Herr der Räte

Herr der Räte

Der 34-jährige Tomáš Hudeček ist Prags neuer Oberbürgermeister. Die goldene Kette lehnt er jedoch ab – mit Verweis auf den Hobbit Frodo

21. 6. 2013 - Text: Martin NejezchlebaText und Foto: Martin Nejezchleba

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Es ist ein beispielloser Aufstieg: 2009 trat er der TOP 09 bei, ein Jahr später saß er bereits im Prager Stadtrat, im Folgejahr – nachdem die Koalition zwischen ODS und ČSSD geplatzt war – wurde er stellvertretender Oberbürgermeister. Jetzt, nachdem sich auch die Mitte-Rechts-Koalition zerstritten hat, steht er an der Spitze der Hauptstadtregierung: Mit nur 34 Jahren ist Tomáš Hudeček am Montag zum Prager Oberbürgermeister gewählt worden.

Für die einen ist der Sozialgeograf ein Hoffnungsträger. So etwa für den Gründer des reSite-Festivals für Urbanes Design, Martin Barry. „Hudeček steht eindeutig für mehr Transparenz und Bürgerbeteiligung bei der Stadtplanung. Dass er jetzt im Amt ist, ist ein gutes Zeichen“, sagte der US-amerikanische Landschaftsarchitekt in der vergangenen Woche gegenüber der „Prager Zeitung“.

Hudeček war seit Ende 2011 im Rathaus für städtische Entwicklung zuständig. Dabei hat er sich den Respekt der Bürgergesellschaft und der Prager Architekten erworben. Er rief etwas ins Leben, dass er „Resonanzkörper“ nennt und dass es so an der Moldau noch nicht gegeben hatte: eine Art ehrenamtlicher Beirat, der sich aus den Bereichen Architektur, Geographie und Urbanismus sowie verschiedenen Bürgerinitiativen zusammensetzt und in dem Experten den Politikern auf die Finger schauen sollen. In einer weiteren Initiative sucht der konservative Politiker gemeinsam mit der Bürgern ein einheitliches Konzept für die Promenaden am Moldau-Ufer.

Jung, aber erfolgreich

„Tomáš wünsche ich viel Glück, er wird es verdammt schwer haben“, schrieb der junge Architekturtheoretiker Adam Gebrian von Brasilien aus auf sein Facebook-Profil. An seinen Worte ist viel Wahres. Und das nicht nur, weil Hudeček einem Großteil der Prager wohl erst seit rund zwei Wochen bekannt ist. Als Interims-OB sollte er das Rathaus zur Wahl des neuen Stadtratschefs führen, als sich die Stadt mit dem nahenden Hochwasser konfrontiert sah und Hudeček fortan fast ununterbrochen im Fernsehen über die Entscheidungen des Krisenstabs berichtete. Manche warfen ihm vor, zu lange mit dem Ablassen der Staudämme im Süden Prags gewartet zu haben. Parteichef Karel Schwarzenberg allerdings befand, Hudeček möge zwar jung wirken, er habe sich aber „außerordentlich bewährt“.

Mit dem Ritterschlag vom Fürsten und – zumindest nach außen hin – mürrisch kooperierenden Sozialdemokraten brachte er ein Programm mit dem Titel „500 Tage für Prag“ auf den Weg. Mit seiner von den Sozialdemokraten tolerierten Minderheitenregierung steht nun der eigentliche Wahlsieger von 2010 alleine an der Spitze des Rathauses. Die TOP 09 löst so zum ersten Mal seit 22 Jahren die Bürgerdemokraten ab.

Rücktritt bei Anklage

„Verdammt schwer“ wird es OB Hudeček aber vor allem deshalb haben, weil er die Stadtverwaltung nach beispiellosen Affären und monatelangen politischen Querelen in einem desolaten Zustand übernimmt. Gegen zehn Stadträte – einschließlich Hudeček – wird polizeilich ermittelt. Ihnen wird vorgeworfen, sich bei den Vertragsverlängerungen zur elektronischen Fahrkarte „Opencard“ des Amtsmissbrauchs schuldig gemacht zu haben. Die Stadträte weisen die Anschuldigungen zurück, wegen der vorangegangenen Verträge aus der Regierungszeit von Pavel Bém (ODS) seien ihnen die Hände gebunden gewesen. Falls er angeklagt wird, will Hudeček zurücktreten.

Ein weiteres, milliardenschweres Vermächtnis der Bém-Ära ist der längste Stadttunnel Europas. Die Kosten für das skandalumwitterte Bauprojekt „Blanka“ sind explodiert, seit Jahren fressen sie einen Großteil des städtischen Haushalts, immer wieder gerät die Stadt in Zahlungsverzug. Auch die städtischen Verkehrsbetriebe stehen nach jahrelanger Misswirtschaft angeschlagen da.

Bei dieser explosiven Ausgangslage hat es sich Hudeček zur Aufgabe gemacht, „Sachlichkeit in die Verwaltung der öffentlichen Angelegenheiten zurückzuholen.“ Dass er dabei dabei vor allem Taten sprechen lassen will, deutete er direkt nach seiner Wahl an. Hudeček lehnte es ab, die große goldene Amtskette zu tragen: „Sie erinnert mich an die Kette im Herrn der Ringe. Sie ist lediglich eine Last“, begründete Hudeček seine ungewöhnliche Entscheidung und schickte die Kette bis ans Ende seiner Amtszeit ins Museum der Hauptstadt Prag.

In der kommenden Ausgabe der „Prager Zeitung“ erscheint ein Interview mit Prags neuem Oberbürgermeister und Senkrechtstarter Tomáš Hudeček.