Mit dem Smartphone auf den Friedhof

Mit dem Smartphone auf den Friedhof

Tomáš Studeník bietet eine neue Form des Trauerns um Verstorbene an. Mit seinem Dienst „Leben nach dem Leben“ lassen sich digitale Vermächtnisse anlegen

25. 3. 2015 - Text: Arne WitteText und Foto: Arne Witte

Auf dem Vyšehrader Friedhof huschen mehrere Grundschüler von Grab zu Grab. In den kleinen Händen leuchten die großen Bildschirme ihrer Smartphones. Doch was wollen die Kinder hier? Viel geben die grauen Marmorplatten nicht her. Hunderte von Namen – Dichter und Denker, Maler und Komponisten – stehen stumm mitsamt ihren Geburts- und Sterbedaten auf den Grabsteinen. Bloße Zahlen, gemeißelt in Stein. An sich nicht sehr lehrreich, sollte man denken. Doch die Bildschirme der Handys erweitern die blanken Grabsteine um das Vermächtnis der Toten. Es sind ganze Lebensgeschichten, Bilder, Musik- oder Literaturbeispiele, die die Schüler in Gruppen zusammentragen und am Ende im Klassenzimmer präsentieren werden.

Solche Exkursionen sind Zukunftsmusik. Geht es aber nach Tomáš Studeník, könnten sie schon bald Realität werden. Der Unternehmer bietet Grabsteine an, die mit sogenannten QR-Codes versehen werden. So wird der Grabstein zu einer Tür, die mit dem Handy als Schlüssel geöffnet werden kann. Und die zu einem digitalen Vermächtnis führt, das die Geschichten der Verstorbenen offenbart.

„Die Friedhöfe würden nicht mehr nur ein Schattendasein fristen“, glaubt Studeník. „Heute sind dort ja, wenn überhaupt, fast nur alte Menschen zur Grabpflege unterwegs. Es ist doch schade, dass diese schönen, bereichernden Orte nur am Rande der Gesellschaft wahrgenommen werden“, so der 35-Jährige. Zusammen mit seiner Frau betreibt der Tscheche eine Firma für digitales Marketing. Er bewegt sich viel im Internet und in sozialen Netzwerken. So entdeckte er ähnliche Konzepte aus den USA und Großbritannien, die ihm jedoch unprofessionell erschienen. „Ich fand die Idee sinnvoll. Jedenfalls erfüllender als meinen Job – Werbung auf Facebook zu gestalten.“

Gemeißelter QR-Code
Wenn er sterbe, meint Studeník, wolle er nicht, dass sein digitales Vermächtnis nur aus seinen Facebook-Kommentaren und Beiträgen besteht. Er wolle im Gedächtnis der digitalen Welt bleiben, und zwar so, wie er es möchte. Deshalb vertreibt er über sein Projekt „Život po životě“ („Leben nach dem Leben“) digitale Grabsteine, wie er sie nennt. Tatsächlich sind sie weniger digital als der Name vermuten lässt, sondern massive, bierdeckelgroße Marmorplatten. Ein Steinmetz meißelt ihnen einen QR-Code ein, der mit dem Smartphone gescannt werden kann und den Nutzer so zum digitalen Archiv im Internet führt. Sein handwerklicher Geschäftspartner berichte bereits von großem Interesse seitens der Kunden, sagt Studeník.
Ihm geht es nicht nur darum, die Gräber berühmter Persönlichkeiten für Schulexkursionen zu erweitern, sondern vor allem um die persönliche Trauer. So wie man seine Hinterlassenschaften in der realen Welt regelt, könne auf diese Weise auch das Vermächtnis für die digitale Welt geregelt werden. Man müsse den Stein nicht zwangsweise an einem klassischen Grabstein auf einem Friedhof anbringen, erklärt Studeník. Schließlich möchte nicht jeder seine eigene Lebensgeschichte oder die eines vertrauten Menschen für alle zugänglich im Internet präsentieren. Aber man könne den Stein ja stattdessen an Mutters oder Vaters Lieblingsplatz an der Gartenbank befestigen.

Überhaupt sieht Studeník einen Trend weg vom klassischen Begräbnis: „Unsere Friedhöfe sind voll. Besonders in den Städten kann sich kaum noch jemand einen Platz leisten. Die Tschechen sind Spitzenreiter in der Nutzung von Krematorien und Urnenbestattungen.“ Warum sollte der technische Fortschritt ausgerechnet vor der Art, wie Menschen den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten, Halt machen? Manche Fragen, die der neue Dienst aufwirft – etwa nach der Zuständigkeit für die Inhalte der prominenten Biografien und deren Bewertung – hat Studeník noch nicht bedacht. Der Prager möchte nur wenige Vorgaben machen, wie sein Angebot genutzt werden soll. Wo der Stein platziert wird, ob das Familienvermächtnis oder das eines anderen Menschen digital abrufbar sein soll, ob man sein eigenes digitales Grab pflegen möchte oder der Dienst die Erinnerung an ein geliebtes Haustier lebendig halten soll, bleibt dem zahlenden Kunden überlassen, der nach der Registrierung auf der Internetseite nach Belieben Fotos, Videos, Texte oder Musik in die digitale Erinnerungskiste hochladen kann.

Noch ist „Život po životě“ nur ein Nebenprojekt. Studeník hofft aber, dass er mit dem Dienst innerhalb der nächsten drei Jahren kostendeckend wirtschaften kann – auch wenn er damit traditionelle Ansätze herausfordert und bei manchen Friedhofsbesuchern möglicherweise aneckt. Doch wer weiß, vielleicht ist es für die Generation Smartphone in einigen Jahren ganz normal, anstelle einer traditionellen letzten Ruhestätte, oder zusätzlich dazu, auch ein digitales Grab anzulegen.



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