Im Café Arco vor der Abreise

Im Café Arco vor der Abreise

Vor 100 Jahren verfasste Otto Pick seine Erzählung „Prag im Winter“

12. 12. 2012 - Text: Otto PickText: Otto Pick; Foto: ASV

In der Weihnachtswoche kam ich in Prag an. Und nun sitze ich jeden Moragen hinter dem breiten Fenster des Hotelcafés. Seit drei Wochen bereits. Draußen friert es. Die Drehtüre mit den außen bereiften Messingstangen wirbelt unaufhörlich, Fröstelnde treten ein. Wie angenehm ist es, die eilenden Passanten zu mustern, Herren mit hochgeschlagenen Pelzkragen, Mädchen mit Schlittschuhen unterm Arm. Und über dem Museum, diesem grauen Torso, massig im Frostnebel verschwindend, schwebt eine rote Kugel im Raum: Sonne. Seltsam, wie alle Teile dieser Stadt als ein gleichsam eingerahmtes Bild sich bieten, als Künstlerkarten, die der Erinnernde mit nach Hause nimmt: Der Hradschin, ewig verwandelt, stets überraschend neu, bildet keine Ausnahme. Man trägt sein Bild in sich in allen Variationen, erschaut von der Rampe bei der Altstädter Mühle, vom Sandberg, von einer steilen Vorstadtstraße aus, die über die Stadt hinweg in den Hradschin zu münden scheint… Ich habe mir ein Ansichtskartenalbum gekauft. Täglich entdecke ich neue Karten mit Aufnahmen des Hradschins. Ich vergleiche die Wirklichkeit mit dem Bilde. Und umgekehrt. Wie lange werde ich in Prag bleiben müssen, bis kein Bild mehr zu ergänzen sein wird? –

Die Sonne, ein kaltglühender Ball, ein blutroter Luftballon, schwebt im Grau. Ich denke an den alten Mann mit den bunten Ballons, der an der Grabenecke stand. Kinder tribbelten durch die Straßen, am obersten Knopf ihres Winterröckchens eine Schnur befestigt, die, straff gespannt, einen gelbbraunen, blauen, blutroten Luftballon über ihrer Mütze schweben ließ. Aber ich glaube, das war früher, im Herbste; vielleicht in einer anderen Stadt, nicht in Prag. […]

Ich glaube, die meisten Prager gehen auf den Weihnachtsmarkt, um über die Kindlichkeit ihrer Mitbürger zu spötteln; plötzlich aber fühlen sie sich bekehrt zum Glauben ihrer Jugend, mit aufgerissenen Augen bewundern sie die Dinge, feilschen um Kreuzerdifferenzen, laufen durch alle Budenreihen, um die billigsten Verkäufer zu ermitteln, verlieben sich in Holzschacheln mit Zinnsoldaten, aber das Kleingeld langt nicht und sie ziehn betrübt ab – bis ihnen jäh einfällt, daß sie erwachsen sind und eine Brieftasche mit großen Noten im Rock haben und Fünfkronenstücke im Portemonnaie. Und nun erwacht wieder der Prager in ihnen, der hierher kam, um sich lustig zu machen.

War’s nicht so in jener armseligen Bude, die ein Marionettentheater vorstellte? Man lachte ironisch und war gerührt; man lachte bei düstern Szenen und johlte, wenn Kasperl dem Gespenst den jahlen Überwurf über den Kopf zog. Und doch gab es Augenblicke, wo man sich ganz der Illusion hingab, die rußige Petroleumlampe nicht den stolzen Herzog im Prunkgewande überragen sah, nicht die Finger des Puppenspielers an den kurzen Fäden kleben und zappeln gewahrte. […]

Die Prager sind bescheiden und begnügen sich mit den kleinen Belustigungen. Und sie kommen in Panorama besser auf ihre Kosten als auf einer Weltreise. Ich auch. Nun war ich seit Sonntag täglich im Panorama und betrachtete Berlin. Wie gut, in Prag zu sein und Berlin zu sehen, ohne dort leben zu müssen! Wenn ich Prager wäre, wüßte ich mir ein Globetrotter-Leben zu gestalten. Ich ginge aus dem Panorama (wo ich Berlin sah) in die Zeltnergasse, wo die Elektrischen dicht am Trottoir fahren. Auch verirren sich Autos und Hotelomnibusse dorthin. Und wenn zwei Menschen breitspurig stehn bleiben, entsteht eine Verkehrsstörung: Die Elektrischen klingeln, Lastwagen bleiben rasselnd stehen, Wachleute nähern sich und man glaubt in Berlin zu sein. […]

Prag ist weder Kleinstadt noch Großstadt. Prag ist einzig auf dieser Erde. Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten. Aehnlich wie ich mich der spielerischen Vergleichung des Hradschins  mit feinen Abbildungen auf Postkarten hingab, beginne ich Zusammenhänge zwischen Partien von Prag und Werken der bildenden Kunst zu entdecken. Nur einen, den stärksten Eindruck will ich hier verzeichnen: Auf abendlichen Wanderungen durch Vorstadtgassen, die kaum beleuchtet waren, von undeutlichen Gestalten bevölkert, schier unwirklich, glaubte ich plötzlich eine Zeichnung von Alfred Kubin vor mir zu sehen. Hier empfand ich zum ersten Male vor der Wirklichkeit jenes seltsame, beinah vertraute und sänftigende Grauen, das uns vor Kubins Bildern erfaßt und durch seinen phantastischen Roman „Die andere Seite“ begleitet.

