Gegen den Virus und die Vorurteile

Gegen den Virus und die Vorurteile

Immer mehr Tschechen werden positiv auf HIV getestet. Die Mitarbeiter des „Dům světla“ helfen und klären auf

17. 2. 2016 - Text: Katharina WiegmannText: Katharina Wiegmann; Fotos: Jan Nechanický, Česká společnost AIDS pomoc

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Der Prager Stadtteil Karlín ist an manchen Ecken ziemlich düster, vor allem nach Einbruch der Dunkelheit. Im Schatten des Veitsbergs (Vítkov), zwischen dem Busbahnhof Florenc und der zum Hauptbahnhof führenden Autobahnbrücke, verirren sich am Abend keine Geschäftsleute aus den nur ein paar Häuserblocks entfernten Bürotürmen. Ihren Chardonnay trinken sie woanders. Statt­­­dessen bitten verhärmte alte Männer um ein paar Kronen für ein Bier und nuscheln Schimpfworte in ihre Bärte. Für manchen gibt es hier dennoch einen Lichtblick. In der Malého-Straße hat die tschechische Gesellschaft für AIDS-Hilfe vor 17 Jahren das Dům světla (Haus des Lichts) bezogen. Seitdem steht sie dort jenen zur Seite, die sich mit dem HI-Virus angesteckt haben.

In Tschechien infizierten sich im vergangenen Jahr 266 Menschen, 458 starben an den Folgen der Krankheit. Im internationalen Vergleich sind die Zahlen gering, doch die Tendenz hierzulande ist steigend. Die Neuansteckungen haben den Gesundheitsbehörden zufolge seit 30 Jahren nicht mehr so stark zugenommen wie 2015. Um dem entgegenzuwirken, klären die Mitarbeiter des Dům světla über die Krankheit auf und leisten Präventionsarbeit.

„Kommst du zum Test oder um die Ergebnisse abzuholen?“ Der junge Mann am Empfang öffnet die Tür, er trägt Hornbrille, einen eleganten Pullover über dem weißen Hemd und wechselt routiniert ins Englische. Ob Ausländer oder Tschechen, jeder kann sich hier kostenlos und anonym auf den Virus testen lassen. Bei jungen Pragern ist die Institution ziemlich bekannt, quer durch alle Schichten, Natio­nalitäten und sexuelle Orien­tierungen. Das Dům světla vermittelt weder die sterile Atmosphäre einer Krankenstation, noch die Tristesse einer Hilfseinrichtung für soziale Außen­seiter. Die distanziert-freundliche Professionalität vermittelt Normalität – etwas, das Infizierte oft schmerzlich vermissen, wie Michael Jettmar erzählt. Er weiß seit drei Jahren von seiner Infektion. „Die Vorurteile sind das größte Problem an dieser Krankheit“, erzählt er. „Nicht jeder kann damit umgehen, dass ich HIV-positiv bin.“

„Sie werden sterben“
Selbst Mediziner kennen sich in Tschechien oft nicht gut mit der Krankheit aus. Seine Diagnose wurde für Jettmar zum Trauma. Testen ließ er sich mehr aus Zufall. Ein Kollege im Restaurant, in dem er damals arbeitete, hatte eine Infektion. Die ganze Belegschaft musste sich untersuchen lassen. Als der Arzt von Jettmar hörte, dass er schwul sei, schlug er vor, dessen Blut auch auf HIV zu testen. „Ich hatte nichts Schlimmes erwartet. Aber dann kam schon nach drei Tagen ein Anruf aus der Praxis, dass ich dringend kommen müsse.“

Michael Jettmar weiß seit drei Jahren von seiner Infektion.

Die Worte, die er im Behandlungszimmer hörte, veränderten Jettmars Leben. „Sie sind positiv. Sie werden sterben“, sagte eine Ärztin. Vor Schreck fiel er in Ohnmacht. Als er wieder zu sich kam, entschuldigte sich die Medizinerin. Sie habe gedacht, Schwule hätten sich inzwischen damit abgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Ansteckung bei ihnen relativ hoch sei. Bei Jettmar brauchte es über ein Jahr und eine Therapie bei einem Psychologen, bis er die Diagnose verarbeitet hatte.

