Der Archäologe

Der Archäologe

Die Erben der Vertreibung – Sudetendeutsche und Tschechen heute (Teil 4): Petr Joza, Archivar

17. 9. 2014 - Text: Ralf PaschText: Ralf Pasch

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„Seit meiner Kindheit“, sagt Petr Joza, „interessiere ich mich für die Geschichte dieser Stadt.“ Heute arbeitet er im Staatlichen Kreisarchiv. Děčín, früher Tetschen-Bodenbach, ist nicht nur als Militärstützpunkt bedeutsam gewesen, sondern auch als Verkehrsknotenpunkt, vor allem, seit die Stadt im 19. Jahrhundert an das Eisenbahnnetz angeschlossen worden war. Noch heute befindet sich dort der wichtigste Eisenbahn-Grenzübergang zwischen Deutschland und Tschechien. Tetschen und Bodenbach sind erst 1942 zu einer Stadt vereint worden. Deshalb hat die Stadt außer zwei Bahnhöfen auch zwei Rathäuser und zwei Marktplätze. Brücken über die Elbe verbinden Děčín und Podmokly.

Ein Lehrer weckte während Jozas Schulzeit die Leidenschaft für die Geschichte, er reproduzierte alte Fotos, gab sie seinen Schülern und ließ sie dieselben Orte in der Gegenwart fotografieren. „Von da an“, erinnert sich Joza, „wurde es immer stärker.“ Anfang der achtziger Jahre – als er von der Grundschule auf das Gymnasium wechselte – begannen in Tetschen archäologische Forschungen, für die Helfer gesucht wurden. Joza meldete sich und arbeitete unter anderem an Grabungen am Fuße des Schlosses mit. […]

Joza und andere Jugendliche wurden begehrte Helfer, sie waren dabei, als Reste von Wohnhäusern, alte Brunnen, Teile der gotischen Marienkirche und ein Stück Stadtmauer freigelegt wurden oder als im Wald bei Vlčí hora/Wolfsberg eine mittelalterliche Glashütte entdeckt wurde. Trotz solcher groß angelegten Forschungen blieb vieles aus der Geschichte im Dunklen. „Die kommunistische Zeit war voller Tabus.“ […] Die deutsche Vergangenheit der Stadt war in Jozas Kindheit hier und da noch sichtbar, Aufschriften an Häuserfassaden etwa zeugten davon. Doch das Wissen über die Hintergründe schien zu verblassen wie die Farbe der Buchstaben an den Wänden. „Man erzählte uns in der Schule, es habe hier irgendwelche Deutschen gegeben, die nun nicht mehr da sind – wo waren sie geblieben?“ Joza begab sich Ende der achtziger Jahre in der Umgebung der Stadt auf die Suche und betrieb bei Streifzügen durch die Dörfer seine ganz eigene Form von Archäologie: Er stieg in einem der Orte, in denen bis zur Vertreibung das berühmte böhmische Glas hergestellt worden war, aus dem Bus und nahm einen beliebigen Weg durch die Felder. In von Brennnesseln überwucherten Hügeln am Waldrand musste er nur etwas graben und schon wenige Zentimeter unter der aufgeschütteten Erde kamen Reste der Glasbearbeitung zum Vorschein. In fast jedem Haus hatte vor Kriegsende ein Glasmaler oder -schleifer gearbeitet. Die neuen Besitzer machten sich nach der Vertreibung nicht die Mühe, den nicht benötigten Hausrat und die scheinbar wertlosen Utensilien aus den Werkstätten auf eine Müllhalde zu schaffen. Joza buddelte aus den wilden Abfallbergen auch Bierflaschen mit Aufschriften und Abzeichen aus.
Solche Grabungen, die statt Überresten aus dem Mittelalter Zeugnisse der jüngsten Geschichte zutage förderten, wurden Jozas Passion. […]

