Mit zwei PS nach Prag

Mit zwei PS nach Prag

Helmut Roth und Christian Suhr reisen derzeit mit dem Fuhrwerk vom sächsischen Lößnitz in die tschechische Hauptstadt. Auf der Alten Salzstraße legen sie fünf Kilometer pro Stunde zurück

1. 7. 2015 - Text: Corinna AntonText und Foto: Corinna Anton

 

Ich muss einen großen Schritt nach oben machen, um mehrere Jahrhunderte in die Vergangenheit zu reisen. Vorsichtig setze ich den rechten Fuß auf die etwa kniehohe hölzerne Stufe, da greift Helmut Roth schon nach meiner Hand und zieht mich in den Wagen. Der Fuhrmann aus Aue ist 72 und seit einer Woche auf der Alten Salzstraße von Lößnitz im Erzgebirge unterwegs nach Prag. Gemeinsam mit seinem Kollegen Christian Suhr und den Pferden Ramses und Samson legt er die Strecke zurück wie einst die ersten seiner Zunft: mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von fünf Kilometern pro Stunde und einem ungefederten Planwagen mit Rädern aus Eisen.

Was das bedeutet, merke ich auf den ersten Kilometern. Ich steige am achten Tag der Reise im nordböhmischen Kadaň zu. Wir drehen zunächst eine Runde um den kopfsteingepflasterten Marktplatz. Das Geklapper der Hufe und das Scheppern der Eisenräder übertönen meine Fragen. Das Ruckeln und Schaukeln lässt die Notizen unlesbar werden. Ich halte mich an der Sitzbank fest. „Gleich wird es besser“, versprechen die Fuhrmänner.

Sie haben recht. Sobald wir Asphalt unter den Hufen und Rädern haben, wird die Fahrt leiser und weniger wackelig. Ein großer Teil ihrer Strecke sei geteerte Straße, erzählt Suhr, bevor es am Ortsausgang von Kadaň in einen Kreisverkehr geht. „Hü“, ruft Roth und manövriert das Gespann bei der zweiten Abzweigung nach rechts. Er tätschelt die Tiere mehr mit der Peitsche als dass er sie schlägt. Die Straße ist gut befahren, aber niemand hupt oder drängelt. Viele winken. „Selbst auf Bundesstraßen mit viel Verkehr freuen sich die Leute, dass sie mal wieder Pferde auf der Straße sehen“, berichten die Sachsen von ihren Reiseerfahrungen auf beiden Seiten der Grenze. Die Verkehrsregeln schreiben ihnen in Tschechien wie Deutschland vor, dass sie zwei Lampen und einen Rückstrahler mitführen müssen. Zum Linksabbiegen hält Roth eine rot-weiße Fuhrwerkskelle nach links, die den Blinker ersetzt.

Die Ersten seit 500 Jahren
Die Originalroute, auf der im 14. bis 16. Jahrhundert das „weiße Gold“ von Halle über Leipzig nach Prag transportiert wurde, sei nur noch auf einigen Abschnitten als ausgefahrener Hohlweg erhalten – wobei es nie „die eine“ Salzstraße gegeben habe, so Suhr. „Die Salzstraße war immer eine ganze Region, in der es mehrere Fahrspuren gab.“ An die Geschichte dieser Region wollen die Fuhrleute erinnern, deswegen sind sie knapp zwei Wochen zwischen ihrer Heimat und der tschechischen Hauptstadt unterwegs. Vor drei Jahren fuhren sie in ähnlicher Mission schon einmal von zuhause bis nach Halle. Gemeinsam mit Vertretern der Stadt Lößnitz, die das etwa 100 Jahre alte Fuhrwerk zur Verfügung stellt und Hauptorganisator der Aktion ist, entwickelten sie die Idee, auch ans andere Ende der ehemaligen Handelsroute zu reisen.  

Etwa 500 Jahre sei es her, dass zuletzt ein Fuhrwerk Salz von Lößnitz nach Prag transportierte, meint Suhr. Unter dem Einfluss der Habsburger schwand in Böhmen das Interesse an den Lieferungen aus Halle – sie ließen das kostbare Gut lieber über Österreich einführen. Als der Handel mit Böhmen noch blühte, habe ein Fuhrwerk mit zwei Pferden etwa 25 bis 36 Zentner über die Grenze bewegt, sagt der 34-Jährige. An großen Steigungen wurden manchmal zusätzlich Tiere vorgespannt. So schwer ist ihre Ladung heute nicht. „Einen Teil haben wir schon gegen zehn Liter Schnaps getauscht. Jetzt haben wir noch etwa 200 Kilo dabei.“

