Die letzten drei Buchstaben

Die letzten drei Buchstaben

Angela Merkelová und Hillary Clintonová: An der weiblichen Endung des Nachnamens kommt in Tschechien kaum eine Frau vorbei. Sprachwissenschaftlerin Jana Valdrová kämpft seit Jahren gegen den Zwang zum „ová“

11. 5. 2016 - Text: Corinna AntonInterview: Corinna Anton; Foto: privat

Warum enden eigentlich die Nachnamen fast aller Tschechinnen auf -ová? Und hängt es auch mit der Sprache zusammen, dass das Land bei der Gleichberechtigung von Mann und Frau so weit hinten liegt? PZ-Redakteurin Corinna Anton hat bei Jana Valdrová nachgefragt. Die 60-Jährige ist Germanistin und Gender­linguistin. Seit langem kämpft sie unermüdlich dafür, dass jede Frau selbst bestimmen darf, wie sie heißt.

Frau Valdrová – oder soll ich Frau Valdr sagen …

Nein, Valdrová ist richtig, weil ich so heiße. Ich bin dafür, dass jeder so angesprochen wird, wie er oder sie heißt. Was aber nicht selbstverständlich ist bei uns.

Sie sind also nicht grundsätzlich dagegen, dass die Nachnamen von Frauen mit -ová enden?

Nein, Gott behüte, aber ich glaube, dass dem -ová eine größere Bedeutung zugeschrieben wird als es hat.

Inwiefern?

Grammatikalisch, aber auch sprachpolitisch. Wenn ich Vorträge zu diesem Thema gehalten habe, waren ab und zu auch tschechische Bohemisten anwesend, die meinten, wir müssten in der Europäischen Union doch unsere tschechische Sprache retten und wir bräuchten unsere eigene Identität. Für mich klingt das lokalpatriotisch.

Die tschechische Identität zeigt sich, indem man an Nachnamen von Frauen die Endung -ová hängt?

Für mich ist das absurd. Nehmen wir zum Beispiel die Tennisspielerin Martina Navrátilová, die in den siebziger Jahren in die USA auswanderte. Sie hat dort unter dem Namen Navrátilová gespielt und niemand hat versucht, aus ihr eine Navrátil zu machen.

In Tschechien dagegen bekommen alle ein -ová verpasst, selbst Angela Merkelová, Michelle Obamová und Marie von Ebner-Eschenbachová.

Nach dem Personenstands­gesetz und nach Meinung vieler Sprachwissenschaftler und Sprachwissenschaftlerinnen gelten Familiennamen ohne -ová als Nachnamen eines Mannes. Manchmal gibt es aber auch Missverständnisse, wenn man das -ová an einen Namen hängt. Nehmen wir zum Beispiel die Schauspielerin Salma Hayek: Wenn man von Salma Hayeková spricht, klingt das, als hätte sie tschechische Wurzeln. Aber das stimmt nicht.

Woher kommt das -ová?

Zum ersten Mal taucht es in den ältesten Dokumenten der tschechischen Sprache auf, in Stadtchroniken und rechtlichen Texten, in denen Frauen als „jemandes Frau“ bezeichnet wurden – zum Beispiel als kupcova, wenn der Mann ein „kupec“, ein Händler war; oder Petrova, wenn der Mann Petr hieß. Das „ova“ drückte die Zugehörigkeit zum Mann aus. Es ist ein paar Jahrhunderte alt.

Und hat auch den Sozialismus überdauert?

Gerade von 1948 bis 1989 war es sehr unüblich, dass eine Frau einen Namen ohne -ová hatte. Es gab sogar einen Erlass, dass bis auf ganz wenige Ausnahmen alle Frauen einen sogenannten movierten Familiennamen, also mit weiblicher Endung, führen und ihn auch verwenden sollten.

Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Namen geändert. Aus manchem Peter wurde zum Beispiel ein Petr, aus Böhm wurde Čech. Hängt der Zwang zum -ová auch damit zusammen, dass die Namen dann tschechischer klangen?

Ja, auf jeden Fall. Es gab sogar schon 1945 eine Kampagne für die Tschechisierung der Vor- und Familiennamen von Deutschen, die nicht vertrieben wurden. Fremd klingende Namen wurden oft ins Tschechische übersetzt, weibliche Familiennamen mit einer weiblichen Endung versehen.

