Im Leben der Anderen

Im Leben der Anderen

Die Regisseurin Helena Třeštíková begleitet ihre Protagonisten über Jahre. Ihre Dokumentarfilme erzählen Einzelschicksale – und zeichnen ein Porträt der tschechischen Gesellschaft

30. 9. 2015 - Text: Katharina WiegmannText und Foto: Katharina Wiegmann

Wie wird sie sein, die Zukunft? In welcher Umwelt werden wir leben? Die Frau mit den toupierten Haaren im flimmernden Schwarz-Weiß-Fernseher stellt philosophische Fragen. Eine Neujahrsansprache im tschechoslowakischen Fernsehen Anfang der sechziger Jahre, die Moderatorin prostet ihren Zuschauern mit dem Sektglas zu und schaut ihnen über den Bildschirm tief in die Augen: „Wie auch immer sie aussehen wird, es liegt an Ihnen, über Ihre Zukunft zu entscheiden.“  

Zukunft ist ein wichtiges Thema im Werk der tschechischen Regisseurin Helena Třeštíková. Die beschriebene Szene stammt aus dem Vorspann zu ihrem Film „Soukromý vesmír“ („Privates Universum“) aus dem Jahr 2011. Er zeigt das Leben der Familie Kettner ab der Geburt des ältesten Sohnes Honza am 25. Oktober 1974. Ganze 37 Jahre hat Třeštíková die Kettners immer wieder mit der Kamera besucht. Sie war im Krankenhaus bei der Entbindung dabei und bei der Einschulung, begleitete die Familie beim Umzug ins erste Eigenheim und durch die Pubertät der Kinder. Honza und seine beiden Schwestern werden erwachsen, die Eltern gemeinsam älter. Im Leben der Kettners passiert nichts Außergewöhnliches. Aber der Zuschauer ist mindestens so berührt wie von einem Drama aus Hollywood.

Die Protagonisten über lange Zeit zu beobachten ist die wichtigste Methode der 66-jährigen Třeštíková. Bewusst entwickelt habe sie diese nie, erzählt sie im Gespräch. „Es war mehr eine Intuition. Das Thema Zeit und dem Lauf der Zeit zu folgen, hat mich schon früh interessiert.“ Sie fühle sich nicht so sehr wie eine Filmemacherin, sondern als Chronistin; sie halte „die Gegenwart für die Zukunft fest“, sagt die Pragerin. Ihre Beobachtungen verdichten sich zu Porträts, die viel über die Gesellschaft aussagen, in der die Protagonisten leben.

Třeštíkovás jüngstes Werk „Mallory“ lief im Sommer in den tschechischen Kinos. Über 13 Jahre lang folgte sie einer unangepassten Frau, deren jugendliche Rebellion in der Drogen­abhängigkeit endet. Sie schafft den Absprung mit der Geburt ihres Sohnes, der Weg zurück in die Normalität ist damit noch lange nicht geebnet. Třeštíková trifft Mallory auf abgelegenen Parkplätzen, wo sie mit ihrem Lebenspartner im Auto schläft, begleitet sie auf Sozialämter, wird Zeugin des täglichen Kampfes eines Ex-Junkies.

Abhängige Frauen sind eines ihrer Themen. Im Kinoerfolg „Katka“ (2009) ließ Třeštíková das Publikum den körperlichen und geistigen Verfall einer hübschen und charismatischen Frau miterleben. Sowohl bei Mallory als auch bei Katka wird deutlich, dass Třeštíková für die Protagonisten ihrer Filme über die Jahre zu einer Vertrauensperson wird. Sie rufen sie an, schreiben ihr Briefe. In einigen Filmen ist die Macherin sehr präsent. Wie nahe gehen ihr die Geschichten ihrer Protagonisten? Třeštíková nimmt einen Schluck Tee und lächelt ein bisschen traurig über den Rand der Tasse. „Manchmal ist es wirklich kompliziert, vor allem wenn die Schicksale sehr tragisch sind. Wir stehen uns nahe, ich bin ein Teil von ihrem Leben, sie sind ein Teil von meinem Leben.“

Das hat bisweilen unangenehme Konsequenzen für die Dokumentarfilmerin. René, ein literarisch begabter Kleinkrimineller, für dessen Porträt sie im Jahr 2008 den europäischen „Prix Arte“ erhielt, bestahl sie und brach in ihre Wohnung ein. Der Film endet unversöhnlich. Dennoch hält sie mit René noch heute Kontakt und arbeitet gerade an einer Fortsetzung. Sie erzählt aus seinem Leben wie aus dem eines guten Freundes. „Er ist eine so interessante Persönlichkeit, dass es schade wäre, ihn nicht weiter zu beobachten.“ Třeštíková freut sich für ihn, dass es ihm schon längerer Zeit gelingt, in Freiheit zu leben und eine Beziehung mit einer „stabilen“ Frau zu führen.

Solange das Geld reicht
Ihre Protagonisten lassen Třeštíková nicht los. Lachend gibt sie zu, dass das Ende der Dreharbeiten immer mit dem Auslaufen der Förderung zusammenhänge, auf keinen Fall damit, dass eine Geschichte zu Ende erzählt sei. Bei Mallory hat sie eine Schlusseinstellung gefunden, die auf den Punkt bringt, was sie antreibt. Auf dem Transporter einer Hilfsorganisation, die in Prag Obdachlose versorgt, prangt das Wort „naděje“ – Hoffnung. Třeštíková hofft für ihre Protagonisten, sie hofft auf ein Happy End, so schwierig die Situation auch sein mag.  