Auch die unsensible Reaktion der Ärztin brachte den Kellner dazu, sich zunächst ehrenamtlich bei der AIDS-Hilfe in Karlín zu engagieren. Inzwischen hat er einen Vollzeitvertrag im Dům světla. Auf seinen Unterarm hat er die rote Schleife tätowieren lassen, die weltweit für Solidarität mit den Infizierten steht. Er berät am Telefon, spricht in Schulen und Schwulenclubs über die Krankheit und seine Geschichte und verteilt Kondome. Der 29-Jährige ist ein eher schüchterner Mann, schaut seinem Gegenüber im Gespräch nicht oft in die Augen, knetet seine Finger während er erzählt. Es muss ihn viel Kraft kosten, sich täglich so mit dem eigenen Kranksein zu konfrontieren. „Ich will eine Barriere sein zwischen den jungen Leuten und dem Virus. So kann ich das aushalten – weil ich etwas Positives mache.“

Angesteckt hat sich Jettmar bei einem Freund, der selbst wusste, dass er infiziert war, es aber verschwieg. Angst vor dem Virus hatte Jettmar bis dahin nicht. „Ich wollte davon nichts wissen und nichts hören.“ Genau in dieser Haltung sieht er heute das Problem – den Grund für die steigenden Ansteckungsraten.

Tomáš Rieger ist Vorstandsmitglied der tschechischen AIDS-Hilfe und rückt die Zahlen ins Verhältnis. „In den Jahren 2013 und 2014 waren es jeweils ungefähr 230 Neuinfektionen. Im Großen und Ganzen gab es also nur einen sehr kleinen Zuwachs.“ Mehr Menschen würden sich testen lassen, mehr Diagnosen seien die Folge, dafür nehme die Dunkelziffer ab. Zudem sei die Krankheit in Tschechien später angekommen als in anderen europäischen Ländern. Rieger glaubt, dass auch hierzulande die Infektionsrate langfristig zurückgehen werde. „Vielleicht findet die Entwicklung nur verzögert statt.“ Aber auch er beobachtet eine gewisse Sorglosigkeit in der Gesellschaft. „Viele denken inzwischen sogar, dass die Krankheit heilbar ist.“

„Man muss Glück haben“
Das ist sie nicht. Beginnt die Therapie früh genug, können Infizierte – abgesehen von möglichen Nebenwirkungen – meist relativ gut mit dem Virus leben. Ob und wann AIDS in Folge der Infektion ausbricht, lässt sich schwer voraussagen, erklärt Rieger. Der Gesundheitszustand zum Zeitpunkt der Ansteckung spiele eine Rolle. „Und Glück muss man auch haben.“ Jettmar führt im Moment ein normales Leben, bis auf die zwei Tabletten, die er täglich pünktlich um dieselbe Zeit nehmen muss. Er kämpft mehr mit Vorurteilen und Unwissen als mit der Krankheit. Einmal musste er zum Zahnarzt, wurde aber in der Praxis „aus hygienischen Gründen“ abgewiesen.

AIDS als die Krankheit promiskuitiver Schwuler und Drogen­abhängiger, dieses skandalisierende Bild herrscht in der Öffentlichkeit noch immer vor. „Und solange HIV dieses Image hat, werden die Vorurteile bleiben“, sagt Jettmar. Er glaubt nicht, dass sich daran bald etwas ändern wird. Tatsächlich waren den Behörden zufolge im vergangenen Jahr 78,2 Prozent der Neuinfizierten Männer, die ungeschützten Geschlechtsverkehr mit anderen Männern hatten; 16,9 Prozent steckten sich beim Sex mit dem anderen Geschlecht an, 0,8 Prozent bei der Injektion von Drogen.

Vor wenigen Tagen erstattete eine Prager Gesundheitsbehörde Anzeige gegen 30 HIV-positive Männer, denen vorgeworfen wird, ungeschützten Sex gehabt zu haben. Man müsse sich um die Gesundheit der Bevölkerung kümmern, erklärte die Chefin des sogenannten Hygienischen Dienstes Zdeňka Jágrová. Ob die Männer tatsächlich gegen Gesetze verstoßen haben, ist noch unklar. Die tschechische AIDS-Hilfe warnt davor, Prävention mit konservativen Moralvor­stellungen zu verbinden. Fälle wie dieser würden neue Barrieren schaffen und Infizierte möglicher­weise davon abhalten, sich testen zu lassen. Der ehemalige Direktor des Dům světla Miroslav Hlavatý formuliert es noch schärfer. Eine „Hexenjagd“ nütze niemandem, kommentierte er das Vorgehen der Behörden. Riegers Glaube an ein Abnehmen der Dunkelziffer, Jettmars Wunsch nach Normalität – der Weg scheint noch weit. In Karlín gibt es zumindest einen Funken Hoffnung.