Mit im Gepäck ist außerdem das Futter für die Pferde. Acht Kilo Hafer und Heu bekommt jedes der beiden Tiere pro Tag – und jede Menge Zuwendung. „Wir stehen morgens um halb fünf auf und gehen zuerst in den Stall“, erzählt Roth. Die Pferde werden getränkt, gefüttert und geputzt, die Hufe mit Fett und Lorbeersalbe eingerieben, „damit sie elastisch bleiben und schön aussehen“, fügt Suhr hinzu. Dann frühstücken auch die Fuhrmänner – am liebsten Spiegeleier auf Brot mit Speck – und nach etwa zwei Stunden Futterzeit bereiten sie die Tiere zum Aufbruch vor.

Mit dem Auto wären es auf kürzestem Wege nur gut 160 Kilo­meter von Lößnitz nach Prag. Die Sachsen haben sich aber fast das Doppelte vorgenommen. Auf der deutschen Seite haben sie in Hormersdorf und Lengefeld Station gemacht, weiter ging es über Heidersdorf und Sorgau bis zum Grenzübergang bei Kalek, von dort nach Lesná und Chomutov. Am Samstag machten sie einen Abstecher nach Kadaň, um dort am Eger-Fest teilzunehmen. Außerdem werden sie noch in Louny und Beřovice Halt machen, bevor sie ihre Fuhre an diesem Wochenende im Prager Teynhof abliefern, wo schon früher Salz gegen Waren wie Getreide, Wein oder Pelze getauscht wurde. „Wir fahren ein bisschen zickzack, weil wir gesehen werden wollen“, sagt Suhr. Immer wieder winken wir Fußgängern am Wegesrand und Radfahrern, die uns überholen.

Salz und Süßigkeiten
Für eine Familie mit Kindern halten die Fuhrmänner kurz an und verteilen Bonbons und eine Broschüre über die Salzstraße. Sie ist auf Tschechisch verfasst und wurde vom Verein Alte Salzstraße Halle–Prag herausgegeben. Zum Ziel hat er sich gesetzt, „einen Touristen- und Erlebnisweg entlang der Alten Salzstraße zu etablieren“ und „die Achtung vor den Leistungen längst vergangener Zeiten“ zu bewahren. Zu den böhmischen Orten an der Salzstraße zählen zum Beispiel Louny, Most und Slaný. Ziel der heutigen Reise ist Nechranice am gleichnamigen Stausee. Wie immer steuern die Fuhrmänner eine Herberge an, in der sie ihre Pferde gut versorgen können.

Auch während der achten Etappe, die mit 18 Kilometern eine der kürzesten ist, zeigten Ramses und Samson keine Ermüdungserscheinungen, versichert Roth. Er und sein Mitfahrer haben ihre Kaltblüter gründlich auf die weite Reise vorbereitet. „Wir haben zum Beispiel Wasserdurchfahrten trainiert und mehrfach extreme Steigungen überwunden“, erzählt der Holzrücker im Ruhestand, während vor uns ein paar Pferdeäpfel auf die Straße fallen. Für die bisher einzige kleinere Panne waren nicht die Tiere verantwortlich, sondern das große Gefälle auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. „Von Lesná aus ging es etwa fünf Kilometer steil bergab“, erzählt der gelernte Werkzeugmacher Suhr. Das Fuhrwerk habe plötzlich geschaukelt. „Das Eisen war vom Bremsen so stark erhitzt, dass ein Rad nicht mehr rund lief. Wir mussten es erst eine Weile in einem Gebirgsbach kühlen, bis wir weiterfahren konnten.“

Ganz andere Herausforderungen erwartet das Fuhrwerk in Prag. Ihre Tiere seien zwar an die Großstadt gewohnt, selbst vor Straßenbahnen würden sie sich nicht fürchten, so Roth. Aber den Weg zum Teynhof in der Nähe des Altstädter Rings wollen sich die Männer doch lieber vorher genau anschauen. Deshalb haben sie am Freitag einen Ruhetag in der Hauptstadt geplant. Ein bisschen hoffen sie noch, dass sie vielleicht auch über die Karlsbrücke fahren dürfen. Bisher haben sie dafür aber noch keine Genehmigung bekommen. Ansonsten dürfen sie sich mit Ramses und Samson in Prag überall bewegen – solange sie keine Pferde­äpfel hinterlassen.

Voraussichtlich wird das Fuhrwerk an diesem Donnerstag, 2. Juli in Prag eintreffen. Der symbolische Salzhandel findet am Samstag um 14 Uhr im Teynhof (Ungelt) am Altstädter Ring statt.



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