Forschungsstandort Tschechien

Forschungsstandort Tschechien

Fördermittel kommen vor allem privaten Unternehmen zugute – staatliche Einrichtungen und Unis klagen

14. 11. 2012 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: eli-beamlines.eu

 

Milovice, Hostivice, Dolní Břežany. Für die meisten sind das nur böhmische Dörfer. Für Eingeweihte allerdings klingt das nach innovativer Forschung und technologischem Fortschritt. Dolní Břežany etwa liegt vor den Toren Prags und wird in wenigen Jahren zum Schauplatz des größten Forschungsprojekts in der tschechischen Geschichte. Anfang Oktober klopfte dort Premier Petr Nečas (ODS) mit einem Hammer auf den Grundstein des Laserforschungszentrums ELI Beamlines. Dessen Ausbau wird satte sieben Milliarden Kronen (etwa 276 Millionen Euro) kosten. 2016 soll dort dann der leistungsstärkste Laser der Welt in Betrieb gehen. „Ich erkenne dies als unheimlich wichtigen Impuls für die tschechische Wissenschaft an, für deren internationale Integration“, freute sich der studierte Physiker Nečas bei der Grundsteinlegung.

Böhmen und Mähren möchte er zu international konkurrenzfähigen Forschungsstandorten ausbauen, Fördermittel aus Prag und Brüssel sollen es ermöglichen. Auf den ersten Blick funktioniert das. 2011 investierten Unternehmen und Universitäten um ein Fünftel mehr in die Wissenschaft als im Jahr zuvor: rund 2,9 Milliarden Euro. Das ist im Vergleich mit den Nachbarn in Ostmitteleuropa beachtlich, im EU-Vergleich allerdings noch immer unterdurchschnittlich. Gerade für den privaten Sektor avanciert Tschechien dank großzügiger Zuschüsse aus der Staatskasse langsam zu einem reizvollen Standort für Entwicklungslabors.

Großzügige Unterstützung
„Unser Weg war unkonventionell“, sagt Robert Invenbleek, Geschäftsführer von ZF Engineering Plzeň. „Während viele Unternehmen Montage und Fertigung ins Ausland verlagern, stand für uns die Frage im Vordergrund, wie wir unsere Entwicklungsmannschaft zügig und unseren Anforderungen entsprechend erweitern können.“ Seit 2007 betreibt der Automobilzulieferer aus Friedrichshafen sein Forschungslabor in Pilsen. Die Mitarbeiterzahl ist von ursprünglich 50 nahezu um das Vierfache angestiegen.

Entscheidend bei der Standortwahl waren vor allem die Nähe zu Deutschland, die Verfügbarkeit von Ingenieuren und die Qualität der tschechischen Hochschulausbildung. Wer in einem solchen Umfeld attraktive Arbeitsplätze schaffe, der könne mit einem zügigen Aufbau rechnen.
Technologische Innovation in der Privatwirtschaft gehört in Prag zur Regierungslinie. Unternehmen, die in betriebseigene Forschungsstätten investieren, können mit großzügiger Unterstützung rechnen. Das Finanzamt winkt mit Steuernachlässen von bis zu zehn Jahren, das Ministerium für Industrie und Handel fördert experimentelle Entwicklung und angewandte Wissenschaft in diesem Jahr mit einem Budget von rund 130 Millionen Euro.

Während Maschinenbau und Elektrotechnik noch immer die Antriebsmotoren von Wirtschaft und technologischer Entwicklung in Tschechien sind, setzt das Industrieministerium seinen Fokus vor allem auf zukunftsträchtige Bereiche. „Gefördert werden vielversprechende High-Tech-Projekte, etwa aus dem Bereich Nano- und Biotechnologie“, erklärt Marian Piecha, Leiter der Abteilung für Innovation und Investition am Ministerium. Seit 2007 haben man 8.215 Projekte gefördert, darunter auch exportorientierte Unternehmen aus den Bereichen Flugzeugtechnik oder Bergbau.

Am Rande der Existenzfähigkeit
Blühende Forschungslandschaft Tschechien also? Keinesfalls, meint der Vorsitzende der Akademie der Wissenschaften Jiří Drahoš im Interview mit der „Prager Zeitung“. Die gestiegenen Forschungsinvestitionen flössen fast ausschließlich in die Firmen selbst, angewandte Wissenschaft und Grundlagenforschung an Universitäten und staatlichen Institutionen würden an den Rand der Existenzfähigkeit gedrängt. Der Staat kontrolliere laut Drahoš kaum, welchen langfristigen Nutzen die übermäßig hohen Investitionen in den Privatsektor haben. „Immerhin frisst dieser rund 20 Prozent der öffentlichen Ausgaben. Das ist mehr als das Doppelte des EU-Durchschnitts!“ Man solle Firmen vielmehr Anreize dafür bieten, in die Forschungslabore der Universitäten zu investieren.

Zahlen des Statistikamtes (ČSÚ) weisen auf ein weiteres Problem hin. Den Forschungsdrang einheimischer Unternehmen scheint die öffentliche Förderung bislang nur in Maßen zu wecken. Steuerliche Vorteile, die seit 2005 und auch für den Ankauf von Forschungsarbeit gelten, haben in den vergangenen Jahren laut ČSÚ-Angaben nur rund 700 Firmen beansprucht. Am Industrieministerium werde, so die Reaktion des dortigen Sprechers, jedoch ausreichend für die Innovationsunterstützung geworben.

Im Sommer rechnete Finanzminister Miroslav Kalousek (TOP 09) für 2013 noch mit Ausgaben von 25,9 Milliarden Kronen (etwa eine Milliarde Euro) für Wissenschaft und Forschung. Das entspräche dem Stand von 2011, wäre aber ein Rückgang im Vergleich zu 2012. Einsparungen sind, wie auch in den Jahren zuvor, bei staatlichen Institutionen geplant. Der Streit um eine erneute Steuerreform innerhalb der ODS brachte die Diskussion um die Haushaltsausgaben erneut ins Rollen. Bei der überarbeiteten Haushaltsfassung, darauf weist Nečas vorsichtshalber jetzt schon hin, werde man die Konjunkturflaute berücksichtigen müssen. Nicht nur Jiří Drahoš von der Akademie der Wissenschaften wartet deshalb besorgt auf die neuen Zahlen aus dem Finanzministerium.

Verzahnungen
Bislang blüht die tschechische Forschungslandschaft also hauptsächlich im Privatsektor, vor allem ausländische Firmen profitieren. Neben ZF schwören etwa Siemens oder Bosch auf die Ingenieurtradition und gute Rahmenbedingungen im Nachbarland.
Dass dabei auch die Verzahnung mit den Unis greifen kann, davon weiß Robert Invenbleek in Pilsen zu berichten. „Unsere Erfahrungen sind durchaus positiv. ZF ist mittlerweile eine bekannte Größe als Arbeitgeber für junge Entwicklungsingenieure in Tschechien.“ Rund 80 Prozent der ZF-Mitarbeiter sind Absolventen der örtlichen Hochschule. Das Unternehmen arbeitet eng mit den Akademikern zusammen, Mitarbeiter unterrichten an der Uni, Studenten absolvieren Betriebspraktika. Mittelfristig sollen bis zu 300 Fachkräfte in Westböhmen elektronische Steuergeräte für Antriebstechnik und Fahrwerke testen und entwickeln.



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