Helfer unter der Haut

Helfer unter der Haut

Jan Hubík hat sich einen Mikrochip in seine linke Hand implantieren lassen. Damit kann er bezahlen und Türen öffnen

23. 3. 2016 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: privat

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Wenn Jan Hubík im Café der „Paralelní Polis“ ein Bier bezahlen möchte, muss er nicht umständlich nach Kleingeld oder einer Karte suchen. Es reicht, wenn er seine linke Hand an das Lese­gerät auf dem Tresen hält. Es piepst zwei Mal kurz – die Transaktion ist abgeschlossen. Zwischen Daumen und Zeigefinger trägt Hubík einen Chip unter der Haut, auf dem sein Bitcoin-Schlüssel gespeichert ist. Das Café im Prager Stadtteil Holešovice akzeptiert ausschließlich die virtuelle Währung. Es gehört zum „Institut für Kryptoanarchie“, in dem sich Hacker und Technologie-Visionäre treffen.

Hubík ist einer von ihnen. Ende Januar hat er sich den Chip implantieren lassen, der Datenübertragung mittels „Near Field Communication“ (NFC) ermöglicht. „Wir haben hier NFC-Karten, um mit Bitcoins zu bezahlen. Und weil die Technologie dieselbe ist wie auf den Chips, hatte ich die Idee, ein Implantat dafür zu nutzen.“ Neun weitere Prager schlossen sich an. Ein professioneller Piercer nahm die Eingriffe vor.

Bestellt hat Hubík die Implantate bei der amerikanischen Firma „Dangerous Things“ („Gefährliche Dinge“). Auf ihrer Internetseite warnen die Betreiber: „Dieses Gerät ist definitiv gefährlich. Es wurde nicht getestet oder von einer Behörde für die Einpflanzung in einen menschlichen Körper zertifiziert. Der Gebrauch erfolgt auf eigenes Risiko.“ Hubík schreckte das nicht ab. Er experimentiert gerne, wie er sagt. Was man auch auf der Internetseite von „Dangerous Things“ lesen kann: „Wir glauben, dass Biohacking an der Spitze einer neuen Art von Evolution steht.“

Grenzen überwinden
Sich selbst zu optimieren, den eigenen Körper zu verbessern, das ist für Hubík die Idee hinter dem Implantat. „Ich weiß, das klingt komisch. Aber mein Körper hat jetzt eine neue Fähigkeit. Ich konnte vorher schon mit elektronischen Geräten interagieren, aber ich musste dafür zum Beispiel ein Passwort in den Computer tippen. Jetzt habe ich einen Datenspeicher in mir, den ich nicht verlieren kann.“

Biohacker, Transhumanisten – Menschen, die sich wie der 26-jährige Hubík für die Überwindung biologischer Grenzen durch Technologie interessieren, haben viele Namen. Ihre Motive und Herangehensweisen unterscheiden sich. Lepht Anonym, eine Ikone der Szene, steht für einen radikalen Ansatz. Ihre Selbstversuche mit Magneten und anderen elektronischen Minigeräten, bei denen sie sich zum Teil schwer verletzte, haben Kultstatus. Das Wort „Punk“ fällt oft, wenn über sie gesprochen wird. Es geht ihr auch darum, Regeln zu brechen und Grenzen zu verschieben.

Hubík dagegen wirkt ziemlich normal und unaufgeregt. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Physik und schreibt gerade an der Abschlussarbeit für sein Zweitstudium, in dem er sich mit dem Finanz- und Bankwesen beschäftigt. „Ich bin Hacker wie die meisten Leute hier. Hacker denken darüber nach, wie man Dinge und auch sich selbst verbessern kann, wie man es einfacher haben könnte und wie man interessante Sachen mit normalen Gegenständen machen kann.“

Keine Angst vor Neuem
Was Hubík von einem großen Teil der Gesellschaft unterscheidet: Neues macht ihm keine Angst. Die Gefahren, die manch einer beim Implantat eines Chips in den eigenen Körper befürchten würde, wägt er nüchtern ab. Er hat keine Angst, dass seine Daten abgeschöpft werden, er zum „gläsernen“ Menschen wird. „Die mögliche Lesedistanz des Implantats ist sehr gering.“ Wer seine Daten ein­sehen wolle, müsse ihm schon sehr nahe kommen. „Und eine Über­wachung aus einem halben Meter Distanz scheint mir nicht sehr sinnvoll.“ Über das Smartphone gebe es ganz andere Möglichkeiten. Im Gegensatz zu seinem Mikrochip seien die Telefone aktive Geräte, die Daten über Standorte verschicken sowie Bilder und Tonaufnahmen machen könnten.

Er sieht aber durchaus Probleme, die entstehen können, wenn die Fähigkeiten des Körpers künstlich erweitert werden. „Neue Technologien sind am Anfang immer sehr teuer. Nicht jeder kann sich das gleich leisten.“ So könne eine neue Form sozialer Ungleichheit entstehen.

Theoretisch kann der Chip, der so groß ist wie ein Reiskorn, für immer in Hubíks Hand bleiben. „Die Technologie wird sich aber weiterentwickeln, in zehn Jahren wird dieses Implantat keinen Sinn mehr machen.“ Im Moment ist er aber noch dabei, die Möglichkeiten zu durchdenken, die ihm der Chip jetzt bietet. Neben dem Bitcoin-Schlüssel hat Hubík auch seine Visitenkarte auf dem Datenträger gespeichert. Will er seine Kontaktdaten teilen, reicht es, wenn sein Gegenüber ein NFC-fähiges Mobiltelefon an seine Hand hält. Die meisten Smartphones könnten seinen Chip lesen, so Hubík. Außerdem entsperrt er seinen Computer mit dem Chip und öffnet ein elektronisches Türschloss der „Paralelní Polis“. Einmal im Monat trifft er sich mit den anderen Implantat-Trägern, um über neue Ideen zu sprechen.

Auch in Deutschland werden die Chips derzeit immer bekannter – und das nicht nur bei einer kleinen Gruppe von Hackern. Laut einem Bericht im „Spiegel“ sind schon „Millionen von Registrierkassen, etwa bei Lidl und Aldi“ vorbereitet. Alten- und Pflegeheime seien daran interessiert, die Chips bei Alzheimer-Patienten zu nutzen, um Namen und Adressen darauf zu speichern. „Was man alles mit einem Datenspeicher im Körper anfangen kann, hängt nur von der eigenen Vorstellungskraft ab“, sagt Hubík.