat. Jetzt will der Eigentümer die Fläche jedoch für seine eigenen Belange nutzen.

Von Kafka bis Werich
Es gehe nicht ums Geld, sondern darum, dass die Firma die Räume selbst benötige, erklärte eine Unternehmenssprecherin im Dezember im Tschechischen Rundfunk. Der für Kultur zuständige Stadtrat Jan Wolf (Trojkoalice) verhandelt noch immer mit der Firma. Bis Ende Januar hat er Zeit, das Problem im Sinne des Theaters zu lösen. Es werde auf jeden Fall weiterhin gespielt werden, sagte er am Dienstag der „Prager Zeitung“. Wie genau er eine Verlängerung zumindest bis Ende der Theatersaison im Mai erreichen will, wollte er aufgrund der laufenden Verhandlungen nicht verraten. Für die kommende Spielzeit kann er sich jedoch eine Notlösung vorstellen: Ein bestehender Zugang über den Hof könnte überdacht und als Eingang für die Zuschauer genutzt werden.

Während hinter den Kulissen um die Zukunft des Theaters gerungen wird, läuft das Programm auf der Bühne weiter. Sollte die Saison wie geplant bis Mai gespielt werden können, wird es für deutschsprachige Besucher noch drei besondere Gelegenheiten geben, das Theater am Geländer zu besuchen. Schon kommenden Freitag, 9. Januar läuft um 19 Uhr „Kabaret Kafka“ mit deutschen Übertiteln. Das Stück stützt sich auf Motive des Prager Schriftstellers Franz Kafka, vor allem der „Brief an den Vater“ wurde für die Inszenierung verarbeitet, die mit deutschen Übertiteln bereits beim Prager Theaterfestival deutscher Sprache 2013 zu sehen war. Regie führt Daniel Špinar, auf der Bühne stehen Jiří Vyorálek, Vladimír Marek, Miloslav König, Jiří Kniha und Michal Dalecký, die allesamt als Franz auftreten.

Zwei weitere Aufführungen mit deutschen Übertiteln sind für März und Mai geplant. Zuerst soll „Buržoazie“ zu sehen sein, ein Stück von Jan Mikulášek und Dora Viceniková, die auch für Regie und Dramaturgie verantwortlich sind. Die Inszenierung, die im Oktober 2013 erstmals im Theater am Geländer zu sehen war, ist eine Hommage an den spanisch-mexikanischen Filmemacher und Surrealisten Luis Buñuel. Gegen Ende der Saison soll dann auch „Korespondence V+W“ von Jan Mikulášek und Dora Viceníková mit deutschen Übertiteln gezeigt werden. Zu sehen sind Václav Vašák als Voskovec und Jiří Vyorálek als Werich in einer Inszenierung, die auf die Briefwechsel der legendären Schöpfer des „Befreiten Theaters“ zurückgeht.

Kabaret Kafka, Divadlo na zábradlí, Freitag, 9. Januar, 19 Uhr, Eintritt: 150–380 CZK



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