Bierbad auf dem Kamm

Bierbad auf dem Kamm

Ein ideales Winterwochenende lässt sich in der geschichtsträchtigen Luční bouda im Riesengebirge verbringen

14. 1. 2015 - Text: Daniela HonigmannText und Foto: Daniela Honigmann

 

Mit lautem Getöse und äußerst schwerfällig rollt die Pistenraupe den Berg hinauf, lässt die letzten Häuser von Pec pod Sněžkou hinter sich und taucht in das Dunkel des verschneiten Waldes ein. Langsam, aber sicher transportiert sie ihre Fahrgäste und deren Skiausrüstung bis kurz vor die polnische Grenze auf eine Höhe von 1.410 Metern zum Hotel Luční bouda. Hier oben stehen kaum noch Bäume oder Büsche, stattdessen fegt ein eisiger Wind über den weiß bedeckten Gipfel. Wie hoch der Schnee hier mitunter liegen kann, zeigen die Orientierungsstäbe, die von Eis überzogen zweieinhalb Meter hoch die ausgewiesenen Touristenwege markieren. Aus allen vier Windrichtungen treffen diese auf das imposante vierstöckige Gebäude, das dem Schneesturm trotzt und Wanderern seit Jahrhunderten Schutz und Rast bietet.

Die Luční bouda, zu Deutsch Wiesenbaude, ist die älteste Bergbaude im gesamten Riesengebirge und womöglich auch diejenige mit der interessantesten Geschichte. Der erste Nachweis ihrer Datierung ist ein vor Ort entdeckter Mühlenstein mit der Jahreszahl 1623. Aus dieser Zeit stammt die nicht belegte Gründungslegende, derzufolge sich auf dem Gipfel ein Grafensohn vor seinem älteren Bruder wegen eines Erbstreits versteckt hielt. Dieser fand den Jüngeren nur von einem Dach aus Zweigen geschützt und schwer erkrankt, hatte Mitleid und brachte ihn ins Tal, wo er sich wieder erholte. Als Zeichen ihrer Aussöhnung soll der Ältere auf dem Berg eine Holzbaude errichtet haben, die Wanderern Zuflucht bot.

Seitdem entwickelte sich die Wiesenbaude zu einem bedeutenden Wirtschaftshof mit 100 Hektar Wiesen und Weiden, Rinder- und Ziegenherden, Käseherstellung und Nachtlagern für Touristen. Im Jahr 1830 soll hier sogar eine Geldfälscherwerkstatt eingerichtet worden sein. Ab 1857 wurde das Gebäude wesentlich für touristische Zwecke erweitert und modernisiert: Das Wasser der Weißen Elbe (Bílé Labe) wurde mittels eines Wasserrades zum Antrieb verschiedener Wirtschaftsgeräte, wie etwa dem Butterfass genutzt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Wiesenbaude bereits ein beliebter Treffpunkt für Naturforscher, verfügte über eine meteorologische Beobachtungsstation und wurde im Jahr 1914 mit 100 Zimmern zur größten touristischen Baude des Riesengebirges.

Spielhalle und Flugfunker
Nur wenige Tage nach dem Münchner Abkommen und dem Einmarsch der deutschen faschistischen Truppen in die Tschechoslowakei brach in der Baude ein Feuer aus. Ihrer wichtigen strategischen Lage ist es zu verdanken, dass sich die deutschen Besatzer für den raschen Wiederaufbau und die Erweiterung der Anlage entschieden. Nun entstand nicht nur eine luxuriöse Unterkunft für deutsche Touristen, die Lesesaal, Spielhallen, Werkstatt und Trockenraum für Skier bereithielt und im Wirtschaftsflügel über Rinderställe, eine Schlachterei, Räucherkammer und eine Schmiedewerkstatt verfügte. Die deutsche Wehrmacht nutzte die Wiesenbaude zudem bis zum Kriegsende für Weiterbildungskurse ihrer Flugfunker. Mitglieder der Hitlerjugend wurden hier ebenfalls untergebracht.

