Der verborgene Schatz

Der verborgene Schatz

Ein Spaziergang durch Olomouc offenbart viel Historie, allerhand Kulturleben und so manche Kuriosität

25. 9. 2013 - Text: Magdalena SchluckhuberText: Magda Schluckhuber; Foto: Michal Maňas

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„Olmütz, die Stadt, mischt sich ein, wird sichtbar, die beiden großen Plätze mit den Säulen und Brunnen, die schmalen Gassen, die einstöckigen, ocker verputzten Häuser, in denen man eng beieinander lebt, aus denen Gezeter und Gelächter tönt und in die ich hineinschlüpfen möchte wie in Höhlen.“ Der deutsche Schriftsteller Peter Härtling verarbeitete in seinem Roman „Nachgetragene Liebe“ von 1980 Erinnerungen an seinen Vater und an seine eigene Kindheit in Olomouc. Seine Beschreibung des Stadtkerns trifft auch heute noch zu, das ereignisreiche vergangene Jahrhundert – so scheint es – hat im Zentrum der Stadt nicht viele Spuren hinterlassen.

Einer dieser beiden großen Plätze ist der Obere Marktplatz (Horní náměstí), jener zentrale Ort mit vielen Sehenswürdigkeiten und Ausgangspunkt jedes Stadtspazierganges. Das städtische Rathaus dominiert den Platz. Seinen Betrieb nahm es im Jahr 1410 erstmals auf. 1417 brannte es ab, in den zwanziger Jahren des 15. Jahrhunderts musste deshalb mit dem Wiederaufbau begonnen werden. Heute ist es eines der wenigen Denkmäler in Olomouc, die nach wie vor ihre ursprüngliche Funktion erfüllen. In die Fassade des Rathauses wurde eine astronomische Uhr eingebaut. Die heutige Gestalt der 14 Meter hohen Uhr stammt aus den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts und ist im Stil des sozialistischen Realismus gehalten. Die Turmuhr ist nur einmal täglich in Betrieb, es lohnt sich, um zwölf Uhr mittags dort vorbeizuschauen. Der Kalender, der Bestandteil der astronomischen Uhr ist, zeigt unter anderem die Geburtstage von Josef Stalin oder Klement Gottwald an – ein spezielles Zeugnis aus der Zeit des Kalten Krieges.
Ein paar Meter weiter befindet  sich die barocke Dreifaltigkeitssäule, die im Jahr 2000 in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Im Inneren dieser Säule befindet sich eine kleine Kapelle, die während der Sommersaison zugänglich ist.

Errichtet wurde sie von Bürgern und Adeligen der Stadt, um dafür zu danken, dass sie von der Pest, die Anfang des 18. Jahrhunderts in Mähren gewütet hatte, weitgehend verschont wurden. 1754 wurde die Säule eingeweiht, Kaiserin Maria Theresia reiste dafür extra aus Wien an. Einmal den Oberen Marktplatz umrundend, sieht man drei der insgesamt sechs barocken Brunnen, die mit ihren mythologischen Motiven zu den Attraktionen der Stadt zählen.

Essbares Souvenir
Bevor der Stadtrundgang weitergeht, darf ein Abstecher in die Ostružnická-Straße nicht fehlen. Dort treffen sich im „Café la Fée“ oder in dem Kaffeehaus und der Rösterei „Henri“ vor allem viele junge Leute. Die Preise liegen zwar höher als üblich, doch das wird in Kauf genommen.

Geschäfte großer internationaler Modeketten sucht man im Zentrum vergeblich, ebenso auffällig große Reklametafeln. Geprägt wird das Stadtbild von alten, wunderschön verzierten Häusern, die, wie Härtling bereits beschrieb, meist ocker verputzt sind. Die in alle Himmelsrichtungen abzweigenden Gassen führen kreuz und quer durch die innere Stadt, immer wieder aber kommt man auf die beiden großen Plätze zurück. Der zweite ist der Untere Marktplatz (Dolní náměstí). Ähnlich dem ersten gibt es auch hier barocke Brunnen, Kirchen und ebenso eine Säule – die Marienpestsäule. Rund um diese herum findet jedes Wochenende ein regionaler Bauernmarkt statt. An der Ecke Lafayet-Straße und Unterer Marktplatz steht das Hauenschild-Palais. Der Renaissance-Palast wurde um das Jahr 1583 von der bürgerlichen Familie Hauenschild aus Fürstenfeld gebaut. Heute ein hanakisches Wirtshaus, komponierte hier früher beispielsweise der junge Wolfgang Amadeus Mozart seine sechste Sinfonie in F-Dur.

Überall in der Innenstadt verstreut findet man die Fakultäten und Gebäude der Palacký-Universität. Sie wurde 1573 ursprünglich als Jesuiten-Hochschule gegründet und ist damit die zweitälteste Universität Tschechiens. Wieder zurück am Oberen Marktplatz, ist die Zeit für essbare Souvenirs gekommen. Die Stadt ist heute noch immer für den Olmützer Quargel (Olomoucké tvarůžky) berühmt, obwohl dieser nur noch im rund 30 Kilometer entfernten Ort Loštice hergestellt wird. Der Quargel-Automat, einer von zwei Exemplaren weltweit, schafft Abhilfe und versorgt Touristen wie Einheimische mit den traditionellen runden Käsestücken, aber auch mit Aufstrichen und Quargel-Cremes.

