Südböhmens urbane Schönheiten

Südböhmens urbane Schönheiten

Telč, Jindřichův Hradec und das Zentrum von České Budějovice zählen zu den bezauberndsten tschechischen Orten des Barocks und der Renaissance

20. 3. 2014 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Hans Weingartz

Anzeige

Verlässt man das stattliche neoklassizistische Gebäude des Hauptbahnhofs von České Budějovice (Budweis), läuft der schöngeistige Tourist Gefahr, gleich wieder umzudrehen. Denn der nächste Regionalzug zum nahen Besuchermagneten Český Krumlov fährt bestimmt.

Der Blick in Richtung Stadtzentrum und Žižka-Straße stößt zunächst auf einen riesigen Einkaufskomplex, eine wichtige städtische Verkehrsachse trennt den Reisenden von einer kleinen Fußgängerzone. České Budějovice erschließt sich einem nicht sofort. Die Heimat des weltbekannten Bieres will erkundet werden. Nimmt man sich die Zeit, lernt man eine dynamische und in ihrem Kern sehr schöne Stadt kennen, die als idealer Ausgangspunkt für die Erkundung weiterer südböhmischer und südmährischer Orte dient. Von hier aus erreicht man mit dem öffentlichen oder privaten Verkehr die Renaissance-Perlen Telč (Teltsch) und Jindřichův Hradec (Neuhaus) in kürzester Zeit.

Man braucht etwa eine viertel Stunde, um vom unwirtlichen Bahnhofsgelände ins weiter westlich gelegene Stadtzentrum zu gelangen. Auf einer kleinen Insel, umgeben von der Maltsch (Malše) und einem künstlichen Kanal, liegt die städtebaulich weitgehend homogene Altstadt. Der wirtschaftliche Aufschwung der ehemaligen Katholiken-Hochburg im 16. Jahrhundert spiegelt sich in markanten Bauten wie zum Beispiel dem Schwarzen Turm (Černá věž) wider. In der Vergangenheit diente er als Glocken- und Feuerwachturm, heute ist er eine Touristenattraktion mit Wandelgang. Auf über 70 Meter Höhe lässt sich von hier aus ein wunderbarer Rundblick genießen.

Wenige Schritte entfernt erstreckt sich der ein Hektar große Hauptplatz (Náměstí Přemysla Otokara II.), benannt nach dem Stadtgründer und böhmischen König aus dem 13. Jahrhundert. Ein Brand verwüstete 1641 halb Budweis. Danach errichtete man das Zentrum in barockem Prunk neu. Arkaden ziehen sich um den gesamten Platz, an dessen südwestlicher Ecke sich das Rathaus befindet. Leider ist die Altstadt nicht autofrei. Das führt dazu, dass sich rund um den in der Mitte befindlichen Brunnen und eine kleine Fußgängerzone Dutzende von Parkplätzen befinden. Ein Beweis dafür, dass die Stadt ihr touristisches Potenzial noch nicht auszuschöpfen weiß. Umso schöner kann man hingegen am Zusammenfluss von Maltsch und Moldau rund um die Sokol-Insel flanieren. In naher Zukunft soll die Moldau bei České Budějovice sogar durchgehend schiffbar gemacht werden. Weitere Höhepunkte eines Budweis-Besuches stellen ein Besuch der Budvar-Brauerei sowie des südböhmischen Motorradmuseums dar.

Nur rund 50 Kilometer nordöstlich von České Budějovice liegt die Bezirksstadt Jindřichův Hradec. Die 22.000-Einwohner-Gemeinde fällt in der touristischen Wahrnehmung neben regionalen und nationalen Schwergewichten wie Český Krumlov oder Telč etwas ab. Dies aber völlig zu unrecht. Nicht zuletzt, weil das Städtchen wunderschön zwischen einem kleinen See und dem Fluss Naser (Nežárka) liegt.

