Der Riese von Nusle

Der Riese von Nusle

Seit 40 Jahren beherrscht die gewaltige Brücke die Silhouette des vierten Stadtbezirks

6. 3. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: Adam Zivner

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Wenn es so etwas wie schwarze Schafe unter Bauwerken gäbe, dann stünde sie in Prag vermutlich an erster Stelle. Die Nusle-Brücke, eine von etwa 180 Brücken der Stadt, umweht ein dunkler Ruhm. Vor 40 Jahren wurde der Betonriese als Verbindung zwischen dem Stadtzentrum und den südlichen Wohnsiedlungen eröffnet. Was als gigantisches Bauprojekt die Tatkraft der sozialistischen Gesellschaft demonstrieren sollte, trägt heute den traurigen Beinamen „Selbstmordbrücke“. Etwa 300 Menschen haben sich seit der Fertigstellung von hier in den Tod gestürzt. Zahlreiche Legenden ranken sich seit Jahrzehnten um den Koloss. Angeblich hätte in den siebziger und achtziger Jahren eine mysteriöse Bande ihr Unwesen auf der Brücke getrieben und einsame Passanten in den Abgrund gestoßen. Ein anderes Gerücht berichtet von der „wahren“ Absicht des Bauvorhabens. Die Kommunisten wollten sich mit der Brücke einen direkten Zugang zum Hauptquartier der Partei bahnen. Die nächsten munkeln wiederum, dass sie den Sowjets einen reibungslosen Zugriff auf Prag ermöglichen sollte. Etwa um im Falle eines neuen Prager Frühlings schnell reagieren zu können.

Wahrzeichen mit Rissen
Inzwischen ist das Gemunkel abgeklungen. Heute ist die Brücke vor allem wesentlicher Bestandteil der Stadtautobahn. Auf 43 Meter Höhe wälzen sich täglich mehr als 80.000 Fahrzeuge über die kolossale Konstruktion.

Erste Vorschläge für eine Überbrückung des Nusle-Tals existierten bereits im Jahr 1893. Das Bauvorhaben wurde jedoch immer wieder auf Eis gelegt, umkonzipiert und neu ausgeschrieben. Erst als 1967 die Plattenbausiedlung in Pankrác entstand und es galt, viele tausend Bewohner möglichst reibungslos an das Stadtzentrum anzubinden, wurden die Pläne wieder aktuell. Die anfänglich mit Einkaufspassagen oder Garagen in ihren Pfeilern geplante Stahlbeton-Konstruktion wurde als sechsspurige Fahrbahn umgesetzt, die auf einem halben Kilometer das Tal überspannt.

Nachdem 17 Mietshäuser in der Nusle-Senke dem modernen Wahrzeichen weichen mussten, begannen 1965 die Bauarbeiten. Acht Jahre später wurden sie abgeschlossen. Der „Nuselák“, wie die Brücke später von den Pragern genannt wurde, war seinerzeit eines der größten Bauunterfangen des Landes. Ihre Errichtung schluckte 20.000 Kubikmeter Stahl und über 150 Millionen Kronen. In dem ungeheuren Ressourcen-Verschleiß liegen die nächsten Mythen begraben. Mit dem Bau der Brücke hätte man so lange gewartet, weil man ihm technisch zuvor noch nicht gewachsen war. Zu Kriegszeiten hätte man den Stahl dann für die Rüstungsindustrie gebraucht.

Obwohl die Brücke bereits im Herbst 1972 funktionstüchtig war, wartete man bis zum Folgejahr mit der feierlichen Einweihung. Der 22. Februar schien der Staatsführung würdig, um den neuen Prestigebau offiziell zu eröffnen: Anlässlich des 25. Jahrestags des Februarumsturzes durch die Kommunisten wurde er als Klement-Gottwald-Brücke in Betrieb genommen. Bis 1990 trug die Brücke den Namen des ersten Präsidenten der kommunistischen Tschechoslowakei.

Plante man ursprünglich die Einrichtung einer Straßenbahn im Brückeninneren, entschied sich die politische Führung 1967 für eine Metro. Im Tubus unterhalb der Fahrbahn sollte die Schnellbahn nach sowjetischem Vorbild verkehren. Als problematisch erwies sich dabei das Gewicht der Waggons. So musste die Brücke im Nachhinein mit einem Stahlrost verstärkt werden, um den höheren Achsdruck auffangen zu können.

Dichtung und Wahrheit
Die Belastbarkeit der Brücke wurde 1970 in einer gewaltigen Parade demonstriert: 66 Panzer rollten über den Rohbau. Vier Jahre später rauschte die erste U-Bahn durch die Brücke; heute befördert die Linie C täglich etwa 300.000 Passanten. Das beständige Pendeln der schweren Waggons blieb nicht ohne Folgen. Über die Jahre hinweg bildeten sich Risse im Stahlrost des Tubus. Ein Großteil musste daher in den späten Neunzigern erneuert werden. Die Geschwindigkeit der fahrenden U-Bahn drosselte man auf 40 Stundenkilometer.
Schließlich erhielt die Linie C als erste der drei Prager Metro-Linien moderne Wagenmodelle. Indes finden die Arbeiten an der Brücke kaum einen Abschluss; regelmäßig werden Ausbesserungsarbeiten vorgenommen.

Heute ist die Brücke weniger als einzigartiges Architekturzeugnis berühmt. Wer sie nicht als Nusle-Brücke kennt, der weiß um welches Bauwerk es sich handelt, sobald die Bezeichnung „Selbstmordbrücke“ fällt. Seit ihrer Fertigstellung war sie ein reizvoller Ort für Lebensmüde. Unter den Kommunisten wurden die Suizide verschwiegen. Daher entwickelte sich die Legende um eine mörderische Bande, die für die Toten verantwortlich war. „Die Leute verstanden nicht, warum die Polizei damals nichts gegen die vermeintliche Bande unternahm“, erzählt Petr Janeček. Der bekannte Ethnologe spezialisiert sich auf Stadtmythen. Er erinnert sich, wie ihn die Geschichte selbst das Fürchten lehrte. Als Schulkind in den Achtzigern habe er sich kaum über die Brücke getraut. Später schrieb Janeček ein Buch über die Großstadtlegende. „Eine Erklärung für die Todesfälle war damals bald gefunden. Die Polizei tolerierte das Morden, weil sich die Söhne prominenter Mitglieder der kommunistischen Partei dahinter verbargen.“ Mit dem Ende des Regimes erwies sich die Geschichte als Mär. Die Medien hatten die Selbstmorde verschwiegen, um den Ruf des repräsentativen Bauwerks nicht zu beschädigen und eine scheinbar harmonische Gesellschaft nicht ins Wanken zu bringen.

Auch 30 Jahre später blickt die Stadt eher widerwillig auf die traurige Vergangenheit der Brücke. Als der Installationskünstler Krištof Kintera zu Fuße des „Nuselák“ eine Skulptur in Gedenken der vielen Verzweifelten errichten wollte, stellte sich der Stadtrat zunächst quer. Nach jahrelangem Bohren und Überzeugen durfte Kintera im September 2011 seine Installation aufstellen. Seitdem hält an der Stelle eine merkwürdige verdrehte Lampe ihre Wache. Mit verrenktem Hals, den Schirm nach oben gebogen, leuchtet „Aus freiem Willen – Memento Mori“ allabendlich gen Himmel. Und rückt jenen Schandfleck ins Licht, der so ungern gesehen wird.