Kaum Fortschritte

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Gegen die Ausgrenzung: Studenten fordern in einem offenen Brief an die Regierung gleiche Bildungschancen für Roma

20. 3. 2013 - Text: Franziska NeudertText: fn/čtk; Foto: Luttenberger/caritas.at

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Im November 2007 rügte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg, dass die Tschechische Republik das Recht der Roma-Minderheit auf gleiche Bildungschancen verletzt. Damals hatten 18 Roma-Jugendliche aus Ostrava gegen den Staat und dessen geläufige Praxis, Kinder der Minderheit in Sonderschulen für geistig Behinderte einzugliedern, geklagt. An dieser Situation hat sich auch fünf Jahre später wenig geändert. Noch immer werden Roma in sogenannte Praktische Schulen – ein Euphemismus, hinter dem sich Einrichtungen für Schüler mit leichten geistigen Behinderungen verbergen – abgeschoben.

Eine Gruppe von Roma-Studenten und -Intellektuellen hat sich nun in einem offenen Brief an Regierung und Bildungsministerium gewandt. Die im Juni vergangenen Jahres gegründete Initiative fordert darin bessere Bildungsmöglichkeiten für Roma – das bedeutet vor allem, gleiche Chancen auf Bildung und keine Ausgliederung aus dem gängigen Lehrsystem. Die Ausgrenzung hat für Roma folgenreiche Konsequenzen: Eine höhere Bildung bleibt ihnen verwehrt, damit auch die Möglichkeit einer beruflichen Karriere sowie die Aussicht auf einen vielversprechenden Job. Laut Angaben der Tschechischen Schulinspektion stellten Roma im vergangenen Schuljahr rund 26,4 Prozent aller Schüler an „praxisorientierten Schulen“. Der Anteil der Ethnie an der Gesamtbevölkerung beträgt dabei gerade einmal zwei Prozent. Aufgrund ihres sozialen Hintergrundes würden die Schüler in verschiedene Kategorien eingeordnet und diesen entsprechend auf die Bildungseinrichtungen verteilt.

Die Verfasser der Petition ersuchen die Regierung und die zuständigen Institutionen daher, Maßnahmen zu ergreifen, die diese Praxis abstellen. Die gleichberechtigte Teilhabe von Roma an Bildungssystem und Arbeitsmarkt würde einer Studie der Weltbank zufolge der Staatskasse beträchtliche Einnahmen bescheren.

Bereits im Februar hatte der Europarat die tschechische Regierung dazu aufgerufen, die Stellung der Roma in der Gesellschaft durch eine Umgestaltung der Schulen zu verbessern. Regierungsvertreter und Lehrer stritten über den Umgang mit der Diskriminierung. Die Regierungsstrategie „Kampf gegen soziale Ausgrenzung“ erwog die Abschaffung der Praktischen Schulen bis 2015, wurde jedoch als nicht umsetzbar zurückgewiesen.