Des Menschen Los

Des Menschen Los

Im Fokus des Prager Theaterfestivals deutscher Sprache steht das Spannungsfeld zwischen Schicksal und Selbstbestimmung

23. 10. 2013 - Text: René PfaffText: René Pfaff; Foto: Münchner Kammerspiele

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Ist alles im Leben vorherbestimmt – oder haben wir unser Schicksal selbst in der Hand? Was ist Vorsehung, was Zufall? Was ist (des Menschen) Los? Jenen Fragen stellt sich das Theaterfestival deutscher Sprache in Prag in seiner neuesten Ausgabe. Gleichzeitig kann „Was ist los?“ auch als Nachhaken über den Zustand der zeitgenössischen deutschsprachigen Theaterlandschaft gelesen werden. Den Reichtum jenes Schaffens in Prag vorzustellen, dies ist die Zielsetzung des ambitionierten Festivals, das nun bereits in die 18. Runde geht.

Ins Leben gerufen wurde es 1996 von dem bekannten Dramatiker Pavel Kohout und der Dramaturgin Renata Vatková. Seit 1997 kümmert sich Jitka Jílková um dessen Organisation. Für diese völkerverbindene Arbeit wurde sie im vergangenen Jahr mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Der Festivaldirektorin ist es auch in diesem Jahr wieder gelungen, eine abwechslungsreiche Mischung aus Ensemble- und Solostücken, Produktionen großer Häuser und kleinerer Bühnen zusammenzustellen und für zwei Wochen an die Moldau zu holen. Zwar büßte das Festival in den letzten Jahren aufgrund des sinkenden Budgets stetig an Quantität ein – der Qualität tat dies jedoch keinen Abbruch.

Eröffnet wird das Festival am 28. Oktober mit „Ödipus Stadt“ im Divadlo na Vinohradech (Theater in den Weinbergen). Regisseur Stephan Kimmig montiert in seiner Inszenierung die thebanischen Tragödien der drei großen antiken Dichter Ai­schylos, Sophokles und Euripides zu einem einzigen Stück. Der schuldlos schuldig gewordene Ödipus und seine Tochter Antigone, die nach dem Zweikampf ihrer verfeindeten Brüder Polyneikes und Eteokles vor einem Dilemma aus Pflicht und Gewissen steht, sind Sinnbilder für die Verzweiflung des Menschen an seinem Schicksal. Über das Ensemblestück des Deutschen Theaters Berlin mit Ulrich Matthes in der Titelrolle schrieb die „Süddeutsche Zeitung“: „Man will beim Zusehen vor Faszination und Beklemmung die Zeit anhalten.“

Weder Held noch Opfer
Nicht minder gehaltvoll ist das Sujet von „Judas“, einer Produktion der Münchner Kammerspiele unter der Regie ihres Intendanten Johan Simons. Der Monolog ist Anklage und Rechtfertigung zugleich: Judas setzt sich mit seinem Verrat auseinander – dabei wird auch die Frage aufgeworfen, ob der weltweite Siegeszug des Christentums ohne den Judaskuss überhaupt möglich gewesen wäre. Steven Scharfs eindringliche Verkörperung der Hauptfigur wurde von der Kritik äußerst positiv aufgenommen. „Er spielt den Judas nicht als Helden, nicht als Opfer, sondern als reflektierenden zweifelnden Menschen“, schrieb beispielsweise die „Frankfurter Rundschau“ über die nicht nur körperlich anspruchsvolle Leistung des Theaterschauspielers des Jahres 2013. Von dem Können Scharfs kann sich das Prager Publikum am 31. Oktober sowie am 1. November im Divadlo Komedie (Theater Komödie) am Jungmann-Platz überzeugen.

Neben Ensembles aus der Bundesrepublik werden auch noch solche aus anderen deutschsprachigen Ländern in der Goldenen Stadt zu Gast sein. So schickt Österreich mit der Produktion „Luft aus Stein“ des Wiener Schauspielhauses ein echtes Autorenstück in die Moldaumetropole. Die erst 32-jährige Heilbronnerin Anne Habermehl übernahm bei dem von ihr geschriebenen Kammerspiel auch gleich die Regiearbeit. In dem Stück setzen sich drei Generationen mit den Themen Herkunft und Heimat auseinander. Aufgeführt wird es am 2. und 3. November ebenfalls im Divadlo Komedie.

Kammerspiele und Monologe
Gemeinsam mit „Muttersprache“, einem weiteren Beitrag des Deutschen Theaters Berlin, und „Schwarze Sonne scheine“ aus Luxemburg dominieren diesen Herbst Kammerspiele und Monologstücke. Wurde hier aus der Not eine Tugend gemacht und ganz bewusst auf kostengünstigere Wenig-Personen-Stücke gesetzt? „Nein“, erklärt Jílková. „Der primäre Grund war, dass es sich um aktuelle Stücke handelt.“ Der Anspruch des Festivals sei es, das Interessanteste zu zeigen, was es derzeit in der deutschsprachigen Theaterlandschaft gibt. Die geringeren Kosten seien dabei allerdings ein nicht unwillkommener Nebeneffekt für ein Festival, dessen Finanzierung immer wieder großen Erfindungsreichtum erfordere, wie Jílková hinzufügt.

Neben den deutschsprachigen Theaterproduktionen sollte auch das Gastspiel des Brünner Reduta-Theaters erwähnt werden. Die Gewinner des diesjährigen Josef-Balvín-Preises, der jedes Jahr für die beste tschechische Inszenierung eines ursprünglich deutschsprachigen Theatertextes ausgelobt wird, zeigen mit „Das Kabarett Kafka oder Franz schreibt seinem Vater“ eine Adaption von Franz Kafkas „Brief an den Vater“. Die Kabarett-Revue ist eine unerwartet heitere Interpretation von Kafkas persönlichstem Text. Für Zuschauer, die des Tschechischen nicht mächtig sind, wird die Inszenierung von Daniel Špinar im Divadlo Na zábradlí (Theater am Geländer) mit deutschen Übertiteln aufgeführt.

„Es war immer unser Ehrgeiz, das angesagte, zeitgenössische dramatische Schaffen vorzustellen“, so Jílková. „Ich glaube, das wird in diesem Jahr außerordentlich gut klappen.“

Neben den großen Produktionen bietet das Festival auch in diesem Jahr wieder ein vielfältiges Off-Programm, so beispielsweise eine Übersetzerwerkstatt oder eine tschechische Inszenierung von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“.

Das komplette Programm und weitere Informationen unter www.theater.cz

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