Gestern und Heute

Gestern und Heute

Das Stadtmuseum präsentiert historische Fotografien aus Žižkov und Vinohrady

14. 11. 2012 - Text: Stefan WelzelText: Stefan Welzel

 

Die Pläne lagen in den Schubladen der Stadtplaner – viel fehlte nicht, und sie wären auch umgesetzt worden. In den 70er Jahren hatten die sozialistischen Machthaber die Idee, den Prager Stadtteil Žižkov komplett umzugestalten. Die Straßen sollten breiter werden, das Gelände offener und die Mietshäuser aus der Gründerzeit modernen Plattenbauten weichen. Schaut man sich heute in der Nähe des Platzes Olšanské náměstí etwas genauer um, so läuft dem sensiblen Architektur-Interessierten ein kalter Schauer über den Rücken. An jenem Ort kontrastiert die graue Platte die teilweise reich verzierten Bauten aus der Wendezeit vom 19. zum 20. Jahrhundert. Heute kann man froh sein, dass Žižkov vielerorts noch so ausschaut wie zu den Geburtsstunden des Viertels. Wie diese genau aussahen, kann der Besucher derzeit im Museum der Hauptstadt Prag nahe der U-Bahn-Station Florenc erkunden. Die Ausstellung „Vinohrady und Žižkov – Neue Städte hinter den östlichen Mauern Prags“ zeigt eine Vielzahl außergewöhnlicher Aufnahmen aus den besagten Nachbarorten, die damals weder politisch noch verwaltungstechnisch zu Prag gehörten.

Žižkov entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts vom verschlafenen Vorort zum lebendigen Arbeiterviertel. Auf dem unwegsamen, hügeligen Gelände wurden kasernenartige Mietshäuser beinahe im Akkord hochgezogen. Typisch waren hierbei verhältnismäßig enge Straßenführungen, einfache Wohnungen für möglichst viele Mieter sowie Balkone, die in die Innenhöfe der Blöcke ausgerichtet waren. In Krisenzeiten vermieteten die Bewohner eines ihrer Zimmer oder die Kellerabteile auch unter. Das soziale Leben spielte sich nicht zuletzt aufgrund dieser verdichteten Wohnverhältnisse in reger Form in und um die Hinterhöfe der Siedlungen ab. Auf spannenden fotografischen Zeugnissen kann der Betrachter in jene Zeit eintauchen und sich neben architektonischen Aspekten auch dem Alltagsleben vor rund 100 Jahren widmen. Viele der Exponate stammen aus privaten Sammlungen, darunter alte Postkarten, die mit Grüßen der Schreibenden versehen sind.

Arbeiterschaft und Bourgeoisie
Etwas anders als Žižkov entwickelte sich das Viertel Vinohrady (Königliche Weinberge). Der Ort wurde von der K. u. K.-Administration in den Stand einer Königsstadt erhoben – so wollte man der grassierenden Zentralisierung und Verschmelzung Prags mit seinen Vororten entgegenwirken. Zwischen Wenzelsplatz und dem Örtchen Strašnice im Osten, Žižkov im Norden und dem Nusle-Tal im Süden wurden prächtige Repräsentationsbauten wie das Theater in den Weinbergen errichtet. Plätze wie der Purkyňovo náměstí (heute Náměstí Míru) wurden großzügig, weitläufig und mit Parkanlagen geplant und gebaut. Für die wohlhabenden Bürger wurden Wohnungen erschaffen, die in Sachen Raumangebot und Ausstattung den höheren Ansprüchen genügten.

So lebte in Žižkov und Vinohrady Arbeiterschaft und Bourgeoisie dicht aneinander, und doch in gänzlich unterschiedlichen Welten. Heute hat sich freilich vieles geändert. In Žižkov wurden kleine Wohneinheiten zusammengelegt, das Viertel ist Tummelplatz der kosmopolitischen und alternativen Kunst- und Kneipenszene, ähnlich dem „großen Bruder“ Kreuzberg in Berlin. Bleibt man beim Städtevergleich, so dürfte Vinohrady eine Mischung aus Berlin-Mitte und dem Prenzlauer Berg sein – eine gehobene, einkommensstarke und ebenfalls internationale Klientel kennzeichnet seinen Charakter. Glücklicherweise hatten die ehemaligen Stadtplaner zu Zeiten der sozialistischen Tschechoslowakei für Vinohrady keine Umgestaltungspläne vorgesehen. So blieb Prag vom Vítkov-Hügel bis zum Wasserturm an der Korunní-Straße ein weitestgehend einheitliches Gründerzeiten-Gebiet erhalten.

„Vinohrady a Žižkov – nová města za východní pražskou hradbou“ („Vinohrady und Žižkov – Neue Städte hinter den östlichen Mauern Prags“), Muzeum hlavního města Prahy (Na Poříčí 52, Prag 8), geöffnet: täglich außer montags 9–18 Uhr, Eintritt: 120 CZK (ermäßigt
50 CZK), bis 5. Mai 2013, www.muzeumprahy.cz

Für Vinohrady wie Žižkov ist jeweils ein Fotoband für 410 Kronen im museumseigenen Buchladen erhältlich.



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