Auf die Frage, wie die Menschen in der Děčíner Gegend, die durch die deutsche Besetzung, die Vertreibung der Deutschen und die Zeit des Sozialismus gezeichnet ist, mit ihrer gebrochenen Geschichte umgehen sollen, hat Joza eine verblüffend einfache Antwort: „Man muss Geschichten erzählen, statt pauschal über ,die Sudetendeutschen‘ oder ,die Tschechen‘ zu sprechen. Erzählt man stattdessen über Einzelpersonen und deren Schicksale, stellt man fest, dass es stets gute und schlechte Menschen gab.“

Ein Mann aus der Kreisstadt Ústí nad Labem erzählte ihm, er sei als 20-jähriger Soldat bei Kriegsende damit beauftragt gewesen, die Deutschen mit vorgehaltener Waffe aus ihren Häusern zu treiben. Als er Wache schob, beobachtete er Misshandlungen. „Er beschrieb, wie die Leute bis zur Unkenntlichkeit misshandelt wurden.“ Er erzählte Joza aber auch von einer Zugfahrt während des Krieges, als deutsche Militärs auftauchten, die tschechische Fahrgäste aus den Abteilen jagten und die Sitzplätze für sich beanspruchten. Im Sommer 1945 hatte er sich freiwillig zur neu aufgestellten Tschechoslowakischen Armee gemeldet, weil er die Deutschen hasste. Er beteuerte gegenüber Joza, er habe während der Vertreibung niemanden misshandelt. „Die damalige Zeit formte die Menschen, so wie mich die Zeit meiner Kindheit formte, dies war wiederum eine ganz andere Zeit als die, in der die Leute aufwuchsen, die zehn oder zwanzig Jahre jünger sind als ich.“

Als sich Anfang der neunziger Jahre die Grenzen öffneten, trat ein, wovor viele Tschechen gewarnt hatten: Die Deutschen kamen zurück. Freilich nur zu Besuch. Ortstreffen, zu denen sich die Vertriebenen bis dahin im Westen Deutschlands versammelt hatten, konnten nun auch im nahen Sachsen oder unmittelbar in den Heimatorten stattfinden. „Die Ersten“, erinnert sich Joza, „waren die Windisch-Kamnitzer.“ Erich Watzlawik, der damalige Ortsbetreuer für Windisch-Kamnitz/Srbská Kamenice im Heimatverband Kreis Tetschen-Bodenbach, betrieb ein eigenes Busreiseunternehmen, er chauffierte seine Landsleute in die alte Heimat. „Und so sind ganz konkrete Deutsche an ganz konkrete Tschechen herangetreten. Man stellte fest, dass sind keine Nazis in Uniform, die ein Hitlerbild in der Tasche haben, sondern ganz normale Rentner, die einfach nur froh waren, dass sie hier sein durften.“ […]

ÜBER DAS BUCH
Die Besetzung der Tschechoslowakei durch das Deutsche Reich und die Vertreibung der Deutschen aus Böhmen, Mähren und Schlesien am Ende des Zweiten Weltkriegs sind dunkle Kapitel einer gemeinsamen Geschichte. Die Ereignisse liegen mehr als ein halbes Jahrhundert zurück, doch ihre Folgen sind bis heute spürbar – auch für die dritte Generation. Obwohl die Nachgeborenen längst dort ihre Heimat gefunden haben, wo sie heute leben, versuchen sie in einer Zeit, in der die Erlebnisgeneration auch in den sudetendeutschen Verbänden abtritt, auf ihre Art mit diesem schwierigen Erbe umzugehen.

Der Journalist Ralf Pasch, selbst Nachkomme von Deutschen aus Böhmen, hat 15 Enkel aus Deutschland, Tschechien und Österreich dazu befragt, wie es ihnen mit ihrer Familiengeschichte gelingt, sich zu versöhnen. Die „Prager Zeitung“ stellte insgesamt vier Porträts auszugsweise vor, die vor kurzem unter dem Titel „Die Erben der Vertreibung – Sudetendeutsche und Tschechen heute“ erschienen sind. Mit dem Porträt von Petr Joza endet die Reihe.

Ralf Pasch: „Die Erben der Vertreibung“. Mitteldeutscher Verlag, Halle 2014, 232 Seiten, 14,95 Euro, ISBN 978-3-95462-236-8