Höher, schneller, weiter

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Staatsdoping hat in der Tschechoslowakei seine größten Ausmaße in den achtziger Jahren erreicht und ist weitestgehend unerforscht. Nun befeuert ein Film die Diskussion über ein Thema, über das kaum jemand reden möchte

2. 4. 2014 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Falcon

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Remigius Machura nennt die Dinge beim Namen. Der 53-Jährige trägt seine strohblonde Mähne im Nacken lang. Sobald er das Mikrofon ablegt, lehnt er sich zurück und verschränkt die wuchtigen Arme. Das weiße Hemd spannt. Machura ist ehemaliger Welt- und zweifacher Europameister im Kugelstoßen. Der Film „Fair Play“ von Andrea Sedláčková feiert Premiere und Machura soll im Kinosaal über das Thema des Films diskutieren, über Doping.

1985 wurde Machura nach einem Wettkampf in Moskau Blut abgenommen. Die Probe wurde entgegen den Erwartungen der Funktionäre des tschechoslowakischen „Nationalen Gesundheitsamtes für Hochleistungssportler“ in ein Kölner Labor geschickt. Am Rhein benutzten sie modernere Geräte, als sie dem Prager Pretest-Labor zur Verfügung standen. Testergebnis positiv. In Machuras Blutkreislauf zirkulierte noch während des Europapokal-Einsatzes in der Sowjethauptstadt das synthetische Anabolikum Stanozolol.

Remigius Machura ist einer der wenigen tschechischen Sportler, die sich offen zu ihrer Doping-Vergangenheit bekennen. Seit 1978 habe ihn der Sportbund zur Einnahme von Aufputschmitteln gedrängt. Machura hat lange gezögert, sich informiert und 1981 mit dem Spritzen begonnen. Er sagt: „Ich glaube nicht, dass das so schlimm ist, ich will nicht polemisieren, was Fair Play ist und was nicht.“ Anti-Doping-Kampf, wie er heute betrieben wird, ist laut Machura Heuchelei. „Warum will diese Gesellschaft, dass Sportler immer besser und besser werden?“ Machura ist überzeugt: Solange es im Sport um Geld geht, wird es Doping geben. Im Kinosaal erntet er mehrmals Applaus.

Wundersames aus der DDR
Seit Anfang März ist der Film „Fair Play“ in den Kinos. Regisseurin Sedláčková hat darin ein Thema aufgetischt, dass in Tschechien weitestgehend tabuisiert wird: Staatsdoping in der kommunistischen Tschechoslowakei. Protagonistin Anna, 18 Jahre alt, Sprinterin, soll unter staatlicher Aufsicht zur Medaillenhoffnung der Olympischen Spiele 1984 in Los Angeles hochgeputscht werden. Ihre Mutter ist Ex-Tennisprofi und darf seit der Emigration ihres Mannes nur noch als Putzfrau arbeiten. Die Spiele in den USA sollen ihrer Tochter die Flucht ermöglichen. Der Druck von Geheimdiensten und Sportverband stellt beide vor eine schwere Entscheidung.

Sedláčkovás Drehbuch basiert auf Interviews mit ehemaligen Athleten. Sie hätten nur unter der Bedingung der Anonymität gesprochen und über persönliche Beweggründe geschwiegen. „Damals haben das einfach alle gemacht, ohne konnte man keinen Hochleistungssport betreiben“, sagt Sedláčková. Kugelstoßer Machura nennt sie einen Helden. Der findet ihren Film vereinfachend und propagandistisch.

Laut dem Historiker Vít Poláček, der die Filmcrew von „Fair Play“ mit Hintergrundwissen unterstützte, war das tschechoslowakische Staatsdoping eine Reaktion auf das sogenannte Sportwunder der DDR. „Das relativ kleine Land überholte mit seinen Medaillenerfolgen auf einmal die Sportgroßmächte. Bei den Olympischen Spielen 1976 holte nur die Sowjetunion mehr Medaillen als die DDR“, erklärt Poláček. Er verweist auf eine Studie der Humboldt-Universität, die vergangenes Jahr aufdeckte, dass auch in Westdeutschland systematisch und steuergeldlich finanziert gedopt wurde. So wie in der Bundesrepublik habe man sich auch in Prag nach einem Medaillen-Regen wie in der DDR gesehnt.

Die Anfänge des tschechoslowakischen Staatsdopings werden heute auf die Olympiade 1976 in Montreal datiert. Laut Dokumenten, die 2006 die Zeitung „Mladá fronta Dnes“ entdeckte, erhielt damals der Chef des „Tschechoslowakischen Verbandes für Leibeserziehung“ („Československý svaz tělesné výchovy“, ČSTV) ein geheimes Schreiben von der Parteizentrale. „Die rationale Anwendung von Anabolika fördert die politische Propaganda des Sports im sozialistischen Staat und stärkt das Prestige der Republik“, stand dort geschrieben.

Spezielle Sportlerpflege
Laut Poláček stellte der ČSTV damals ein Team „progressiver Ärzte“ zusammen, das die Präparate an Tieren und später auch an Sportlern testete. Seine Blütezeit habe die staatliche Dopingmaschinerie mit der Gründung des „Nationalen Gesundheitsamtes für Hochleistungssportler“ im Jahr 1985 erreicht. Eine Gruppe von 150 Athleten wurde zur „speziellen Pflege“ auserkoren, darunter befanden sich Leichtathleten, Skifahrer­innen, Eishockey-Spieler. Absolute Verschwiegenheit war eine Bedingung.

„Einerseits war das eine positive Entwicklung, weil im Gegensatz zu früher nun unter ärztlicher Aufsicht gedopt wurde“, sagt Poláček. Anderseits sei enormer Druck auf die Sportler ausgeübt worden. Wer ablehnte, konnte seine Karriere abhaken. Die Sportler hätten sehr unterschiedlich auf die unmoralischen Angebote reagiert. Viele nahmen das staatlich kontrollierte Aufputschprogramm dankend an, manche seien wohl darüber getäuscht worden, was tatsächlich in den Spritzen war. Leute wie Kugelstoßer Machura gingen die Sache rational an.

Wenn sie im damaligen System etwas erreichen wollten, mussten sie das Spiel mitspielen. Machura hält bis heute den tschechischen Rekord im Kugelstoßen der Männer. 1987 warf er die Kugel 21,93 Meter weit. Helena Fibingerová stieß sie zehn Jahre zuvor 29 Zentimeter weiter (die Kugel beim Frauenwettkampf ist über drei Kilo leichter). Die mehrfache Olympiasiegerin lehnt jegliche Verbindung mit den damaligen Dopingpraktiken ab.

Poláček erinnert daran, dass Doping älter ist als der Kalte Krieg und dass bis zur Leichtathletik-Europameisterschaft 1974 niemand auf illegale Aufputschmittel getestet wurde. Damals entstand in Ost-Berlin der Staatsplan 14.25. Das Doping wurde frühzeitig vor den Wettkämpfen ausgesetzt, die Sportler vor der Abreise getestet. An diesem Modell orientierten sich auch die Prager Sportfunktionäre.

Was früher für das Prestige des sozialistischen Staates getan wurde, das wird heute des Geldes wegen gemacht. Das betont Remigius Machura. „Wenn wir nicht kapieren, dass es viel besser ist, wegen der Gesundheit Sport zu treiben, statt wegen Medaillen, können wir schwer gegen Doping ankämpfen“, sagt der Rekord-Kugelstoßer, legt das Mikrofon auf den Konferenztisch und verschränkt die Arme.