„Die Natur hat uns einen Denkzettel verpasst“

„Die Natur hat uns einen Denkzettel verpasst“

Klima-Experte Václav Cílek fordert langfristigen Hochwasserschutz und kritisiert eine übertriebene Berichterstattung

8. 6. 2013 - Interview: Martin Nejezchleba

Václav Cílek leitete lange Zeit das Institut für Geologie an der Akademie der Wissenschaften. Im vorigen Jahr gab er dieses Amt freiwillig auf, um mehr Zeit für die Forschung zu haben. Mit seinen Analysen, Aufsätzen, Kommentaren und Büchern bringt er den Menschen die Welt der Wissenschaft und Naturereignisse näher. Mit dem Geologen, Klimaforscher und Philosophen sprach PZ-Redakteur Martin Nejezchleba über „langweilige Fluten“ und darüber, wie Staudämme und Würmer das Hochwasser beeinflussen.

Herr Cílek, haben Sie das Hochwasser vor Ort beobachtet?
Cílek: Ja. Ich war in Hradec Králové, bin den Fluss Berounka abgefahren. Am Montag habe ich mir die Situation in Prag angesehen und bin dann in den Norden.

Wie hat das, was Sie gesehen haben, auf Sie gewirkt? Waren Sie erschrocken? Fasziniert?
Cílek: Eigentlich war ich eher gelangweilt.

Gelangweilt?
Cílek: Man steht auf dem Damm und das Wasser steigt fünf Zentimeter in der Stunde. Nach einer halben Stunde hat man genug gesehen. Ich übertreibe jetzt natürlich. Es sind dramatische Dinge geschehen, aber mit dem Hochwasser von 2002 war das nicht zu vergleichen. Das war eine Naturkatastrophe. Das Wasser in diesem Jahr war so etwas wie ein Denkzettel. Es hat uns daran erinnert, wozu die Natur in der Lage ist. Worauf ich hinweisen möchte: Die Berichterstattung war oft unnötig dramatisch. Da wurden Bilder von überfluteten Feldern gezeigt, bei denen es völlig natürlich ist, dass sie hin und wieder unter Wasser stehen. Ein Fluss muss manchmal über die Ufer treten.

Liegt der relativ geringe Schaden vielleicht auch daran, dass man aus der Flut von 2002 gelernt hat? Ist der Schutz heute effektiver, die Reaktionen angemessener als noch vor elf Jahren?
Cílek: Es gab einen Fortschritt. Aber das Wasser hat auch nicht die zerstörerische Kraft von 2002 erreicht. Wenn eine gewisse Durchflussmenge erreicht wird, nimmt die Durchflussgeschwindigkeit rasch zu. Dazu ist es in diesem Jahr nicht gekommen. 2002 war das Bild ein anderes: eingestürzte Häuser und Brücken, entwurzelte Bäume. Davon sind wir in diesem Jahr zum Glück verschont geblieben. Über die Jahre haben wir uns aber auch an das Wasser gewöhnt. In der EU gab es seit 2000 etwa 220 Hochwasser. Etwas anderes aber beunruhigt mich: Bei den vergangenen großen Fluten mussten bis zu 200.000 Menschen evakuiert werden, bei kommenden rechnen Studien mit 400.000. Ich will jetzt nicht sagen, dass das hier eine Vorbereitung auf ein richtiges Hochwasser war. In den mittleren und unteren Elbzuflüssen oder auch an der Donau kann man tatsächlich von einem Hochwasser sprechen. Aber an den oberen Flussläufen war das nicht der Fall.

Liegt das auch daran, dass durch Dämme und Barrieren das Problem flussabwärts weitergereicht wird?
Cílek: Ja, denn der Wasserlauf wird durch die Maßnahmen beschleunigt. In Australien gibt es bereits ein Wassergesetz. Das betrifft Rechte zur Wassernutzung, aber es verpflichtet auch dazu, dass man den Abfluss von seinem Gebiet aus limitiert. Das scheint mir wirklich von entscheidender Bedeutung für die Zukunft. Heute schützt jeder sich selbst und schickt die Gefahr einfach weiter.

Wie also soll man sich in Zukunft schützen?
Cílek: Wir brauchen eine Konzeption für die Pflege und Entwicklung der Landschaft. Für mindestens 20 Jahre im Voraus. Dabei müssen wir nicht nur Hochwasser, sondern auch andere extreme Wetterlagen einkalkulieren: Dürren im Sommer und große Schneemassen im Winter. Und weitere Faktoren: Landwirtschaft, die Entwicklung der Infrastruktur und energetische Sicherheit.

In der Diskussion sind neue Staudämme…
Cílek: Staudämme produzieren vor allem Strom und sorgen dafür, dass unsere Flüsse auch während Dürreperioden nicht austrocknen. Bei kleineren Fluten können sie entlasten, bei einem großem Hochwasser aber helfen sie nicht. Wie wir auch dieses Jahr gesehen haben, sorgen sie während der kritischsten Phase sogar für noch mehr Wasser. Ich bin aber nicht grundsätzlich gegen Staudämme. Es sollte jedoch stets auf der Basis fundierter Studien entschieden werden. Völlig falsch wäre es zum Beispiel, wegen neuer Stauseen Wälder zu roden. Europa ist heute zu mehr als zehn Prozent zubetoniert und asphaltiert. Wälder können große Wassermengen aufnehmen. Aber auch eine nachhaltige ökologische Landwirtschaft hilft. Pestizide, Herbizide und künstliche Düngemittel zerstören die Fauna im Boden. Würmer etwa sorgen normalerweise für die nötige Porosität des Bodens, der dann Wasser aufnehmen kann.

Die Leute, deren Häuser nun zum zweiten Mal zerstört wurden, wird das kaum besänftigen…
Cílek: Zwei, drei Jahre nach den letzten Fluten haben die Leute bei den Ämtern Genehmigungen eingefordert, um wieder im Hochwassergebiet bauen zu dürfen. Ich war damals wütend, dass sie so unbelehrbar sind. Jetzt haben viele dafür bezahlt und werden es höchstwahrscheinlich wieder tun. Auf jeden Fall sollten diejenigen dafür zur Rechenschaft gezogen werden, die diese Bauten überhaupt genehmigt haben.

Aber wo sollen die Leute wohnen?
Cílek: Sie brauchen die Hilfe des Staates. Ihre Häuser wird nämlich weder jemand versichern noch kaufen. Man kann zwei Dinge tun: Ältere und vom Hochwasser geschädigte Häuser abreißen, die Grundstücke abkaufen und den Menschen helfen, in höher gelegene Gebiete zu ziehen. Oder man lernt mit dem Hochwasser zu leben. Man kann höhere Dämme errichten und die Häuser so umbauen, dass sie für zwei Wochen unter Wasser stehen können. Technologien gibt es, aber die sind teuer. Beide Herangehensweisen kann man je nach den Bedingungen vor Ort kombinieren.