Wurde man gezwungen, den Namen zu ändern?

Viele Menschen stellten freiwillig einen Antrag auf Umbenennung. Der neue, tschechisch klingende Name wurde zum Ausdruck ihres Tschechentums. Andere lehnten die Umbenennung ab. Sie wiesen darauf hin, dass bekannte Politiker wie Klement Gottwald ihre Familiennamen auch nicht geändert haben.

Hat es den Deutschen nach dem Krieg geholfen, wenn sie ihren Namen „tschechisierten“?

Meine Mutter war zehn Jahre alt als der Krieg zu Ende war. Die Kinder haben Steine auf Deutsche geworfen – das war eine schreckliche Zeit. Wenn man einen tschechischen Namen hatte, dann war es zumindest für die Behörden in Ordnung – für die Nachbarn machte es wahrscheinlich keinen Unterschied.

Und wie war es vor dem Zweiten Weltkrieg?

Das hing von den Frauen selbst ab – oder von den Beamten, die den Namen registrierten. Manche Namen finden sich mal mit -ová, mal ohne; manche wurden bei der Geburt anders eingetragen als bei der Hochzeit. Einen zentralen Zwang zur Movierung gab es in der Ersten Republik nicht. Aber das -ová wurde auch politisch genutzt. Im Jahr 1919 zum Beispiel demonstrierten in Kadaň lebende Deutsche gegen die Eingliederung der Grenzgebiete in den tschechoslowakischen Staat. Es gab 18 Tote und über 70 Schwerverletzte. Bis heute ist unklar, wer an dem Massaker schuld war. Aber es gibt Hinweise darauf, dass die Deutschen damals bei zwei gefallenen Frauen das -ová von den Grabsteinen entfernten, damit es wie eine rein nationale Tragödie aussah.

Ähnliche Formen wie das -ová gibt es auch in anderen slawischen Sprachen bis heute. Kann man das mit Tschechien vergleichen?

In anderen Sprachen ist man nicht so rigoros wie bei uns. Die ukrainische Politikerin Julija Tymoschenko zum Beispiel hat kein -ová. Nur die tschechische Presse hat sie zu Julia Tymošenková gemacht. Auch im Russischen gibt es viele Namen, die keine weibliche Endung haben. Bei uns werden sie alle moviert, angeblich, damit man das Geschlecht der Person auf den ersten Blick erkennt und weil es grammatikalisch nicht richtig ist, einen Namen ohne -ová zu verwenden. Aber beides stimmt nicht. Bei Julija Tymoschenko weiß man sofort, dass von einer Frau die Rede ist und man kann auch Namen ohne -ová grammati­kalisch richtig verwenden.

Dennoch habe ich den Eindruck, Sie sind im Kampf für die Wahlfreiheit relativ allein.

In der Öffentlichkeit ändert sich die Meinung langsam. Immer mehr Menschen sind der Überzeugung, dass Frauen wählen sollten, wie sie heißen wollen. Anders ist das bei der Beratungsstelle des Instituts für tschechische Sprache (Ústav pro jazyk český, Anm. der Red.). Auf dessen Internetseite findet man ein Plädoyer für die Movierung. Das ist nicht fair und ich kritisiere das seit Jahren.

In einem Artikel haben Sie den Fall einer Moderatorin beschrieben, die sich weigerte, bei ausländischen Sportlerinnen ein -ová an den Nachnamen zu hängen. Was passierte mit ihr?

Die Moderatorin wurde entlassen, bekam danach aber über tausend Briefe von Lesern, die sie unterstützten. Das war 2009. Heute wäre es kaum denkbar, dass eine Moderatorin deswegen bestraft wird.

Wird nicht mehr konsequent moviert?

Nein, das wird sehr chaotisch gemacht. Bei Ausländerinnen, die Vor- und Nachnamen haben, geht es noch ganz gut. Aber wenn zum Beispiel Olympische Spiele kommentiert werden, fängt bei Chinesinnen und Japanerinnen das Chaos an. Auch wenn es Vorschriften dafür gibt, wissen viele nicht, zu welchem Teil des Namens das -ová gehört. Das gilt auch für die Namen der Vietnamesinnen, die hier leben. Es wäre deshalb besser, alle Namen so zu lassen wie sie sind.

