Neu im Kino: „Broken“

Neu im Kino: „Broken“

Für seinen Film ließ sich Rufus Norris von einem Literatur-Klassiker inspirieren

31. 10. 2013 - Text: René PfaffText: René Pfaff; Foto: Frenetic Films

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Von irgendwoher scheint man die Figurenkonstellation bereits zu kennen: Ein kleines Mädchen und ihr älterer Bruder wachsen bei ihrem alleinerziehenden Vater, einem Anwalt, in einer Kleinstadt auf. Ferner ergänzen das Drama ein cholerischer Nachbar mit frühreifer Tochter, ein verschrobener Typ von gegenüber und eine mutmaßliche Vergewaltigung, die die Geschichte ins Rollen bringt.

Wer sich bei „Broken“ an „Wer die Nachtigall stört“ erinnert fühlt, liegt nicht verkehrt. Der britische Regisseur Rufus Norris ließ sich für sein Kinodebüt von Harper Lees berühmtem Roman inspirieren – doch nur inspirieren, wohlgemerkt. Denn sein „Coming-of-Age“-Film ist alles andere als ein Remake der Story um Zivilcourage und Rassismus. Statt im Alabama der dreißiger Jahre befinden wir uns im England der Gegenwart. Der Film erzählt von gescheiterten Beziehungen, Sex, Gewalt und dem großen Thema „Erwachsenwerden“ an sich.

„Der Film transportiert die Charaktere von ,Wer die Nachtigall stört‘ in ein aktuelles Mittel- und Arbeiterklassen-Milieu. Und hier lässt er sie dann frei“, sagte Tim Roth, der in Norris’ Erstling die Rolle des Anwalts Archie übernahm, dem US-Magazin „Entertainment Weekly“. Doch ein moderner Atticus Finch aus Lees’ Vorlage ist sein Advokat nicht, er spielt seine Rolle viel stiller und introvertierter als weiland Gregory Peck in der Hollywood-Verfilmung. Doch sicher nicht weniger liebevoll: Die Szenen zwischen ihm und seiner Tochter Skunk (Eloise Laurence in ihrer ersten Filmrolle) gehören zu den wenigen wirklich berührenden Stellen in dem ansonsten ziemlich konstruierten Streifen, dem man einen gewissen wohlfeilen Sozialdrama-Kitsch leider nicht absprechen kann.

Oft scheint es Norris mehr um ästhetisch wirkungsvolle Bilder als um wahrhaftige Botschaften zu gehen. Die übrigen Charaktere sind eindimensional und machen eine nur oberflächliche Entwicklung durch. Ihre Schicksale, beispielsweise die Tragik des jähzornigen Nachbarn Oswald rühren zwar, wirklich nahe gehen sie einem nicht. An diesen eklatanten Drehbuchschwächen kann auch die fabelhafte Besetzung nichts ändern, die der international oft zurecht gefeierte Star Roth anführt. Schade, denn die zum Zeitpunkt des Filmdrehs erst 12-jährige Laurence ist eine echte Entdeckung. Sie spielt die Reise des Kindes zum Jugendlichen gefühlvoll, witzig und zu Herzen gehend ehrlich.

Doch mit dieser Fokussierung lassen sich die Unzulänglichkeiten des Gesamtwerks leider nicht kompensieren: Dieses ist außer schön fotografierten Bildern und einem grandiosen Ensemble leider nur ziemlich gehaltlose Dutzendware. Norris laviert in „Broken“ zwischen rohem Sozial­drama à la Ken Loach und heiterem Hochglanz-Spielfilm mit sozialkritischem Anstrich wie gesehen in Stephen Daldrys „Billy Elliot“ – mit dem Ergebnis, dass dieser Zwitter nicht funktioniert.

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