Gesamtkunstwerk Staat

Gesamtkunstwerk Staat

Welche Rolle spielten Design, Kunst und Architektur für die Identität der Tschechoslowakei? Die Ausstellung „Budování státu“ sucht nach Antworten

 

25. 11. 2015 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Foto: Národní galerie v Praze

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Beim Rundgang durch die Ausstellung „Budování státu“ (deutsch: Aufbau eines Staates) im Messepalast fällt auf: Alles wirkt improvisiert. Plakate und Karten hängen an Holzstellwänden, die auch Sichtschutz für eine Baustelle sein könnten. Erläuternde Texte auf Papier sind einfach an die Wand getackert. Sparmaßnahmen in der Nationalgalerie? Vermutlich eher Teil des Konzepts.

„Staaten und Nationen sind weder natürlich noch notwendig“, erläutert Kuratorin Milena Bartlová im begleitenden Katalog. Ebenso wenig zwangsläufig sind die visuellen Welten, die innerhalb eines Staates erschaffen, gefördert und genutzt werden. Ihre Ausgestaltung hängt vom Zeitgeist ab, von den technischen Möglichkeiten und vor allem von den politischen Ideen und Visionen. Das Kon­strukt Staat – es könnte so, aber auch anders aussehen.

Die Tschechoslowakei wird in der Ausstellung als relativ kurze historische Episode präsentiert: Von der Staatsgründung 1918 bis zur Okkupation und Neugliederung durch die Nationalsozialisten 1939; die Wiederbelebung der Idee 1945 und schließlich die sozialistischen Jahre, die bereits den Boden für das Ende der Föderation im Jahr 1992 bereiteten. Der Besucher wird aber nicht chronologisch durch die Zeit geschickt. Die Räume bilden mit ihren Themen vielmehr einzelne Bausteine des Gesamtkunstwerks „Staat“ ab.

Tschechoslowakischer Landhausstil
Ein wichtiger Teil davon war in den zwanziger Jahren die Besinnung auf Folklore und das Landleben als Ausdruck des Volkscharakters. Eine Gruppe patriotisch gesinnter Tschechoslowaken machte es sich auf Initiative von Kunsthistorikerin und Sokol-Mitglied Renáta Tyršová zur Aufgabe, das „tschechische Landhaus“ als Kern der nationalen Identität zu etablieren. Im Rahmen einer Ausstellung wurden rustikal eingerichtete Räume mit Modellen in folkloristischer Tracht gezeigt, typisch bemalte Möbel, Geschirr und andere Utensilien des täglichen Lebens. Solche Exponate sind auch im Messepalast zu sehen. Eine Fotoserie von Karel Plicka zeigt zudem Beispiele aus der Slowakei. Porträts von Landbewohnern in bestickten Schürzen erzählen Geschichten von der Ursprünglichkeit der slowakischen Folklore.

Bürger der Tschechoslowakischen Republik war zu dieser Zeit auch der deutsche Maler Erwin Müller. Obwohl seine Werke sich, wie im Katalog zur Ausstellung beschrieben, mehr an der Entwicklung der Kunst in Deutschland orientierten und in seiner Heimat wenig beachtet wurden: Teil der Schau ist Müller mit seiner „Frühlingslandschaft“ dennoch. Sie zeigt auf andere Weise ein ebenso romantisierendes Bild vom Leben auf dem Land wie Plickas Folklore-Porträts. Aber nicht nur im Bereich Folklore spielt Design eine Rolle. Auch Briefmarken, Geldscheine, Uniformen, Flaggen werden bewusst gestaltet und mit identitätsstiftenden Persönlichkeiten, historischen Momenten und Symbolfarben und -formen versehen. Die ersten Banknoten und Postwertzeichen der Republik wurden von der Jugendstil-Ikone Alfons Mucha gestaltet.

Monumente als Kultstätten
Für die nationale Erzählung spielt das Denkmal auf dem Vítkov-Hügel mit der Statue des Heerführers Jan Žižka eine wichtige Rolle – und somit auch für die Ausstellung. Präsident Tomáš Garrigue Masaryk unterstützte nach 1918 den Bau einer Stätte zum Gedenken an den hussitischen Sieg als Teil des Gründungsmythos der tschechischen Nation, die erfolgreich für Demokratie und Freiheit gekämpft hatte. Das Monument wurde im Laufe der Zeit mehrmals umfunktioniert, vom Erinnerungsort an die Toten des Ersten Weltkriegs bis zum Mausoleum für den ersten kommunistischen Präsidenten Klement Gottwald. Im Messe­palast werden Skulpturen, Reliefs und Baugeschichte näher vorgestellt. Das Monument im einstigen Arbeiterviertel Žižkov erscheint als Brennpunkt tschechoslowakischer Geschichte.

Raum und Körper
Den Staat und seine Erzählung von Geschichte und Gemeinschaft repräsentieren nicht nur Architektur, Folklore und Design. Er manifestiert sich auch in der Umwelt, der Gestaltung von Straßen, Lenkung von Flüssen, oder sogar der Veränderung und Verschiebung ganzer Städte, wie im Fall des nordböhmischen Most (Brüx), dessen Altstadt in den siebziger Jahren komplett abgerissen wurde, um dem Kohle­bergbau Platz zu machen. Eine unerfüllte Sehnsucht wird anhand der fiktiven Dokumentation „Rückkehr zum Adriaport“ thematisiert: die Nähe zum Meer. Tatsächlich hatte der Prager Ökonomie-Professor Karel Žlábek 1975 einen Vorschlag für einen 410 Kilometer langen Tunnel zwischen Südböhmen und der slowenischen Adriaküste eingereicht.

Vor allem aber ist der Staat die Gesamtheit seiner Bürger. Sie sind der Staatskörper. Videos und Bilder zeigen die Bemühungen der sozialistischen Tschechoslowakei, ihn bei den aufwendig inszenierten Spartakiaden als kraftvolle Gemeinschaft zu formieren. Hier steht allerdings mehr die sozialistische als die tschechoslowakische Idee im Vordergrund. Letztere spielte eher in der national orientierten Sokol-Bewegung eine Rolle.

Die Grenze zwischen dem Entwurf eines kommunistischen und eines tschechoslowakischen Staates zu ziehen, oder sie zumindest an einigen Stellen der Ausstellung klarer sichtbar zu machen, ist den Kuratoren leider nicht gut gelungen. Zudem scheint ironischerweise die tschechische Sicht auf die Dinge zu dominieren – von Historikern wird oft darauf hingewiesen, dass diese Dominanz letztendlich zum Scheitern des gemeinsamen Projekts beitrug. Dennoch ist „Budování státu“ sehenswert und informativ. Nicht zuletzt beteiligen sich die Kuratoren mit der Ausstellung, vor allem aber in der umfangreichen begleitenden Publikation, wohl selbst an der Neukonstruktion einer nationalen Erzählung.

Budování státu. Veletržní palác (Dukelských hrdinů 47, Prag 7), geöffnet: täglich außer montags 10 bis 18 Uhr, Eintritt 200 CZK (ermäßigt 100 CZK), bis 7. Februar, www.ngprague.cz