Unter bestimmten Bedingungen können Frauen ja schon auf das -ová verzichten.

Laut Gesetz muss die betreffende Ausländerin, Mitglied einer ethnischen Minderheit oder mit einem Ausländer verheiratet sein oder angeben, dass sie ihren Wohnsitz dauerhaft im Ausland hat oder haben wird. Das ist demütigend. Gerade gestern habe ich mit einer Frau gesprochen, der man gesagt hat, entweder sie gebe die tschechische Nationalität auf oder ihre Tochter werde mit -ová registriert – das ist eine Unverschämtheit.

Wie kann man denn nachweisen, dass man im Ausland leben wird?

Niemand kann das überprüfen – das macht die Bedingung umso absurder.

Sie selbst leben in Österreich. Haben Sie nie darüber nachgedacht, auf das -ová zu verzichten?

Nein. Aber wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich meinen Geburtsnamen behalten. Man spricht immer davon, dass Söhne die Namensträger für die Zukunft seien. Der Name der Tochter ist aber genauso wichtig wie der Name ihres Mannes.

Und was halten Sie von Doppel­namen?

Das ist kompliziert. Sie sind zu lang – und sie verraten den Familienstand, weil man weiß, aha, die ist verheiratet. Das ist wie die Ansprache „slečno“.

Als „slečno“ – auf Deutsch „Fräulein“ – werde ich in Tschechien relativ häufig angesprochen …

Die Leute meinen das nicht böse. Aber wenn jemand Sie so anspricht, würde ich Ihnen raten, nachzufragen: Und wie ist es mit Ihnen, sind Sie ledig? Oder: Spielt das eine Rolle für Sie, ob ich verheiratet bin oder nicht?

Wird das „Fräulein“ auch in Tschechien irgendwann verschwinden?

Ja. Anreden wie „slečno doktorko“ oder „slečno inženýrko“ gibt es schon heute kaum noch.

Das dürfte die Genderlinguisten freuen. Aber gibt es die in Tschechien überhaupt?

Sich wissenschaftlich mit diesem Thema zu beschäftigen, ist beruflicher Selbstmord. Bei mir hat das nur funktioniert, weil ich Germanistin bin und im Ausland veröffentlicht habe. Hier hatte ich manchmal Probleme. Allerdings ändert sich die Situation langsam. Ich weiß noch, wie mich im Jahr 2004 Kollegen fragten: Was haben Sie dagegen, dass der Tisch maskulin ist? Aber es geht doch nicht um den Tisch. Es geht um Personenbezeichnungen, vor allem auf dem Arbeitsmarkt – das wissen mittlerweile auch meine tschechischen Kollegen.

Tschechien liegt im Global-Gender-Gap-Report zur Gleichstellung von Mann und Frau ziemlich weit hinten …

Auf Platz 81.

Trägt die Sprache daran auch eine Mitschuld?

Sie spielt eine große Rolle. Ich habe eine riesige Sammlung von Aussagen, die Frauen sprachlich diskriminieren. Sprache ist Handlung – und Handlung ist oft Sprache.

Zum Schluss mal andersherum gefragt: Wenn ich als Ausländerin in Prag lebe, sollte ich nicht selbst ein -ová an meinen Nachnamen hängen – als Zeichen dafür, dass ich mich integrieren will?

Das liegt ganz an Ihnen. Ich denke aber, Integration bedeutet etwas anderes als den eigenen Namen zu ändern. Wer den Namen ändert, verliert einen Teil der persönlichen Identität. In Tschechien hat man wahrscheinlich wenig Gefühl dafür. Das hat sich zum Beispiel im vergangenen Jahr in Südmähren gezeigt, als dort 200 Flüchtlinge ankamen und mit einer Ziffer auf dem Arm registriert wurden. Das finde ich so grausam und gefühllos. Da fehlt jegliche geschichtliche Kenntnis, jegliches Gespür für Menschenwürde und dafür, wie wichtig der Name ist.