Immer der Stute nach

Immer  der Stute nach

Katrijn ist Tschechiens erstes Blindenpferd. Mit ihrer Trainerin fährt sie U-Bahn und geht einkaufen – am liebsten Obst und Gemüse

4. 3. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: Arne Witte

Wo Katrijn van den Meier auftaucht, drehen sich die Leute nach ihr um. Nicht einmal einen Meter ist die Stute groß und 70 Kilo schwer. Der Wind weht ihr die schwarze Mähne ins Gesicht. „Kann ich ein Foto machen?“, fragt ein Passant und zieht sein Smartphone aus der Jackentasche. Eine Mutter mit Kind beobachtet das Tier aus ein paar Metern Entfernung. Mit Zuzana Daušová steht es auf einem Bürgersteig im Prager Stadtteil Motol. Auf einer Wiese um die Ecke, direkt an der Pilsener Straße gelegen, bildet Daušová Blindenhunde aus. Jetzt hat sie sich eine gelbe Weste übergestreift und eine Sonnenbrille aufgesetzt, dazu trägt sie einen Blindenstock. Damit die Situation realer ist. „Tür“, sagt sie und Katrijn steuert den Eingang zu einem Lebensmittelladen an. Auf das Kommando „Klinke“ stellt sich das Tier so, dass Daušová den Griff direkt über dem Pferdekopf findet. „Was das Pferd wohl kaufen wird“, fragt ein älterer Mann, als Katrijn das Geschäft betritt. Mit ihrem dicken, schwarz-weiß gefleckten Bauch füllt sie den Gang komplett aus. Offensichtlich möchte sie einen Apfel, aber Daušová erlaubt es nicht. „Kasse“, ruft sie, und das Pferd führt sie hin.

Die 54-jährige Hundetrainerin ist eigentlich mit Retrievern und Labradoren unterwegs. Sie bringt ihnen bei, wie sie Blinde und Sehbehinderte sicher durch die Stadt führen, wie sie Türen öffnen und Schlüssel aufheben, wie sie sich am Zebrastreifen und in der Straßenbahn richtig verhalten. Aber kann ein Pferd das auch alles lernen? Daušová wollte es wissen, als sie vor einigen Jahren hörte, dass in den USA Blindenpferde ausgebildet werden. „In Europa gab es das nicht“, sagt die Pragerin. Sie hatte nur von einem Versuch in Deutschland gehört, aber der sei gescheitert. Also suchte sie nach einem geeigneten Tier. „Starke Nerven“ seien das wichtigste Kriterium gewesen. Bei der Auswahl half ihr ein Pferdezüchter. In Frage kam, schon allein wegen der Größe, nur ein Miniaturpferd, das sie 2011 schließlich in den Niederlanden fand – daher Katrijns ausgefallener Name.

Ihre Ausbildung dauerte vier Monate. Hunde dagegen werden bei Daušová in der Regel etwa ein Dreivierteljahr geschult, anschließend müssen sie sich an das Zusammenleben mit ihrem Besitzer gewöhnen. Die zweite Phase des Trainings entfiel bei Katrijn. „Es ist ein Pilotprojekt“, erklärt Daušová. Für den täglichen Einsatz bei einem Klienten sei das erste und einzige tschechische Blindenpferd nicht bestimmt. Es lebt auf dem Gelände der Organisation Helppes, die Daušová leitet. Sehbehinderte können sich – immer in Begleitung der Trainerin – von Katrijn durch die Stadt führen lassen, mit ihr Straßenbahn fahren und einkaufen gehen. Zwar hätten sich mehrere Interessenten gemeldet, die das Tier erwerben wollten, berichtet die Halterin, aber wer ein eigenes Blindenpferd haben möchte, brauche ein Haus mit Garten, und zwar für lange Zeit. Bis zu 50 Jahre alt könne ein Minipferd werden. Zudem könne man damit nicht so einfach verreisen wie mit einem Blindenhund.

Touren ohne Windeln
Durch die Stadt spazieren kann man dagegen ziemlich problemlos. Wenn die Trainerin mit Katrijn ein Einkaufszentrum betritt oder in eine U-Bahn steigt, wundern sich die Umstehenden manchmal. „Aber dann sage ich, dass es ein Blindenpferd ist und alles ist in Ordnung.“ Wenn sie das Gelände in Motol verlässt, trägt die sechsjährige Stute zwei verschiedene Paar Schuhe: Die schwarzen an den Vorderhufen sind für Pferde bestimmt, die dunkelblauen hinten sind eigentlich für Hunde gemacht, passen aber, weil Katrijns Schuhgröße so klein ist. Außerdem könnte sie Windeln tragen, ähnlich wie zum Beispiel die Pferde, mit denen Polizisten in der Stadt unterwegs sind. Kürzere Touren hält Katrijn aber auch ohne aus.

Den Weg zum Lebensmittelladen neben dem Trainingsgelände kenne die Stute auswendig, sagt Daušová. Für Beobachter ist allerdings nicht immer klar, wer von den beiden gerade wen führt. Sie gehen durch das Hoftor, laufen auf dem Gehsteig nach rechts bis zu einem Zebrastreifen. Ein Auto hält an und lässt sie die Straße überqueren. Vor der Bordsteinkante bleibt Katrijn kurz stehen. „Rechts“ ruft ihr die Trainerin zu, bevor das Pferd den Weg zum Lebensmittelladen einschlägt. Ihre Beziehung zur Stute sei zwar sehr eng, meint Daušová. An erster Stelle kämen aber dennoch die Hunde, das sei die Liebe ihres Lebens. „Als ich 13 Jahre alt war, habe ich zum ersten Mal einen bekommen. Es hat mir schon immer Spaß gemacht, ihn zu trainieren und ich wollte nichts anderes mehr machen.“ Während des kommunistischen Regimes sei es aber nicht möglich gewesen, die Leidenschaft zum Beruf zu machen. Es habe zwar Blindenhunde gegeben – im Einsatz seien damals ausschließlich Deutsche Schäferhunde gewesen – aber Daušová bekam keine Stelle als Trainerin. Stattdessen bildete die Pragerin in den achtziger Jahren zunächst inoffiziell Vierbeiner aus. Nach der Wende war sie dann Miteigentümerin mehrerer Hundeschulden, absolvierte Kurse und Wettbewerbe. Im Zentrum von Helppes, wo derzeit 16 Blindenhunde ausgebildet werden, hängen zahlreiche Zertifikate und Urkunden an den Wänden.

Katrijn dagegen kann kein Zeugnis vorweisen. Weil die Ausbildung von Blindenpferden nicht reglementiert sei, habe sie auch keine Prüfung absolviert, so Daušová. Den Test im Lebensmittelladen dagegen besteht sie ohne Probleme. Am Ausgang kann sie der Versuchung widerstehen, doch noch einen Apfel mitzunehmen, auch wenn es ihr sichtlich schwer fällt. „Als wir zum ersten Mal hier waren, hat sie eine Karotte geklaut“, erzählt die Trainerin. Doch diesmal wird die Disziplin belohnt: Der ältere Herr war mittlerweile ebenfalls im Geschäft und kommt mit einem Apfel für Katrijn heraus.



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