Das Holz, aus dem die Töne sind

Das Holz, aus dem die Töne sind

In vierter Generation baut Jan Špidlen in der Prager Altstadt Geigen. Seine Instrumente werden von Musikern aus aller Welt geschätzt

29. 4. 2014 - Text: Corinna AntonText und Foto: Corinna Anton

Anzeige

Die Geigen aus der Hand zu geben, fällt Jan Špidlen manchmal schwer. Seine Geigen, wie der 46-Jährige sagt: „Sie bleiben immer meine. Auch wenn am anderen Ende der Welt jemand auf ihnen spielt.“ Wenn Špidlen eine seiner Geigen verkauft, dann hat er in seiner Werkstatt in der Prager Jungmann-Straße etwa drei Monate damit verbracht, aus Fichten- und Ahornholz einen Klangkörper zu formen, zu verleimen und zu lackieren, das Griffbrett aus Ebenholz anzupassen und den Steg aufzusetzen. Bei jedem einzelnen der zahlreichen Arbeitsschritte hat er sich nur auf das eine Stück Holz konzentriert und dabei alles andere vergessen. Denn genau darauf kommt es beim Geigenbauen an, erklärt Špidlen, der wie zuvor sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater in der Prager Altstadt Streich­instrumente baut.

Einige der Violinen, die seine Vorfahren gefertigt haben, sind für ihn unverkäuflich. Aber er weiß auch, dass eine Geige eigentlich erst Sinn macht, wenn jemand auf ihr spielt. Deshalb verkauft er seine Instrumente auch bis ans andere Ende der Welt. Die am weitesten gereiste Violine spiele ein Geiger in Japan, sagt der Prager, der hauptsächlich Profimusiker zu seinen Kunden zählt, darunter einheimische Stars wie Pavel Šporcl und Ivan Ženatý, den lettischen Violinisten Gidon Kremer und den griechischen Geiger und Dirigenten Leonidas Kavakos. Besonders freut es Jan Špidlen, der in fast 30 Jahren etwa 80 Geigen und einige Violen und Celli gebaut hat, wenn seine Instrumente nach ein paar Jahren wieder in seine Werkstatt zurückkehren. Wenn sie repariert werden müssen, wenn ein bisschen Lack ab ist, ein paar Kratzer im Korpus sind, dann sieht der Geigenbauer, dass seine Werke ihren Zweck erfüllt haben.

Ginge es nach der Nachfrage, dann könnte Špidlen expandieren. Kunden, die im Moment ein Instrument bestellen, muss er bis 2017 vertrösten, weil er nicht mehr als vier Violinen im Jahr schafft und die Auftragsbücher voll sind. Aber ein Großbetrieb, in dem er nur noch delegiert und Fertigteile verwendet, kommt für den Geigenbauer in vierter Generation nicht in Frage.

Geigen für den Zaren
Begründet hat die Familien-Tradition schon sein Urgroßvater František Špidlen, der 1867 in einem kleinen Dorf im Riesengebirge als Bauernsohn zur Welt kam. Das Geigenbauen lernte er zunächst bei seinem Schwager. Mit nicht einmal 20 Jahren zog er nach Kiew, um dort die Abteilung für Musikinstrumente in einem großen Kaufhaus zu leiten. Später machte er sich selbständig und wurde einer der besten Geigenbauer Russlands – der Beweis dafür: Er bewarb sich erfolgreich als Geigenbauer des Zaristischen Konservatoriums in Moskau.

František Špidlen wurde jedoch krank und kehrte auf den Rat der Ärzte nach Böhmen zurück, wo er es als hierzulande unbekannter Geigenbauer zunächst schwer hatte, sich gegen die Konkurrenz durchzusetzen. 1909 entschloss er sich dennoch, in Prag ein Geschäft zu eröffnen, das sich in der Křižovnická-Straße in der Nähe des Konservatoriums befand. Nach seinem Tod im Jahr 1916 übernahm sein Sohn Otakar den Betrieb, der von seinem Vater gelernt hatte, wie man gute Geigen baut. Zehn Jahre später hatte er sich bereits einen Namen gemacht. Auf seinen Instrumenten spielten damalige Größen wie Jan Kubelík und Váša Příhoda.

Otakar Špidlen kaufte das Haus in der Jungmann-Straße, das in der Zwischenzeit nicht immer in Familienbesitz war. Als 1948 die Kommunisten an die Macht kamen, war der erfolgreiche Geigenbauer und Gewerbetreibende für sie ein „Klassenfeind“; Haus und Geschäft wurden konfisziert. Špidlen und andere Instrumentenbauer gründeten aber eine Vereinigung, die beim Kulturministerium registriert wurde und unter deren Dach sie weiterhin einigermaßen selbständig arbeiten konnten.

Geduld und ein Geheimnis
Als Otakar Špidlen 1958 starb, übernahm sein Sohn Přemysl die Mitgliedschaft in der Vereinigung der Geigenbauer und die Werkstatt, in der heute sein Sohn Jan arbeitet. Letzterer hat unter anderem an der Musik­instrumentenbauschule im bayerischen Mittenwald und in London gelernt sowie bei seinem 2010 verstorbenen Vater. Beide erhielten für ihre Instrumente zahlreiche Auszeichnungen: 1993 wurde Jan zum Beispiel bei Wettbewerben für Instrumentenbauer in Mittenwald und in Prag mit einem ersten und einem zweiten Platz für seine Geigen geehrt. Den größten Erfolg feierte der jüngste Geigenbauer der Familie Špidlen aber 2003 bei der „Triennale“ im italienischen Cremona, an der er mit zwei Geigen teilnahm und dafür den ersten und zweiten Preis gewann.

Was einen guten Geigenbauer ausmacht? „Geduld“, sagt Jan Špidlen, „und die Bereitschaft, ein Leben lang zu lernen und Inspiration von den Werken der alten Meister zu schöpfen“. Hinzu kommen der Umgang mit Holz und ein Verständnis für Akustik, Verkaufstalent und das Familiengeheimnis, das jede große Instrumentenbauer-Familie für sich bewahrt. Aus dem Material macht Jan Špidlen, der von tschechischen Journalisten bisweilen mit dem großen Antonio Stradivari verglichen wird, kein Geheimnis: Der Ahorn müsse aus Bosnien kommen, weil es dort den besten gebe, die Fichte müsse in den Dolomiten langsam heranwachsen, wo sich schon die alten italienischen Geigenbauer ihr Holz holten. Das sollte aber am besten nicht sofort verwendet werden, sondern einige Jahre lagern. Deshalb verwendet der Enkel jetzt nicht nur manche Werkzeuge, sondern auch das Holz, das sein Vater und sein Großvater angeschafft haben. Gleichzeitig füllt er das Lager auf – ob für seinen jetzt 17-jährigen Sohn oder andere Nachfolger, das werde man sehen, sagt der Geigenbauer.