Zurück zum privaten Universum der Kettners. Von den Studenten der Prager FAMU, der Film- und Fernsehfakultät der Akademie der Musischen Künste, an der die Regisseurin selbst studiert hat, wurde „Soukromý vesmír“ nach einer Vorführung verrissen. Das muss sie getroffen haben, denn sie empfindet den Film als ihren persönlichsten. Jana Kettnerová ist eine Jugendfreundin. Die Regisseurin teilt mit ihr Erlebnisse wie die Hochzeit und die Geburt der Kinder. Und auch den Wandel der tschechischen Gesellschaft haben sie gemeinsam erlebt. Im Film wird der sozialistische Alltag nicht beschönigt, aber auch nicht verteufelt. An einer Stelle sagt Jana rückblickend: „Damals zu leben, eine Familie im totalitären Regime zu haben, hatte auch viele positive Aspekte. Es war einfach, im Mutterschaftsurlaub zu bleiben, weil ich wusste, dass ich ohnehin keine erfolgreiche Soziologin werden würde, da ich keine Kommunistin war. Ich bin froh, dass ich diese Ruhe erfahren habe. Heute würde ich wahrscheinlich arbeiten wollen, für mich selbst oder wegen des Geldes.“ Die Kettners sind nicht unpolitisch. Aber sie sind eine normale Familie, in der die Einschulung des Sohnes oder die Hochzeit der Tochter wichtiger ist als Politik. In einer Tagebuchnotiz von Vater Kettner am 17. November 1989, dem Tag der Samtenen Revolution, heißt es: „Hier bis jetzt noch alles still. Wir haben einen neuen Teppich für das Wohnzimmer gekauft.“

Aus einer anderen Perspektive betrachtet Třeštíková den Wandel mit Vojta Lavička in „Nahoru a dolů“ („Auf und ab“). An einer frühen Stelle im 16 Jahre umfassenden Film kommentiert er: „Unter den Kommunisten war es weniger schlimm für die Roma.“ Er ist ein sensibler, rührender Mann, ein begabter Musiker, der viele Rollen übernimmt: Sozialarbeiter, Radiomoderator, kurzzeitig wird er sogar Popstar mit der Band Gipsy.cz, die für Tschechien 2009 am Eurovision Songcontest teilnimmt. Fortwährend reibt sich Lavička am Rassismus der tschechischen Gesellschaft und gibt doch nie den Wunsch auf, dazuzugehören. Anfangs ist es eine Geschichte, die Hoffnung weckt. Der gebildete Rom, der für eine Hilfsorganisation als Sozialarbeiter in den Armenvierteln unterwegs ist und bei den Frauen gut ankommt. In dieser Zeit hält sich die Regisseurin im Hintergrund, der Protagonist zeichnet sein Porträt alleine. Ihr Auftritt kommt, als er über seine Spielsucht stolpert und nachdenklich über sein Leben reflektiert. Hier tritt er in direkten Dialog mit Třeštíková.

Mehr als 50 Filme
Auf ihre Präsenz mit der Kamera in der Welt von Vojta Lavička, Katka, René und den anderen angesprochen, verrät sie: „Als ich meinen Mann vor 40 Jahren kennenlernte, habe ich noch studiert. Wir hatten nicht viel gemeinsam, er war Architekt und hatte mit Film nichts zu tun. Als er hörte, was ich mache, sagte er mir, dass es eine Art physikalisches Gesetz gibt: Durch Beobachtung verändern wir das, was wir beobachten. Das fand ich interessant und ich weiß, dass das wahr ist. Mit der Dokumentation verändere ich etwas. Das Leben dieser Leute hätte ein bisschen anders ausgesehen, wenn ich sie nicht getroffen hätte.“   

   
Über 50 Filme hat Helena Třeštíková seit den siebziger Jahren fertiggestellt, darunter viele kürzere Porträts von Personen, „die im 20. Jahrhundert ein interessantes Leben geführt haben“, wie sie sagt. Zum Beispiel das Dienstmädchen von Karel Čapek oder eine Gruppe katholischer Schriftsteller, die während der Herrschaft der Kommunisten nicht schreiben durften. Derzeit widmet sie sich der Schauspielerin Lída Baarová, der tschechischen Geliebten von Joseph Goebbels. Třeštíková hat sie vor ihrem Tod in Salzburg interviewt, der Film wird Anfang 2016 Premiere feiern. Es wird wohl der letzte aus dieser Linie ihres Schaffens sein, danach möchte sie sich nur noch den Langzeitbeobachtungen widmen. Die Frage, ob sie mit 66 Jahren manchmal ans Aufhören denke, überrascht sie. „Ich bin sehr glücklich, wenn ich aktiv bin.“ Sie habe sich schon oft gefragt, wie sich alles entwickelt hätte, wenn sie Grafikdesignerin geworden wäre, wie ihre Eltern es sich gewünscht hatten. „Auf keinen Fall hätte ich so viele Erfahrungen gemacht und niemals so viel erlebt.“ Helena Třeštíková ist offensichtlich im Reinen mit der Zukunft, für die sie sich damals entschieden hat.



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