Das Mini-Prag
„Olomouc ist eines der am meisten unterschätzten Reiseziele Tschechiens mit einem großartigen Nachtleben, einem „Mini-Prag-Gefühl“ und einem der größten landesweiten Bierfestivals.“ Der Reiseführer „Lonely Planet“, auch als „Bibel“ für junge Rucksack-Touristen bekannt, kürte die mährische Kleinstadt deshalb 2012 zu einem der zehn „verborgenen Schätze“ Europas und im Jahr darauf zu einem der zehn besten europäischen Reiseziele. Das Nachtleben spielt sich vorwiegend rund um die beiden Hauptplätze ab, die Stodolní (eine sehr bekannte Kneipenmeile in Ostrava) der Stadt Olomouc findet man in der Mlýnská. Dort beginnt das Leben erst am Nachmittag beziehungsweise am Abend so richtig.

Wer es klassisch mag, trinkt Bier in der typisch tschechischen Kneipe mit Alternativflair „Ponorka“. Die Klientel gestaltet sich sehr unterschiedlich: Uni-Lektoren treffen hier auf Straßenmusiker, Stammgäste diskutieren zum einen oder anderen Klaren lautstark miteinander. In dem Lokal finden auch regelmäßig Konzerte und Literaturabende statt. Ein eher junges Publikum tanzt im „U-Klub“ bis in die Morgenstunden zu Disco-Musik.

Das „Mini-Prag-Gefühl“ erlebt man an vielen Ecken, auch wenn es die Einheimischen nicht gerne hören. Und doch ist Olomouc, für alle die es erlebt haben, auch ganz anders als die Hauptstadt, und wahrlich ein zu Unrecht verkanntes Juwel Mährens.

Kultur- und Gastronomie-Tipps

Kaffeehäuser, Bars und Restaurants

Café la Fée. Kaffeehaus im französischen Stil mit kleinem, gemütlichem Garten. Bietet hausgemachte Limonade, französische Kuchen sowie eine große Auswahl an süßen und salzigen Palatschinken.
Ostružnická 13, geöffnet: Mo.–Do. 8–21 Uhr, Fr. 8–22 Uhr, Sa. 9–21 Uhr, So. 11–22 Uhr

Kavárna Henri Café. Frisch gerösteter Kaffee aus der hauseigenen Rösterei, hauptsächlich aus Brasilien.
Ostružnická 5, geöffnet: Mo.–Fr. 7.30–18 Uhr, Sa. 9–17 Uhr, www.kavarna-olomouc.cz

Café 87. Das Kaffeehaus neben dem Kunstmuseum ist nicht nur für Künstler und Kunstliebhaber ein beliebter Treffpunkt. Die Terrasse bietet einen schönen Ausblick über die Stadt.
Denisova 47, geöffnet: Mo.–Fr. 7–21 Uhr, Sa.–So. 8–21 Uhr, www.cafe87.cz

Caffé Trieste. Neu eröffnetes Kaffeehaus am Dolní náměstí (Unterer Marktplatz), das eine beachtlich große Kaffeekarte hat, aber auch Kuchen und Frühstück anbietet. Vom Garten aus überblickt man den gesamten Marktplatz.
Dolní náměstí 18, geöffnet: Mo.–Fr. 7–19 Uhr, Sa. 8–19 Uhr, www.facebook.com/CaffeTriesteOlomouc

Svatováclavský pivovar. Traditionell tschechisches, aber eher nobleres Wirtshaus mit eigener Brauerei. Bietet sieben verschiedene hausgemachte Biere an, so auch ausgefallene Sorten wie Orangenbier und eine Vielzahl an kalter und warmer tschechischer Hausmannskost. Am Abend ist es empfehlenswert, einen Tisch zu reservieren.
Mariánská 4, geöffnet: Mo.–Fr. 8–24 Uhr, Sa. 11–24 Uhr, So. 11–21 Uhr, www.svatovaclavsky-pivovar.cz

Hospoda u Musea (Ponorka). Typisch tschechische Hospoda, mit oftmals eher alternativen Gästen. Immer wieder gibt es Konzerte, „Literaturwettbewerbe“ (Poetry Slams), früher waren hier unter anderem Ivan Martin Jirous, J. H. (Jiří Hásek) Krchovský, aber auch Bands wie DG 307 oder Umělá hmota zu Gast. Die Kneipe ist bei Einheimischen auch unter dem Namen Ponorka bekannt.
Třída 1. máje 8, www.ponorka.com

Kunst und Kultur

Muzeum umění. Museum für zeitgenössische, moderne Kunst.
Denisova 47, geöffnet: Di.–So. 10–18 Uhr, jeden Mittwoch und Sonntag freier Eintritt, www.olmuart.cz

Kino Metropol. Einziges noch erhaltenes, altes Kino im Stadtzentrum, das ausgewählte tschechische und internationale Filme zeigt. Das Kaffeehaus des Programmkinos bietet unter anderem Fair-Trade-Tee an.
Sokolská 25, Mo.–Fr. 9–20 Uhr, Sa.–So. 14–20 Uhr. Die Kinokarten kosten je nach Film zwischen 90 und 120 Kronen, www.kinometropol.cz

U-Klub. Diskothek, regelmäßig finden spezielle Themen-Partys statt.
Šmeralova 12, www.u-klub.cz