Die Lücke zwischen den Geschlechtern

Die Lücke zwischen den Geschlechtern

Bei der Gleichstellung hinkt Tschechien im internationalen Vergleich hinterher

31. 10. 2012 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Victor 1558

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Für Jana Kavková Smiggels brachte die vergangene Woche gleich zwei Hiobsbotschaften. Am Dienstag fegte die EU-Kommission in Brüssel eine verbindliche Frauenquote für börsennotierte Unternehmen vom Tisch. Einen Tag später: Der alljährliche „Global Gender Gap Index“, also die Länder-Rangliste, die die Gleichstellung von Mann und Frau weltweit bewertet und vom Weltwirtschaftsforum (WEF) herausgegeben wird, landet auf dem Tisch der Leiterin der feministischen Initiative „Fórum 50 %“ in Prag. Tschechien ist in diesem Jahr nur auf Rang 73 platziert, hinter Ländern wie Vietnam oder Namibia. Vorbildlich in Sachen Gleichberechtigung sind traditionell die skandinavischen Länder. Island, Finnland, Norwegen und Schweden sowie Irland stellen im diesjährigen Bericht die Top Fünf. Das Zeugnis für Deutschland fällt trotz lähmender Quotendiskussion nicht übel aus: Rang 13 in der Gesamtwertung; problematisch ist laut WEF aber vor allem die Benachteiligung von Frauen im Bildungssektor.

Während die tschechischen Kämpfer für eine Gleichstellung der Geschlechter seit Jahren an ein schlechtes Abschneiden beim Test der Wirtschaftsorganisation aus dem Kanton Genf gewohnt sind, bedeutet das Aus für die europäische Zwangsquote für Kavková Smiggels einen herben Rückschlag. „Quoten sind ein bewährtes und effektives Instrument. Ohne ihre Einführung, das geht aus Erfahrungen weltweit hervor, wird sich an der unterdurchschnittlichen Vertretung von Frauen gar nichts oder nur sehr langsam etwas ändern“, erklärt die junge Mutter, die ihre Haare knallrot färbt. So, als würde ihr Haupt der tschechischen Regierung ein Stopp-Schild vorhalten.

Denn vor allem am mangelnden politischen Willen, da stimmt sie mit anderen Gender-Experten überein, scheitern in Tschechien viele ihrer Bemühungen. Dass während der Mandatszeit der Mitte-Rechts-Regierung von Petr Nečas (ODS) entscheidende Schritte in Richtung Gleichberechtigung getan werden, daran glaubt inzwischen niemand mehr. Aber immerhin: Mit der Senatorin Ludmila Müllerová (TOP 09) soll im Kabinett, das vor knapp zweieinhalb Jahren als reine Männergesellschaft angetreten war, bald die zweite Ministerin sitzen. Mit dem Amtsantritt als Leiterin des Ressorts Arbeit und Soziales wird Müllerová gleichzeitig zur Vorsitzenden des „Regierungsrats für gleiche Chancen für Männer und Frauen“ („Rada vlády pro rovné příležitosti žen a mužů“).

Einiges anzupacken
Der Rat war nach Auflösung des Ministeriums für Menschenrechte über Jahre hinweg praktisch aufgelöst. Seit einem knappen Jahr fällt die Gleichstellungsagenda nun dem Sozialministerium zu. Eine der wenigen positiven Entwicklungen, glaubt man der Vorsitzenden der tschechischen Frauen-Lobby Jana Kavková Smiggels.

Die Ergebnisse der WEF-Studie empfindet sie als treffend. Der Global Gender Gap Index beanstandet in Tschechien vor allem Ungleichheiten in der Arbeitswelt. Vor allem Posten mit Spitzenverdiensten sind noch immer fest in Männerhand. Frauen verdienen in Tschechien im Schnitt rund 25 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Weiteres Manko: In der Politik sind Frauen weniger als zu einem Viertel vertreten. Spitzenpolitiker sind fast ausschließlich Männer. Gute Ergebnisse erzielt Tschechien allerdings im Bereich Bildung. Die Hochschulen des Landes verlassen bis zu 60 Prozent Absolventinnen – an deren geringen Karrierechancen ändert das allerdings nichts.

Radan Šafařík vom Gleichstellungsrat am Sozialministerium weist darauf hin, dass Ranglisten wie der Global Gender Gap Index durchaus richtungsweisend für seine Arbeit sind; ob die Lage der Frauen in Tschechien tatsächlich schlechter ist als in Fernost oder Namibia, lässt er dahingestellt. Zu allgemein seien die vom WEF verwendeten Indikatoren. Aber in den postsozialistischen Ländern Ostmitteleuropas gibt es einiges anzupacken in Sachen Gleichberechtigung, das weiß auch Šafařík. „In unserem jährlichen Prioritäten- und Verfahrensdokument halten wir die Ministerien zu konkreten Schritten an, beispielsweise im Bereich Arbeitsmarkt“, so Šafařík. Konkret rate er zur verstärkten Unterstützung „flexibler Arbeitsverträge, Gesetze zur Unterstützung alternativer Kinderbetreuungsmodelle und weiterer Maßnahmen zur leichteren Abstimmung von Arbeit und Privatleben.“

Postsozialistische Hürde
Die Gründe für die weltweit anhaltende Dominanz von Männern in Politik und Arbeitswelt sind längst bekannt: Die traditionelle Rollenverteilung macht es für Frauen schwieriger, Familie, Karriere und Politik unter einen Hut zu bekommen. Gesellschaftliche Vorurteile führen oft dazu, dass an Leistungen von Frauen in traditionell von Männern dominierten Berufen ein anderes Maß angesetzt wird. Als dritte Barriere gelten institutionelle Hindernisse, beispielsweise diskriminierende Faktoren im Wahl- oder Parteisystem.

Dem Bild der emanzipierten sozialistischen Frau zum Trotz kommt laut Experten in den Ländern des ehemaligen Ostblocks noch eine weitere Hürde hinzu. Gesetzliche Regulierungen stoßen hier im Allgemeinen eher auf Ablehnung, erinnern sich die dortigen Menschen doch zu sehr an die starke Hand des sozialistischen Staates. Gesetzliche Initiativen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau treffen hier also auf erschwerte Bedingungen.
Und obwohl das in Brüssel eigentlich niemanden stören sollte, schickten die Kommissare den Vorschlag für eine EU-weite Frauenquote zurück an die luxemburgische Leiterin des Ressorts für Justiz, Grundrechte und Bürgerschaft Viviane Reding. Im November soll neu verhandelt werden, eine Zwangsquote im neuen Vorschlag nicht mehr enthalten sein.