Im Sog der Vergangenheit

Im Sog der Vergangenheit

Bei interaktiven Stadtführungen lernen deutsche Schulklassen mehr über Prag und seine Geschichte

13. 10. 2015 - Text: Stefan WelzelText und Foto: Stefan Welzel

Die ältere Dame schaut ein wenig verwirrt um sich. Gerade eben hat sie sich noch in aller Ruhe auf einer Bank im Kampa-Park gesonnt, nun ist sie plötzlich von einem halben Dutzend deutschen Schülerinnen umgeben, die ihr seltsame Fragen stellen. Die 17-jährige Fanni hält ein rotes Tuch in der Hand und will wissen, was es mit ihm auf sich hat. Und eine ihrer Freundinnen streckt der Frau fragend eine Rolle Papier entgegen. „Das dürfte Toilettenpapier sein“, erklärt die Dame auf Deutsch und mit Unverständnis im Blick. Danach wehrt sie die neugierigen Mädchen mit einem Verweis auf ihr schlechtes Gehör ab. Fanni zieht ohne Antwort wieder ab.

„Wir möchten die Teilnehmer unserer Führungen aktiv in die Stadttour einbinden. Deshalb haben wir unser Angebot nach den neuesten pädagogischen Leitsätzen umgestaltet“, erklärt Johanna Adrian von „Pragkontakt“. Die Organisation bietet deutschsprachigen Schulklassen interaktive Stadtführungen in Prag an. Das Ergebnis: Die Schüler lauschen nicht nur einseitig den Erläuterungen von Tour Guide Tereza Šimůnková, sondern müssen im Team Rätsel lösen oder Passanten befragen, erhalten Anschauungsmaterial oder sehen sich auf dem Smartphone kurze Auszüge aus Dokumentarfilmen an.

An diesem milden Herbstmorgen steht für die Schülerinnen des Mädchengymnasiums St. Ursula in Freiburg im Breisgau das Thema Zeitgeschichte auf dem Programm. Die Klassenfahrt hat sie über Breslau, Krakau und Auschwitz nach Prag geführt, wo nun bei einem zweistündigen Stadtrundgang das Leben im Sozialismus im Vordergrund steht.

„Leider kommt die Auseinandersetzung mit dieser Zeit in unserem Lehrplan viel zu kurz“, erklärt Lehrerin Karin Schirrmeister. Was wissen junge Deutsche, die erst nach dem Fall der Berliner Mauer geboren wurden, überhaupt von diesem System, das die Welt einst in zwei Lager spaltete und heute für viele wie ein verstaubtes Relikt aus fernen Zeiten wirkt? Wie sehr interessiert es Fanni und ihre Freundinnen, was die Prager Reformer 1968 unter Alexander Dubček forderten? „Das finde ich auf jeden Fall sehr spannend. Bisher haben wir uns mit dem Sozialismus vor allem im Zusammenhang mit der deutsch-deutschen Trennung auseinandergesetzt“, erzählt Marie-Sophie. „Natürlich ist Marxismus im Fach Wirtschaft Pflichtstoff. Und im Geschichtsunterricht kommt Kommunismus auch vor, doch eher am Rand. Das ist dann leider alles etwas trocken. Hier vor Ort zu sehen und zu erleben, wo was stattgefunden hat, macht das Thema viel lebendiger“, sagt Vanessa, die zugibt, dass sie bisher noch nicht darüber nachgedacht hat, was Sozialismus eigentlich bedeutet.

Die 35-jährige Šimůnková hat die Elemente der interaktiven Führung zum tschechoslowakischen Sozialismus in Kooperation mit „Pragkontakt“ ausgearbeitet. Dazu gehört zu Beginn der Tour auch ein Quiz. Die Schülerinnen müssen historische Ereignisse zwischen 1945 und 1989 anhand von Tafeln in die richtige chronologische Reihenfolge bringen. Später stattet Šimůnková sie mit typischen Alltagsgegenständen aus jener Zeit aus. Indem sie Passanten befragen, sollen die Teilnehmer herausfinden, um was es sich dabei handelt. „Die interaktive Führung macht nicht nur den Schülern und Lehrern mehr Spaß, sondern auch mir. Es geschehen immer unvorhergesehene Dinge und die Jugendlichen kommen in direkten Kontakt mit Einheimischen“, zeigt sich Šimůnková begeistert. Das Prinzip würde bestimmt auch bei Touren mit erwachsenen Teilnehmern funktionieren, bisher habe sie es aber noch nicht ausprobiert. Bei Touristenführungen herrschen in Prag immer noch traditionelle Muster vor, auch wenn sich die Form der Mobilität mit Segways oder Fahrrädern stetig verändert.
„Unsere Führungen basieren auf den drei Schwerpunkten Eigenaktivität, Erfahrungsbezug und soziale Einbettung, die Gestaltungsmittel gehen auf die moderne Museumspädagogik zurück“, erklärt Johanna Adrian das Modell von Pragkontakt. Die Institution mit Sitz in der tschechischen Hauptstadt bietet seit 2012 interaktive Führungen an.

Lea gesteht, dass ihr Wissen über den Sozialismus eher aus Fernsehsendungen über die DDR als aus dem Unterricht stammt. Nun lerne sie bei der Stadttour nicht nur viel über das frühere System, sondern auch über die Geschichte des Nachbarlandes allgemein und seine historischen Bezüge zu Deutschland. „Vorher war mir gar nicht bewusst, wie viel deutsche Geschichte in Prag präsent ist.“

Für ihre Lehrerin ist klar: „Sich aktiv vor Ort mit Kultur, Geschichte und Menschen auseinanderzusetzen, wird auch dazu führen, das Erfahrene besser im Gedächtnis zu behalten“, so Karin Schirrmeister. In Erinnerung bleiben wird die Begegnung auch der älteren Dame im Kampa-Park. Warum ihr die Schülerinnen aus Freiburg das Halstuch der sozialistischen Jungpioniere entgegenstreckten, dürfte ihr schleierhaft sein. Denn die Gymnasiastinnen haben im Eifer vergessen, ihr zu erklären, warum sie danach gefragt haben.

Mehr zu den Touren von Prag-kontakt auf www.pragkontakt.eu

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