Kindergruppen statt Kindergarten

Kindergruppen statt Kindergarten

Neue Form der Kinderbetreuung soll Berufstätigkeit von jungen Müttern fördern

29. 5. 2013 - Text: Ivan DramlitschText: id/čtk; Foto: Howard County Library System

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Der Höhepunkt des tschechischen Baby-Booms ist vorbei. Waren die Geburtskliniken des Landes noch vor ein paar Jahren hoffnungslos überlastet, hat sich die Situation dort mittlerweile entspannt. Umso größer ist das Gedränge an einem anderen Ort – die „Kinderwelle“ ist von den Kreißsälen in die Kindergärten geschwappt, und diese sind mit dem aktuellen Andrang total überfordert.

Wenn am 1. September dieses Jahres das neue Schuljahr beginnt, werden die Kindergärten aus allen Nähten platzen. Die Kapazitäten reichen vorne und hinten nicht: Rund 60.000 Kinder gehen leer aus – so viele Plätze fehlen derzeit in den tschechischen Vorschuleinrichtungen. Für die betroffenen Eltern, vor allem die Mütter, ist das eine komplizierte Situation, Erwerbstätigkeit ohne gesicherte Kinderbetreuung ist ausgeschlossen. Zwar bieten immer mehr Privatkindergärten ihre Dienste an, doch sind diese für die Mehrzahl der Tschechen unerschwinglich – bis zu 20.000 Kronen monatlich (etwa 770 Euro) kann dort ein Betreuungsplatz kosten. Für den Ausbau neuer Kindergärten fehlt wiederum dem Staat das Geld. Die Regierung Nečas meint nun eine Lösung aus diesem Dilemma gefunden zu haben – die „Kindergruppen“ sollen es richten. Ein entsprechendes Gesetz hat die Regierung bereits diese Woche verabschiedet.

Kein Ersatz, sondern Option
„Die Kindergruppe soll eine Alternative zu den Kindergärten sein, wir wollen nicht, dass damit die Kindergärten im klassischen Sinn des Wortes ersetzt werden. Vielmehr möchten wir das Spektrum der Betreuungseinrichtungen für Vorschulkinder erweitern und die Erwerbstätigkeit der Eltern steigern“, so die verantwortliche Arbeits- und Sozialministerin Ludmila Müllerová (TOP 09).

Geplant ist, dass diese neuen Kindergruppen von Unternehmen, Behörden, Hochschulen, Rathäusern oder gemeinnützigen Organisationen aufgebaut und betrieben werden sollten. Voraussetzung hierfür wäre ein offizieller Berechtigungsnachweis, den das Ministerium erteilen würde. In der Praxis würde der Gruppenbetreiber mit den Eltern einen Vertrag abschließen. Notwendig wären ein Erziehungs- und Betreuungsplan, geeignete Räumlichkeiten und Personal, die maximale Kinderanzahl ist auf 24 begrenzt. Insgesamt wären die administrativen Anforderungen an eine Kindergruppe aber deutlich geringer als an einen Kindergarten. Zudem sollen Steuererleichterungen das Modell attraktiv machen: Eltern können die Kosten der Betreuung bis zu einer gewissen Höhe von der Steuer absetzen, und Unternehmen, die eine Kindergruppe betreiben, wären berechtigt, die damit verbundenen Kosten steuerlich geltend zu machen.

Opposition kritisch
Unternehmen und Arbeitgeber bekunden an den Plänen Interesse. Nach einer Umfrage der Unternehmensberatungsgesellschaft Deloitte würden 71 der befragten Firmen die Betreuung der Kinder ihrer Angestellten in dieser Form unterstützen. „Wir als Arbeitgeber befürworten das Kindergruppen-Gesetz. Wir freuen uns über jede Initiative, die die Barrieren auf dem Arbeitsmarkt beseitigen hilft“, erklärte der Präsident des Arbeitgeberverbandes, Jiří Horecký, im Tschechischen Fernsehen.

Nach Vorstellung der Regierung sollten die Kindergruppen die Erwerbstätigkeit von Frauen mit kleinen Kindern markant erhöhen. Nach einer Untersuchung des Instituts CERGE hinkt Tschechien in dieser Hinsicht dem Westen deutlich hinterher. Der Anteil 30-jähriger Frauen, die in einem Arbeitsverhältnis stehen, fällt in Böhmen und Mähren gegenüber Frankreich, Großbritannien oder den USA um rund 20 Prozent geringer aus. Schuld daran sind die in Tschechien deutlich eingeschränkteren Möglichkeiten für Frauen, Beruf und Familie miteinander zu vereinbaren.
Die Opposition kritisiert das Kindergruppen-Modell. Der sozialdemokratische Schattenminister für Schule und Bildung, Marcel Chládek, bezeichnete die Pläne als „weitere Sackgasse der Regierung in Sachen Schulwesen“.

Die Kindergruppen würden maximal die Funktion von „Aufsichts- und Kinderabgabeservice ohne Bildungsprogramm“ erfüllen. Auch befürchtet er ein „Absinken der hygienischen Ansprüche“. Chládek schlägt hingegen vor, vermehrt europäische Gelder zum Ausbau von Kindergärten zu nutzen. Konkret könnte dies durch Montagebauten geschehen, die später auch anders genutzt werden könnten. Die Sozialdemokraten kündigten deshalb genauso wie die Kommunisten an, im Parlament gegen den Gesetzesvorschlag stimmen zu wollen. Nach dem Willen der Mitte-Rechts-Regierung soll das Gesetz bereits zum 1. Januar nächsten Jahres in Kraft treten.