Ironischerweise ist es der Bautätigkeit der deutschen Nationalsozialisten zu verdanken, dass die Baude heute noch besteht. Nach 1945 wechselten sich verschiedene staatliche Organisationen als Verwalter ab und nutzten den Bau für Skikurse für Schüler. Aufgrund jahrzehntelanger mangelnder Investitionen und Instandhaltungsmaßnahmen musste das Gebäude, nun in Privatbesitz, ab dem Jahr 2002 wegen seines schlechten Zustandes geschlossen werden und wurde dem weiteren Verfall preisgegeben. Im Jahr 2004 kaufte die Gesellschaft AEZZ die Wiesenbaude, veranlasste die dringend nötigen Instandsetzungsarbeiten und betreibt heute ein Hotel mehrerer Preiskategorien (vom einfachen Nachtlager mit eigenem Schlafsack bis zum luxuriösen Appartement) und ein gut besuchtes Restaurant.

Hopfenblüten und Wärmedecken
Und nicht nur das. Die Wiesenbaude beherbergt heute die höchstgelegene Privatbrauerei Mitteleuropas. Drei Sorten Bier und saisonale Spezialeditionen erfreuen sich der Beliebtheit nicht nur von ausgemachten Bierkennern. Mitunter gerät eine Braukreation wie etwa das Weihnachtsspezial so gut, dass deren größter Teil dem Chef höchstselbst vorbehalten bleibt. Seit 2012 wird vor Ort für das hauseigene Restaurant gebraut. Das Geheimnis des Paroháč-Bieres ist das Wasser aus der Quelle der Weißen Elbe, die direkt neben dem Gebäude entspringt. Dessen Bedarf im Hause steigt stetig und auch die zirka 15 Kilometer entfernt liegende Elbfallbaude (Labská bouda) – betrieben vom selben Inhaber – wird inzwischen mit Paroháč beliefert.

Das alles erfährt man bei einer Führung durch die Brauräume, die mit fachkundigen Erläuterungen, kurzweiligen Anekdoten sowie mit großzügigen Kostproben aus den verschiedenen Vorratsfässern gespickt ist. Das Highlight eines Baudenwochenendes ist aber das Bierbad. Das behaglich warme Wasser in der runden Wanne ist mit Hopfenblüten und Bierwürze angereichert. Dazu gibt es ein Fässchen Paroháč, schier unerschöpflich, denn laut Aussage des Oberkellners ist es noch keinem Badenden gelungen, es während der Prozedur zu leeren. Selbige sieht nach dem 30-minütigen Bad eine fast ebenso lange Ruhephase vor, eingehüllt in wärmende Decken, sowie eine angenehme Nackenmassage.

So viel Wellness kann mit einem Abendessen abgerundet werden. Im Haus züchtet man Forellen, und der Gast kann sich bei Bedarf selbst aussuchen, welche für ihn gegrillt wird. Außerdem stehen auf der Speisekarte Spezialitäten aus der Hausbäckerei: Hörnchen sowie Kuchen und Germknödel mit Heidelbeeren aus eigenem Anbau. Das alles stärkt für Langlauftouren in die Umgebung, etwa mit einem Ausflug ins benachbarte Polen oder für Wanderungen auf die nahe gelegene Schneekoppe. Meint es das Wetter gut, sollte für den Rückweg nach Pec pod Sněžkou auf die Pistenraupe verzichtet und selbiger zu Fuß angetreten werden. Schöner kann man ein solches Erholungswochenende nicht abschließen.

Unterkunft: von 400 CZK (im Schlafsaal mit Schlafsack) bis 800 CZK (Appartement), kostenloser Transport zum Hotel von Pec pod Sněžkou bei Vorausbuchung, Restaurant-Öffnungszeiten: täglich von 8 bis 22 Uhr

Informationen unter www.lucnibouda.cz/de



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