Restauriertes Schmuckstück

Restauriertes Schmuckstück

Ostrov nad Ohří hat sein Stadtschloss zum Rathaus umgebaut und begeistert damit Denkmalpfleger und Besucher

24. 6. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: Michal Kosacky

 

Im Schatten der wohl bekanntesten tschechischen Kurstadt Karlovy Vary liegt der knapp 17.000 Einwohner zählende Ort Ostrov nad Ohří, ehemals Schlacken­werth an der Eger. Die Gemeinde ist ein typisches Beispiel sozialistischen Städtebaus und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zur lokalen Industriestadt erweitert. Dominant sind daher Wohn- und Fabrikkomplexe im Plattenbaustil. Daneben fristete der kleine Altstadtkern lange ein Mauerblümchendasein. Bis der Magistrat vor wenigen Jahren entschied, die Renovierung des alten Stadtschlosses samt seiner Parkanlage anzugehen. Die aufwendigen Arbeiten fanden 2014 ihren Abschluss, seitdem dient der alte Adelssitz als neues Rathaus. Anfang Juni wurde das Schloss nun als Bauwerk des Jahres im Kreis Karlovy Vary ausgezeichnet.

Der Preis bringt der Stadt ungewohnte Publizität, die sonst eher der benachbarten Kreisstadt oder den Touristenzielen Klášterec nad Ohří oder Burg Pernštejn rund fünf Kilometer nordwestlich zuteil wird. Anton Jurica, Chef des für den Umbau zuständigen Bauunternehmens, erhielt außerdem den Preis als Projektleiter des Jahres, der sich laut Jury nicht nur um den Wieder­aufbau des Stadtschlosses von Ostrov, sondern um viele „langfristige Sanierungsprojekte in der gesamten Region verdient gemacht hat“. Für die Renovierungsarbeiten am Schloss wendete Ostrov nad Ohří mit rund 177 Millionen Kronen (etwa 7,5 Millionen Euro) die größte Einzelinvestition des vergangenen Jahrzehnts auf. Ein beträchtlicher Teil davon wurde mit Zuschüssen aus der EU und staatlichen Geldern subventioniert.

Ostrov nad Ohří liegt am Fluss Bystřice (Wistritz) im südlichen Erzgebirge und wurde zu Beginn des 13. Jahrhunderts erstmals urkundlich als Schlackenwerth erwähnt. Als böhmische Königsstadt, die auf dem Handelsweg zwischen Prag und Cheb (Eger) lag, gelangte sie im Spätmittelalter und während des großen Silberrausches zu Reichtum. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 und der Niederlage der böhmischen Stände fiel Schlackenwerth an das Herzogtum Sachsen-Lauenberg. Zuvor ließ der protestantische Graf Joachim Andreas von Schlick einen herrschaftlichen Sitz im Renaissance-Stil errichten. Der Nachfahre des ehemaligen Kanzlers des Heiligen Römischen Reiches Kaspar Schick konnte beim Bau nach italienischem Vorbild auf ausreichend Reichtum zurückgreifen, kontrollierte seine Familie doch den gesamten Silberbergbau in den umliegenden Tälern. Von jener Geschichte aus dem 14. bis zum 16. Jahrhundert erzählt nun eine Dauerausstellung im Dachgeschoss des Rathauses.

Der katholische Schlossherr Julius Heinrich von Sachsen-Lauenburg orientierte sich Mitte des 17. Jahrhunderts, wie viele seiner adeligen Zeitgenossen, an der Pracht Versailles und ließ den Schlickschen Sitz in eine typische Barock-Residenz mit großzügiger Gartenanlage umbauen. Leichte Anpassungen an den historisierenden Stil im 19. Jahrhundert änderten das Aussehen des Schlosses nur geringfügig. Nach dem Ende der österreichischen Herrschaft gelangte die Anlage in staatlichen Besitz und diente seither als Postgebäude oder Gewerbeschule.

Mit dem Aufbau der sozialistisch-industriellen Modellstadt in den fünfziger Jahren verfiel das Anwesen. Adeligen Pomp zu verwalten, passte nicht in das Weltbild der kommunistischen Machthaber.

Wie man Altes mit Neuem verbindet, kann man nun seit rund einem Jahr im öffentlich zugängigen Rathaus von Ostrov nad Ohří erleben. Die barocke Anlage erstrahlt in neuem Glanz, alte Fresken aus der Renaissance-Zeit wurden freigelegt und sind der Nachwelt somit erhalten geblieben. Gleichzeitig werden die sanierten Bereiche des Gebäudes als Büros, Cafés oder Seminarräume genutzt. Über den ehemaligen Innenhof wurde eine Aluminium-Glas-Konstruktion gespannt. Denkmalpfleger gaben hierfür grünes Licht, da alter Bausubstanz nicht geschadet und der wiederbelebte Raum öffentlich nutzbar wurde. Sollten spätere Generationen einmal anderer Meinung sein, so könne die Konstruktion laut Magistrat leicht wieder entfernt werden.

In Ostrov nad Ohří ist man stolz auf das neue Rathaus, das auch vermehrt Touristen anziehen soll. Im barocken Lustschlösschen „Letohrádek“ kann man außerdem wechselnde Kunstausstellungen besuchen, der quadratische Bau dient der Stadtgalerie Karlovy Vary als Außenstelle.

Weitere Informationen unter www.ostrov.cz

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