Das Schloss der Zuckerbarone

Das Schloss der Zuckerbarone

In Ratboř bei Kolín steht mit dem „Chateau Kotěra“ eines der außergewöhnlichsten kubistischen Gebäude Tschechiens

21. 10. 2015 - Text: Gunnar HabitzText und Foto: Gunnar Habitz

 

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bedienten sich zahlreiche tschechische Architekten der Formensprache des Jugendstils und feierten das 1912 fertiggestellte Prager Gemeindehaus als dessen Höhepunkt. Viele Straßenzüge und vor allem das Jüdische Viertel wurden zur Bühne des Secessionsstils. Doch aus Brünn kam ein junger Architekt über die Wiener Akademie der Bildenden Künste nach Böhmen, um mit dem Primat des Jugendstils zu brechen. Jan Kotěra prägte als einer der ersten in seinem Land die aufstrebenden Stilrichtungen des Kubismus und der Moderne. Eines seiner bekanntesten Werke beherbergt heute die Juristische Fakultät am Curie-Platz nahe der Pariser Straße. Doch möchte man eine ganz besondere Perle seiner Baukunst besichtigen, muss man nach Ratboř fahren, ein 500-Seelen-Dorf rund sieben Kilometer südöstlich von Kolín. Dort diente das „Chateau Kotěra“ den Söhnen eines Zuckerfabrikanten als Familiensitz. Heute beherbergt es ein Hotel mit Restaurant.

Jan Kotěra (1871-1923) wurde in seiner Studienzeit stark von Belle-Époque-Ikone Otto Wagner beeinflusst. Nach seinem Abschluss suchte der Mähre bald eine eigene Formsprache, ließ unter anderem seinen oft verwendeten, secessionistischen Pflanzenornamenten geometrische Formen folgen. Mehr und mehr wandte er sich dem Kubismus zu und mischte diesen mit Elementen der sogenannten Volksarchitektur. 1910 wurde er an der Prager Akademie der Bildenden Künste jüngster Professor seines Fachs und übte einen großen Einfluss auf die nachfolgende Architektengeneration aus. Neben seiner Lehrtätigkeit schuf er mit bemerkenswertem Gefühl für Raum, Zweckmäßigkeit und Materialien eine Reihe von Geschäftshäusern, Villen und öffentlichen Gebäuden. Viele davon stehen außerhalb Prags wie das Stadtmuseum in Hradec Králové oder die Villa Lemberger-Gombrich in Wien. Außerdem beschäftigte er sich mit der Ausstattung von Straßenbahnen, kreierte Möbel und entwarf sogar eigene Schrifttypen.

Im damals noch unbekannten Stil des Kubismus vollendete er 1913 nach zwei Jahren Bauzeit das „Neue Schloss“ für zwei der vier Söhne des Unternehmers Bernard Mandelík, der von seiner damaligen Zuckerfabrik in Ratboř landesweit die Preise für den Rohstoff diktierte. Ihm gehörte damals auch das „Alte Schloss“ aus dem 18. Jahrhundert, neben dem der Neubau entstand und das Kotěra innenarchitektonisch verfeinerte. Beim Neuen Schloss handelt sich allerdings eher um ein zweistöckiges Herrenhaus mit gleichmäßigem Grundriss, zwei Empirebögen an den Seiten und einer mächtigen Kuppel. In der grau verputzten Fassade sind bereits  von Weitem einige kubistische Details auszumachen wie die kunstvollen Balkonbalustraden und Fensterverzierungen. Nach einer verhältnismäßig bescheidenen Eingangshalle wirkt das darauf folgende, holzvertäfelte Treppenhaus recht vornehm, wenngleich nicht pompös. Da in je einem Flügel einer der Söhne wohnte, gestaltete sich die Einrichtung entsprechend ihrem Geschmack ganz unterschiedlich. So war der linke Flügel für die damaligen Verhältnisse modern gehalten, der rechte eher traditionell.

Faszinierende Details
Während des Sozialismus diente das Neue Schloss als Grundschule. In dieser Zeit sind viele Details erhalten geblieben, beispielsweise Fenster mit speziellem Öffnungsmechanismus, typisch kubistische Lampen und Glasscheiben. Im Jahre 2004 wurde aus dem Anwesen ein Hotel mit Restaurant, dessen Ruf dank der einmaligen Architektur bis weit über Kolín hinausreicht. Kubistische Gebäude sind im internationalen Vergleich äußerst spärlich gesät, die bedeutendsten Vertreter findet man vor allem in Tschechien. Doch auch hier ist die Anzahl überschaubar, in Prag stehen nur wenige solcher Bauten. Die einzige Möglichkeit, in einem kubistischen Gebäude zu übernachten, bietet das Neue Schloss in Ratboř, heute mit dem Zusatz „Chateau“ versehen. Mit dem Architekten ist noch ein weiteres Hotel verbunden: In Hradec Králové erbaute er 1904 und somit vor seiner Kubismusperiode das Bezirkshaus (Okresní dům), das später zum Grand Hotel umgewandelt wurde und nach langem Dornröschenschlaf seit 2007 wieder als Hotel im klassischen Jugendstilgewand dient.

Chateau Kotěra, Komenského 40, Ratboř, Tel. 321 613 111, www.hotelkotera.cz



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