„Es gibt noch viel zu tun“

Sozialarbeiterin Jindra Šalátová über den Kinderschutz in Tschechien

12. 3. 2015 - Text: Katharina Wiegmann

Die Psychologin und Sozialarbeiterin Jindra Šalátová ist seit 2012 für die Programmentwicklung der SOS-Kinderdörfer in Tschechien zuständig. Im Interview mit PZ-Autorin Katharina Wiegmann spricht sie über ihre persönlichen Erfahrungen und die gesetzlichen Voraussetzungen ihrer Arbeit.

Gegenüber der Tageszeitung „Mladá fronta Dnes“ räumte die Ministerin für Arbeit und Soziales Michaela Marksová ein, dass in Tschechien überdurchschnittlich viele Kinder aus ihren Familien genommen werden. Wie ist Ihre Erfahrung?

Jindra Šalátová: Wir können das so nicht bestätigen. Wir legen großen Wert auf Präventivarbeit und unterhalten auch Programme für Problemfamilien, in denen die Kinder aber bei den Eltern bleiben. Manchmal sind die Lebensverhältnisse zwar sehr besorgniserregend, aber mit der Unterstützung von staatlichen Sozialarbeitern tun wir unser Bestes, um die Fähigkeiten der Eltern, sich angemessen um ihre Kinder zu kümmern, zu verbessern.

Welche sind die Hauptgründe dafür, dass Kinder auf staatliche Anordnung von ihren Eltern getrennt werden?

Šalátová: Es gibt viele Gründe, warum es für Kinder besser sein kann, getrennt von ihrer Familie zu leben. Armut ist sicher einer davon. Und die ist oft verbunden mit Arbeitslosigkeit, diese wiederum mit einem niedrigen Bildungsniveau. All das kann sich negativ auf die Entwicklung eines Kindes auswirken.

Im Rahmen der öffentlichen Diskussion um den Fall Eva Micha-láková wurde mehr über die Rechte der Mutter als über die der Kinder diskutiert. In Tschechien ist körperliche Bestrafung von Kindern immer noch erlaubt, während sie in den meisten anderen EU-Ländern inzwischen verboten ist …

Šalátová: Über das Thema wird derzeit viel gestritten. Ich denke, dass es langfristig auch hier für illegal erklärt werden wird, seine Kinder zuhause zu schlagen.

Was passiert mit den Kindern, wenn sie getrennt von ihren Eltern in Heimen oder anderen Institutionen untergebracht werden?

Šalátová: Kinderschutz fällt in Tschechien in den Kompetenzbereich verschiedener Ministerien: Gesundheit, Arbeit und Soziales, Erziehung, Justiz und Inneres. Auch für die institutionelle Pflege sind die Zuständigkeiten auf verschiedene Organisationen verteilt. Das macht die Situation schwierig. Für Kleinkinder von bis zu drei Jahren gibt es spezielle Zentren, hier findet aber gerade ein Wandel hin zu stärker an der Familie orientierter Pflege statt. Kinder von drei bis 18 Jahren ohne besondere Verhaltensauffälligkeiten werden in Heimen untergebracht. Auch hier gibt es Bemühungen um eine Unterbringung in Pflegefamilien. Für verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche existieren spezielle Einrichtungen. Was die Pflegefamilien betrifft, gibt es kurzfristige Lösungen mit professionellen Betreuern und dauerhafte Unterbringungen. Alle müssen ein vorbereitendes Training und psychologische Tests absolvieren, unter anderem darum kümmern wir uns in den SOS-Kinderdörfern. Wir bieten auch Wohnmöglichkeiten für die Pflegeeltern an und betreuen sie.

Wie beurteilen Sie den Kinderschutz in Tschechien?

Šalátová: Es gibt noch viel zu tun, um das Leben unserer Kinder hier zu verbessern. Ich freue mich darauf, den von der Regierung festgelegten Strategieplan „Recht auf Kindheit“ umgesetzt zu sehen, der zum Beispiel klare Bedingungen und Regeln für das Überantworten von Kindern in institutionelle Pflege festlegt. Der Plan sieht auch vor, dass Kleinkinder gar nicht mehr in Heimen versorgt werden sollen. Gut wäre es außerdem, wenn sich die Verantwortlichkeiten für den Kinderschutz in einem Ministerium konzentrieren würden.



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