Heiter, bissig, verstörend

Heiter,  bissig,  verstörend

Das „Filmfest“ feiert seinen zehnten Geburtstag mit aktuellen Produktionen und Klassikern des deutschsprachigen Kinos

13. 10. 2015 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel; Foto: In David Ruehms Komödie „Der Vampir auf der Couch“ lässt sich Tobias Moretti als untoter Graf Geza von Közsnöm von Sigmund Freud (Karl Fischer) therapieren./Das Filmfest

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„Ich habe 5.630 Freunde, und allen gefalle ich“, sagt Peter Kerns Protagonistin Hanna von Stezewitz in seinem Film „Der letzte Sommer der Reichen“, bevor die skrupellose Managerin in ihrem Büro eine 16-Jährige vergewaltigt. Der im August verstorbene österreichische Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur gehörte zu den Enfants terribles des deutschsprachigen Kinos und scheute sich nie, seine Gesellschaftskritik in ungeschminkten und brachialen Bildern darzustellen. Im Rahmen des zehnten Filmfestivals deutscher Sprache läuft sein letzter Film als einer von 33 Beiträgen, die von 21. bis 25 Oktober in den Prager Kinos „Lucerna“, „Atlas“ und „Ponrepo“ zu sehen sind.

Kern schüttete kübelweise beißenden Spott über den Hedonismus und die Gefühlskälte der High Society. Der Wiener zog aber auch über die Oberflächlichkeit einer Gesellschaft her, die sich immer mehr an Parametern wie der Anzahl an Facebook-Freundschaften oder sexueller Virilität zu orientieren scheint. Werte wie Liebe oder Loyalität sind nur störende Faktoren im endlosen Laufrad der Selbstoptimierung. Wie viel Kern für sein Œuvre von anderen Koryphäen des deutschsprachigen Kinos wie Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog oder Michael Haneke gelernt und abgeschaut hat, sollen die Filmwissenschaftler klären. Der Liebhaber absurder cineastischer Kammerspiele dürfte in „Der letzte Sommer der Reichen“ aber so manch Parallele zu Werken der genannten Regisseure sehen – und seine Freude daran haben.

Und obwohl Kerns Lebenswerk eine beachtliche Quantität und Qualität offenbart – in die „Filmfest“-Kategorie „Top 10“ hat es weder sein letzter noch sonst einer seiner Filme geschafft. Das Festival-Komitee dachte sich zum Jubiläum diese besondere Sektion aus – eine repräsentative Schau mit zehn Filmen der bedeutendsten Regisseure aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Darunter fallen unter anderem Herzogs „Fitzcarraldo“ mit Klaus Kinski, Hanekes kontroverser Thriller „Funny Games“ oder Fassbinders „Angst essen Seele auf“ genauso wie Fatih Akins „Gegen die Wand“. Mit „M“, einem der ersten deutschen Tonfilme, erinnern die Veranstalter an den großen Fritz Lang.

Mahnen und träumen
Allerdings behalten sie auch aktuelle Tendenzen im Auge. Die Kategorie „Das Filmfest Spezial“ bietet ein spannendes und kompaktes Sammelsurium aus Werken, die sich relevanten gesellschaftlichen Themen im Hier und Jetzt widmen und einen starken Eindruck davon vermitteln, was anspruchsvolles deutschsprachiges Kino ausmacht. Dazu gehört Kerns beschriebene Groteske, aber auch „Wir sind jung, wir sind stark“ des 34-jährigen deutsch-afghanischen Regisseurs Burhan Qurbani. Seine Geschichte über orientierungslose jugendliche Randalierer in Rostock spielt zwar Anfang der neunziger Jahre in Lichtenhagen, ist mit ihrem Bezug zur Aktualität aber kaum zu überbieten.

Mit der Sektion „Terra Incognita“ entflieht das „Filmfest“ in sieben Beiträgen den großen sozio­politischen Fragen und zieht sich in den Mikrokosmos des Privaten zurück. Andreas Dresens Eröffnungsfilm „Als wir träumten“ (Mittwoch, 21. Oktober, 19.30 Uhr im Kino Lucerna) erzählt von den Alltagsabenteuern und der Orientierungslosigkeit vierer Freunde aus Leipzig unmittelbar nach dem Mauerfall 1989. Dresen weicht dabei von seiner fast schon dokumentarischen Formsprache wie in „Halbe Treppe“ oder „Wolke 9“ ab und erinnert mit seinem Neuling ein wenig an Wolfgang Beckers Tragikomödien-Klassiker „Good Bye, Lenin!“.

In „Dora oder Die sexuellen Neurosen unserer Eltern“ lässt die Schweizerin Stina Werenfels eine geistig behinderte junge Frau die Sexualität entdecken. Getragen wird die mutige Inszenierung auch von der Leistung der Hauptdarstellerin Victoria Schulz. Die 25-jährige Berlinerin spielt die Titelfigur authentisch und ohne Pathos.

Den Finger auf die Wunde legen, sich nüchtern und kompromisslos einem schwierigen Thema annähern – das gelingt Nathalie Borgers in ihrem Dokumentarfilm „Fang den Haider“. Aus der Perspektive der Regisseurin selbst und noch während ihrer Recherchen wird man Zeuge, wie sich die Belgierin dem Polit-Phänomen Jörg Haider und dessen Mystifizierung durch seine Anhänger annähert. Auch sieben Jahre nach dem Tod des Rechtspopulisten gehören Verschwörungstheorien und krude nationalistische Volkstümelei zum Kärntner Alltag. Es sind verstörende Geschichten, die die 51-jährige Borgers aus dem Süden Österreichs vermittelt.

Weitaus nüchterner präsentiert sich „Die Demokratie ist los“ von Thomas Isler. Der Schweizer widmet sich in seiner Doku den Möglichkeiten und Grenzen der direkten Demokratie in seiner Heimat. Am Donnerstagabend, 22. Oktober wird der 48-jährige Basler im Kino Lucerna bei der Vorführung des Werks anwesend sein und danach mit Interessierten über Tücken und Vorteile des eidgenössischen Systems diskutieren.

Lachen und gruseln
Aber nicht nur ernsthafte und schwere Kost warten während der fünf Festivaltage auf die Filmfreunde. Für heitere Momente sorgen unter anderem Wolfgang Murnbergers Kriminalroman-Verfilmung „Das ewige Leben“ mit Josef Hader in seiner inzwischen schon legendären Rolle des lethargischen Privatdetektivs Simon Brenner. Die schwarze Komödie steht im Kontrast zu David Ruehms „Der Vampir auf der Couch“, einem unterhaltsamen Lustspiel, das sich am Massenpublikum orientiert und mit dem einen oder anderen reißerischen Slapstick punktet.

Einen speziellen Höhepunkt des Festivals bietet die Vorführung von Friedrich Wilhelm Murnaus Horrorklassiker „Nosferatu, eine Symphonie des Grauens“ von 1921. Für die musikalische Begleitung des Stummfilms sorgt Jan Rybář. Der junge tschechische Künstler schrieb exklusiv für diesen Anlass neue Kompositionen, die am Freitag, 23. Oktober im Kino Ponrepo Weltpremiere feiern.

Nach Prag schlägt das „Filmfest“ seine Zelte vom 26. bis 28. Oktober und vom 29. Oktober bis 1. November in Pilsen und Brünn auf. Mehr Informationen unter www.dasfilmfest.cz