Sorgenkind Sonderschulen

Sorgenkind Sonderschulen

Politiker und Lehrer streiten weiter darüber, wie man gegen die Diskriminierung von Roma-Kindern vorgeht

6. 2. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText: mn/čtk; Foto: amnesty.ch/Al

Tschechiens Sonderschulen stehen seit langem in der Kritik. Bemängelt wird, dass besonders häufig Roma-Kinder in die Einrichtungen für Schüler mit leichten mentalen und geistigen Behinderungen, die offiziell Praktische Schulen heißen, eingewiesen werden. Auch Tschechiens Ombudsmann sieht darin eine klare Diskriminierung der ethnischen Minderheit. Eine gänzliche Abschaffung der Praktischen Schulen, wie sie von der Regierung angepeilt wurde, scheint nun vorerst  vom Tisch.

Um gemäß eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte zu verhindern, dass in den Sonderschulen Kinder nur wegen ihres sozialen Hintergrunds landen, müsse man die Schulen jedoch umgestalten. Das erklärte die Regierungsbeauftragte für Menschenrechte Monika Šimůnková am Montag während einer öffentlichen Anhörung im Senat.

Grund für die außerordentliche Versammlung der oberen Parlamentskammer war eine Petition gegen die Streichung der Sonderschulen, die mehr als 76.300 Menschen unterschrieben hatten. Die Regierungsstrategie „Kampf gegen soziale Ausgrenzung“ erwog die Abschaffung der Praktischen Schulen bis 2015.

„Alle Diskussionsteilnehmer sind übereingekommen, dass eine Abschaffung der Praktischen Schulen im Moment einer Katastrophe gleichkäme“, sagte am Rande der Senatssitzung der Schattenminister für Bildung Marcel Chládek (ČSSD). Ein ähnlicher Schritt könne erst erfolgen, sobald die personelle Ausstattung in den Grundschulen dies zulasse. Zunächst solle man gezielt im Vorschulalter das Bildungsniveau von Kindern aus sozial problematischen Verhältnissen heben. Jiří Nantl, stellvertretender Bildungsminister, bestätigte, dass die Sonderschulen zunächst bestehen bleiben.

Mehrere Studien weisen darauf hin, dass etwa jedes dritte Kind in den Praktischen Schulen der Roma-Minderheit angehört. Kritikern zufolge wächst dort eine Generation ohne Bildung und Chancen auf dem Arbeitsmarkt heran. Vor sechs Jahren hatte das EU-Gericht in Straßburg den tschechischen Staat zu Entschädigungszahlungen an 18 Kinder in Ostrava aufgefordert, die von den Behörden ohne stichhaltigen Grund aus dem gängigen Bildungssystem ausgegliedert worden waren.

Senator Chládek möchte nun einen „nationalen runden Tisch“ anregen, um Wege zur Gleichstellung der Roma im Bildungssystem zu diskutieren. Nantl räumte gleichzeitig ein, dass die Regierungsstrategie unter den aktuellen Bedingungen nicht umzusetzen sei. „Schon lange arbeiten wir daran, die Strategie an die Realität anzupassen“, so der Vizeminister. Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs müsse jedoch respektiert, der Segregation Einhalt geboten werden.



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