„Der Kaffee war Nebensache“

„Der Kaffee war Nebensache“

Kaum jemand kennt sich in der Geschichte der Prager Kaffeehäuser so gut aus wie die Kunsthistorikerin Eva Bendová. Über verschwundene und wieder auflebende Traditionen

7. 1. 2015 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: Iin Judy

Im Grand Café Orient bestellt Eva Bendová eine Tasse Kaffee. „Sehen Sie, so muss er serviert werden“, sagt sie und deutet auf das kleine silberne Tablett: „Mit einem Glas Wasser und Milch, der Zucker steht schon auf dem Tisch.“ Sie könnte auch als Gastro-Kritikerin durchgehen. Aber die kulinarischen Qualitäten interessieren sie am wenigsten: Bendová hat Kunstgeschichte studiert und ist Expertin für Historie, Architektur und Soziologie der Prager Kaffeehäuser – der verschwundenen wie der noch bestehenden.

„Ich habe viel Kaffee getrunken“, erinnert sich die 38-Jährige an ihre Doktorarbeit, die sie an der Karls-Universität zum Thema Kaffeehauskultur geschrieben hat. Auch in Wien, Berlin und Paris hat sie dafür recherchiert, um den internationalen Kontext zu berücksichtigen. Sie suchte in Archiven und beschäftigte sich mit der Architektur der Lokale. Manchmal saß sie aber auch in einem Kaffeehaus und beobachtete die Gäste, verglich das, was sie über die Vergangenheit gelesen hatte, mit der Gegenwart.

Was hat sich verändert in den Kaffeehäusern in Prag? In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien sie vor allem Räume für alle möglichen Freizeitaktivitäten gewesen, „Vergnügungsorte“, sagt die Wissenschaftlerin. Meist erstreckten sie sich über mehrere Stockwerke, umfassten oft ein ganzes Gebäude. Darin war nicht nur Platz zum Sitzen, Trinken und Reden. Es gab eigene Lesezimmer, Räume für Schach, Billard- oder Kartenspiele und Tanzsäle. Wer als Kaffeehausbesitzer etwas auf sich hielt, engagierte sogar ein eigenes Orchester – wie das Reunion im Palác Adria, der deutlich größere Vorgänger des jetzigen Café Adria.

Wie es dagegen heutzutage um die Zeitungslektüre im Kaffeehaus bestellt ist, lässt sich im Grand Café Orient an diesem ruhigen Vormittag gut verfolgen: Die Zeitungshalter hängen an ihrem Platz neben der Eingangstür. Einzig ein Kellner widmet ihnen ab und zu im Vorübergehen einen Blick. Offenbar ist es das Boulevardblatt „Blesk“, das ihn interessiert. Daneben finden sich zwei oder drei weitere tschechische Tageszeitungen. Früher sei das anders gewesen, sagt die Expertin. In manchen Prager Kaffeehäusern habe es bis zu 120 Zeitungen und Zeitschriften gegeben, darunter auch internationale Presse.

Weniger wichtig sei dagegen vor 100 Jahren der Kaffee gewesen – zumindest in Prag. In Wien hätten sich die Kellner schon immer bemüht, besonders guten Kaffee zu servieren, erklärt Bendová. Aus den Memoiren einiger Prager Kaffeehausbesucher ließe sich jedoch herauslesen, dass das Getränk in Prag nicht im Mittelpunkt gestanden habe. So habe Vítězslav Nezval, Dichter des Poetismus und Surrealismus, sogar abwertend von einer „Tasse mit Dreck“ gesprochen. Der Kaffee sei mittlerweile besser geworden, glaubt Bendová.

Natürlich geht die Pragerin selbst gerne ins Kaffeehaus, auch zum Lesen. Die Idee für ihre Doktorarbeit kam ihr jedoch in einem Museum in München, während eines Studienaufenthalts im Jahr 2002. „Mit einer Freundin zusammen habe ich viele Galerien besucht. Im Lenbachhaus haben wir ein Bild gesehen, das drei Menschen in einem Kaffeehaus zeigte.“ Das Gemälde stammte von Albert Weisgerber, der unter anderem in München tätig war. Bendová faszinierte vor allem das, was auf seinem Bild nicht direkt zu sehen war: In welcher Beziehung standen die abgebildeten Personen zueinander? Worüber sprachen sie wohl im Kaffeehaus? Woher kannten sie sich?
Die Fragen lassen viel Spielraum für Interpretationen, denn im Kaffeehaus trafen sich viele gesellschaftliche Schichten. Es war keineswegs nur ein Ort der Intellektuellen, sondern auch ein Ziel für Besucher, die sich bei Spiel und Tanz amüsieren wollten. Dennoch gab es Gruppen, die außen vor blieben. So seien in Prag für gewöhnlich weder Diplomaten noch Arbeiter ins Kaffeehaus gegangen, erklärt Bendová, was sich auch im Stadtbild widerspiegele: Im Arbeiterviertel Holešovice gab es kaum Kaffeehäuser, dafür sogenannte „Automaten“, eine Art Schnellimbiss, wo man sich nicht lange aufhielt.

Dass Kaffeehäuser keine typischen Orte der Arbeiter waren, trug während des kommunistischen Regimes wohl zu ihrem Verschwinden bei. Die Lokale wurden verstaatlicht und kontrolliert. Propagiert wurde von offizieller Seite eher die Bierkultur. Viele Menschen verloren die Lust an einem Besuch im Kaffeehaus. Dass sich zum Beispiel das Café Slavia dennoch halten konnte, ist Bendová zufolge dem nahegelegenen Nationaltheater und den Schauspielern, die sich dort regelmäßig trafen, zu verdanken. Es zählt ihrer Meinung nach auch zu den wenigen Kaffeehäusern, in denen man noch heute die Nostalgie spüren könne. Andere seien etwa das Café Louvre, das Imperial oder eben das Orient, sagt sie mit Blick auf ihren Kaffee auf dem Silbertablett. Im Hintergrund klingt wie aus einem alten Grammophon Musik der zwanziger Jahre.

Neben diesen alten oder in alter Tradition neu eröffneten gibt es für Bendová zwei weitere Kategorien Prager Kaffeehäuser: Die neuen, die sich etwas weiter entfernt vom Zentrum befinden, in Stadtvierteln wie Vršovice oder Holešovice. Und die verschwundenen, an die nur noch ein klangvoller Name erinnert. Zu letzteren zählt sie zum Beispiel das Kaffeehaus Juliš am Wenzelsplatz. Das gleichnamige Hotel steht dort zwar bis heute. Im Erdgeschoss werden jetzt aber Sportartikel verkauft. Ein ähnliches Schicksal ereilte wenige hundert Meter entfernt das „Luxor“, dessen Namen nun ein großes Buchgeschäft trägt. Wieder andere existieren fast nur noch in Memoiren und Erzählungen. Damit sie nicht ganz in Vergessenheit geraten, hat Eva Bendová aus ihrer Doktorarbeit auch ein Buch fürs breite Publikum gemacht, eine Art Stadtführer mit verschwundenen und zeitgenössischen Kaffeehäusern. Auf Tschechisch soll er im Laufe des Jahres erscheinen.



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