Die alles überragende Dominante des Ortes ist zweifelsohne das als nationales Kulturdenkmal geschützte Schloss. Dessen Grundsteinlegung reicht ins 13. Jahrhundert zurück. Der Burgfried stammt noch aus jener Zeit. Unter dem Geschlecht der Wittigonen, der ersten Fürsten von Neuhaus, wurde die Anlage zu einer gotischen Festung ausgebaut. Im 16. und 17. Jahrhundert folgte der Umbau in einen Renaissance-Sitz nach italienischem Vorbild. Die Schlossanlage ist die drittgrößte des Landes und eine der herausragendsten dieser Epoche nördlich der Alpen. Wer mehr über die Geschichte der Stadt und ihre unmittelbare Umgebung erfahren möchte, besucht am besten das Regionalmuseum im ehemaligen Jesuitenseminar. Im schlichten Renaissance-Palast steht unter anderem auch die größte mechanische Weihnachtskrippe der Welt, geschaffen im 19. Jahrhundert von Tomáš Krýza.

Überquert man ostwärts die Grenze zu Mähren, erreicht man nach knapp 40 Kilometern die Kleinstadt Telč am Fuße der Böhmisch-Mährischen Höhe. Die historische Altstadt gehört seit 1992 zum Weltkulturerbe der UNESCO und ist ein Paradebeispiel für bürgerliches Bauen im Renaissance- und Barock-Stil. Der Marktplatz wirkt beinahe wie aus einem von Grimms Märchen. In den buntesten Zuckerbäcker-Farben reihen sich am Marktplatz die zwei- bis dreistöckigen Bauten aneinander. Ornamente, üppige Plastiken und Sgraffiti zieren die Häuser. In den Arkaden nisten sich seit der politischen Wende zunehmend Souvenir-Geschäfte und überteuerte Cafés ein – der Preis für den Status einer Touristenattraktion. Der neuzeitliche Reichtum der Stadt geht auf die Reformen von Zacharias von Neuhaus zurück, dem späteren Landeshauptmann von Mähren. Der von ihm eingeleitete wirtschaftliche Aufschwung machte Telč im 16. und 17. Jahrhundert zu einem regionalen Handelszentrum mit Strahlkraft bis weit nach Niederösterreich hinein.

Telč ist ähnlich wie Jindřichův Hradec von Gewässern umgeben. Drei kleine Seen umschließen die Ortschaft und laden zum Spazierengehen ein. Am Ende der kleinen Landzunge, die den Marktplatz abschließt, erhebt sich das Stadtschloss – ebenfalls ein Renaissance-Prachtbau. Eine Führung widmet sich eingehend den herrschaftlichen Prunksälen der Anlage, sie kann auch auf Deutsch gebucht werden.

Adressen und Kontakte

České Budějovice

Touristeninformation: www.cb-info.cz

Besichtigung Budvar-Brauerei: www.visitbudvar.cz
Touren auf Deutsch werktags um 14 Uhr, von April bis November auch am Wochenende, bei vorhergehender
Buchung auch außerhalb der regulären Besichtigungszeit, E-Mail: exkurse@budvar.cz, Tel. +420 387 705 347

Südböhmisches Motorradmuseum: www.motomuseum.cz
Geöffnet: von April bis Oktober täglich 10 bis 18 Uhr

Jindřichův Hradec

Touristeninformation: www.infocentrum.jh.cz

Stadtschloss: www.zamek-jindrichuvhradec.eu
Geöffnet: von April bis Oktober täglich außer montags
10 bis 16 Uhr, die vier verschiedenen Besichtigungstouren werden auch auf Deutsch geführt, vorzeitige Anfrage erwünscht, E-Mail: ups.cb.jh@npu.cz, Tel. +420 384 321 279

Regionalmuseum: www.muzeum.esnet.cz
Geöffnet: von April bis Anfang Januar täglich außer montags 8.30 bis 12 Uhr und 13 bis 17 Uhr, Tel. +420 384 363 660

Telč

Touristeninformation: www.telc.eu

Stadtschloss: www.zamek-telc.eu
Geöffnet: von April bis Oktober täglich außer montags,
die Öffnungszeiten variieren monatlich,
E-Mail: rezervace@zamec-telc.cz, Tel. +420 567 243 943