Kommentar: Mangelnde Konfliktfähigkeit

Kommentar: Mangelnde Konfliktfähigkeit

Tschechien braucht eine neue Protestkultur

3. 6. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Stephanie Hofschlaeger/pixelio.de

 

Tschechiens Mindestlohn liegt im EU-Vergleich auf Platz vier. Vom hinteren Ende der Skala aus gesehen. Im Moment diskutieren Regierung, Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften eine schrittweise Anhebung des Minimaleinkommens. Die Gewerkschaften fordern eine Anhebung um 1.000 Kronen pro Jahr bis 2018. Dann läge der Mindestlohn bei 12.200 Kronen oder umgerechnet rund 440 Euro.

Ungefähr so viel bekommen geringverdienende Polen schon heute monatlich auf ihr Konto überwiesen. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 1.473 Euro. Die tschechischen Arbeitgebervertreter bieten 500 Kronen mehr pro Jahr, die Regierung hält sich weitgehend zurück, strebt vage eine Anhebung auf 40 Prozent des Durchschnittseinkommens an und möchte, dass sich die Tarifpartner untereinander einigen. Doch die Mieten steigen auch hier kontinuierlich, vor allem in der Hauptstadt. Und die Lebenshaltungskosten sind in Prag nicht wesentlich geringer als zum Beispiel in Berlin. Vielen Tschechen bleibt am Ende des Monats kaum etwas übrig. Protest? Fehlanzeige.

Man ist viel beschäftigt hierzulande, die Arbeitslosenquote liegt bei 6,1 Prozent und ist somit eine der niedrigsten in der EU. Die Arbeitnehmer machen ihren Job, nicht selten auch mehrere gleichzeitig. Natürlich ist es in solchen Fällen verständlich, dass nach Feierabend kaum Kapazitäten übrigbleiben, um Demonstrationen zu organisieren. Doch die Mobilisierung ist auch Aufgabe der Gewerkschaften, und die geben sich in Verhandlungen oft betont zahm. Ob Tschechien eine Streikkultur nach französischem Vorbild braucht oder sich an den zahlreichen deutschen Arbeitskämpfen der vergangenen Monate orientieren sollte, sei dahingestellt. Ein wenig mehr Einsatz und Bewusstsein für die eigenen Rechte könnte jedoch nicht schaden. Jede Arbeit sollte ihren Preis haben.



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