Hauen und Flechten

Hauen und Flechten

Miloslav Macháček fertigt mit seiner Familie jedes Jahr bis zu 5.000 Weidenruten. Am Ostermontag werden damit in Tschechien die Mädchen „geschlagen“

16. 4. 2014 - Text: Corinna AntonText und Foto: Corinna Anton

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Bei Familie Macháček gibt es schon vor Ostern Schläge. Rein geschäftlich allerdings, nicht für ein Gläschen Schnaps und bemalte Eier wie es in Tschechien am Ostermontag üblich ist: An dem Tag ziehen zahlreiche junge Burschen durch Städte und Dörfer und „schlagen“ die Mädchen mit einer Osterrute, die aus Weidenzweigen geflochten wird. Diese bedanken sich mit bemalten Eiern oder einem Schnaps für die „Schläge“, die dafür sorgen sollen, dass die Mädchen gesund und fröhlich bleiben.

Miloslav Macháček war früher auch immer mit einer Rute am Ostermontag unterwegs. Jetzt sind es bis zu 5.000, die er in den Wochen vor den Feiertagen unter die Leute bringt – alle per Hand geflochten von Macháček und seiner Frau, den drei Söhnen und den Großeltern.

Macháček selbst wirkt geradezu wie eine Verkörperung der tschechischen Oster-Tradition, man könnte auch sagen: des Oster-Kitsches. Er trägt eine ärmellose Jeans-Weste, die mit kleinen gelben Plastikküken behängt ist, am Rücken baumelt ein Osterhase. Dazu setzt sich der Prager fürs Foto einen Hut auf, von dessen Krempe ihm Eier und ein Hahn ins Gesicht herabhängen, in die Gartenstiefel hat er sich eine Ratsche gesteckt, eine zweite hängt am Gürtel.

Macháček ist ein Hingucker, der neugierige Blicke auf sich zieht, und ein geschickter Verkäufer, der weiß, wie man Kunden anlockt. „Schon im Kommunismus“, überlegt der 55-Jährige, habe er mit den Osterruten angefangen, „vielleicht vor 30 Jahren“. Früher sei es einfacher gewesen, weil es für Familienbetriebe noch keine Konkurrenz aus den Supermärkten gab. „Jetzt gibt es auch tschechische Osterruten aus China“, sagt Macháček und nimmt eines seiner handgefertigten Exemplare in die Hand. „Sehen Sie, wie das geht“, sagt er und biegt die Rute zu einem Rundbogen. „Mit einer chinesischen geht das nicht. Die bricht.“ Die meisten Kunden wüssten das aber. Sie schätzten die Qualität, deshalb sei die Konkurrenz auch wieder nicht so schlimm.

Aus dem eigenen Garten
Der Prager, der im normalen Leben einen Familienbetrieb für Gartenbau und -pflege führt, nimmt sich jedes Jahr um Ostern „frei“, um seine Osterruten zu verkaufen. In diesem Jahr steht er vor dem Einkaufszentrum „Palladium“ am „Náměstí Republiky“ (Platz der Republik). Auch bemalte Eier und österliche Dekorationsartikel hat er im Angebot. Aber nur die Ruten hat er mit seiner Familie selbst geflochten und im eigenen Garten angebaut. Die längste bringt es auf 4,28 Meter.

Etwa vier Wochen vor Ostern würden die Zweige geschnitten, erklärt Sohn Martin, der die Ruten am zweiten Stand der Familie auf dem Ostermarkt am „Náměstí Míru“ (Platz des Friedens) verkauft. Martin trägt keinen Osterschmuck wie sein Vater, kann aber genauso gut flechten, weil er schon von klein auf mitgeholfen hat. „Die Weidensträucher wachsen etwa ein bis zwei Meter pro Jahr, das ist genau die richtige Länge für eine klassische Osterrute“, so der 29-Jährige.

Vor dem Flechten entfernen die Macháčeks Unebenheiten an den Zweigen. Die Ruten sollten beim Schlagen nicht an den feinen Röcken oder Strümpfen der Mädchen hängen bleiben. Geflochten werden für die Standardvariante acht Zweige, für größere Ruten nehmen die Macháčeks 13 oder 16. Zum Flechten braucht man frische Zweige, Fingerfertigkeit und vor allem Übung. „Am schnellsten ist meine Frau“, verrät Miloslav Macháček. Sein Sohn Martin braucht für eine mittelgroße Rute etwa zehn Minuten. Ein besonderes Exemplar mit einem sogenannten „Korb“, einer Verzierung am Griff, dauert vielleicht eine halbe Stunde. Am Anfang sei die Technik ein wenig kompliziert, meint Martin. „Es vergehen ungefähr zwei bis drei Osterfeste, bis man hochwertige Ruten flechten kann.“

Vier Kubikmeter Stoff
Neben der Grundform hat jede Region, jede Familie ihre eigenen Spezialitäten. „In Mähren oder im Böhmerwald sehen die Osterruten ein bisschen anders aus“, sagt der Vater. Sein Sohn demonstriert, was es mit dem „Korb“ als Verzierung auf sich hat. Das sei eine Spezialität der Familie, sagt er und dreht die Rute um. „Man kann auch die andere Seite zum Schlagen benutzen“. Wenn die Weiden­zweige verarbeitet sind, werden sie an der Vorderseite noch mit bunten Bändern verziert. Familie Macháček verarbeitet für ihre 3.000 bis 5.000 Ruten jedes Jahr etwa vier Kubikmeter Stoff, denn falls es am Ostermontag regnen sollte, hält der besser als das dünne Krepppapier. Sind die ersten Ruten fertig, darf natürlich die Qualitätskontrolle nicht fehlen. Mehr verraten Vater und Sohn darüber nicht.

Etwa 70 Prozent der Osterruten verkaufen die Macháčeks an Geschäfte, die sie weiter vertreiben, den Rest bieten sie an ihren Marktständen im Zentrum an. Das Geschäft laufe mal besser, mal schlechter, meint Martin. Im vergangenen Jahr seien 1.500 Ruten übrig geblieben, dieses Jahr laufe es ganz gut. Wie es um den Erhalt der Tradition stehe, lasse sich daraus aber nicht ableiten. Am Stand kaufen hin und wieder Jugendliche eine Rute, mit der sie „auf einen Schnaps“ gehen wollen, erzählt Martin, der sich selbst schon auf Ostern freut und mit seinem Bruder vielleicht auch losziehen wird. „Eine Altersgrenze gibt es nicht“, meint er, und auch wer wen schlagen darf, sei nicht mehr so streng wie früher: „In manchen Orten ziehen die Mädchen und die Jungs zusammen los.“

Am Stand seines Vaters stehen zwei junge Männer. Sie schauen sich an, dann die Osterruten, dann Macháček und wieder die Osterruten. Sie beraten und überlegen, machen sich die Entscheidung nicht leicht. Schließlich nehmen sie die klassische Variante für 40 Kronen, etwa 80 Zentimeter lang mit pastellfarbenen Stoffbändern, ohne „Korb“ am Griff.