Prager Gassen am Abend sind wie in Unwirklichkeit getaucht. Erker springen geheimnisvoll vor, Wappenbilder über Toreinfahrten werden lebendig; ein Wagen fährt lautlos vorüber, man weiß nicht, war es ein Leichenwagen oder ein Fiaker… Alte Frauen in altmodischer Tracht stehen vor Schaufenstern, elegante Herren mit wachsgelben Gesicht gehen vorbei, zerlumpte Kinder stellen sich vor die Elektrische und schreien tschechisch nach der Mutter, die irgendwo hinter der Ecke lauert, bis man das Kind beruhigt und beschenkt hat. Und vor Mitternacht schon sind die Straßen menschenleer. Rote Laternen kleben wie Blutstropfen im Dunklen, einsame Hunde bellen dich an, Betrunkene taumeln von Baum zu Baum, – und wie vor Kubins Zeichnungen hält man dies alles für die einzig gemäße Wirklichkeit: Taumeln ist der Männer ordentlicher Gang, Heulen der Hunde Pflicht, Johlen der jungen Studenten nächtlicher Beruf. Man erkennt die „andere Seite“ dieser wundervollen Stadt: Die Unwirklichkeit, die hineinspielt in alles Geschehen der Abende, ähnlich wie das Mittelalter überall durch Häuserlücken hereinschaut, noch immer mächtiger als alle Bemühungen neuzeitlichen Ehrgeizes.

Und nun sitze ich im Café „Arco“ und studiere das Kursbuch. In einer Stunde reise ich. Das Schicksal, günstig wie es mir während all dieser Tage war, lässt mich eine letzte neue Seite dieser Stadt kennen lernen: Das Leben im Kaffeehaus, die fabelhafte Behendigkeit und Unermüdlichkeit eines Prager Oberkellners, die Originalität der übrigen Bedienenden, vom struppigen Garderobier bis zum kecken Pikkolo mit seinen köstlichen Gegenfragen. Man bestellt Zigarren und er fragt bescheiden: „Zum rauchen?“ Oder, wenn ich um ein Mineralwasser ersuche: „Zum trinken?“ – Ich schüttle mit dem Kopf und sage: „Nein, zum essen!“

Man wird mit Prag vertraut. Mit der Stadt und mit den Kellnern. Man fühlt sich heimisch hier. Man denkt nie: Jetzt bin ich in Prag. Sondern: Heute wird eine Großstadt arrangiert! Oder: ich fahr’ aufs Land! Und da geht man an den Rand einer Vorstadt, die steil ansteigt, zur Hochebene wird und plötzlich eine breite Steintreppe wie einen gefrorenen Wasserfall in ein buntes Tal niederstürzen läßt. Dort war es, wo ich zum letzten Male in einer Kubinschen Landschaft stand: Vor mir, hinter wirren Gassen, ragte ein weißer Hügel auf und der seltsame Bau einer Strafanstalt hob sich geheimnisvoll von den Silhouetten ferner Waldungen ab. Blutrote Sonne schwebte seitlich, wie versehentlich in das Schneeweiß der Landschaft hineingeraten. Ein magerer Blinder kauerte auf den Stiegen und spielte Harmonika. Sein auf dem Boden liegender Hut war bereift. Unten war ein Bahnübergang und das Gerüste schien vor Frost zu klappern. Fabrikmädchen gingen in die Arbeit, eine Lokomotive sandte einen Funkenregen empor. Und in all dieser herben Kälte trippelten Spatzen über die beschneiten Stufen, scheinbar behaglich und feist, dick und angefressen. Aber als ich genau hinblickte, bemerkte ich, daß sie mit geknickten Beinchen dicht am Boden sprangen – vor Kälte.

Ich liebe das winterliche Prag und freue mich, es im Sommer wiederzusehen. Denn nun entdecke ich plötzlich, daß ich während der ganzen Zeit mit keinem Prager gesprochen habe. Ich freue mich, die Prager Menschen kennen zu lernen!

Über den Autor
Otto Pick wurde 1887 als Sohn eines jüdischen Händlers in Prag geboren. Er übersetzte Werke tschechischer Schriftsteller wie Karel Čapek, Otokar Březina und Fráňa Šrámek für das deutsche Lesepublikum in Prag sowie die von Stefan Zweig und Franz Werfel für die tschechischen Leser. Neben seiner Übersetzertätigkeit war er Feuilletonredakteur und Theaterkritiker der deutschsprachigen Zeitung „Prager Presse“ und verfasste eigene Erzählungen und Gedichte. Otto Pick gehörte zum Kreis der Prager Autoren, die sich vor und nach dem Ersten Weltkrieg im Café Arco in der Hybernská-Straße trafen. Zu ihnen zählten unter anderem Franz Werfel, Max Brod. Franz Kafka, Paul Kornfeld und später auch Johannes Urzidil. 1939 emigrierte Pick nach Großbritannien, wo er im darauffolgenden Jahr in London verstarb.

Die abgedruckte Erzählung (gekürzt) „Prag im Winter“ erschien 1912 in der Weihnachtsbeilage der deutschsprachigen Zeitung „Bohemia“.



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