Auf Umwegen ans Ziel

Auf Umwegen ans Ziel

Drei Tschechen haben am „Rickshaw Run“ teilgenommen und einen Film über ihre Reise durch Indien gedreht

7. 9. 2016 - Text: Katharina WiegmannInterview: Katharin Wiegmann; Fotos: mantaci.cz

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Es soll Menschen geben, die nicht viel davon halten, in ihrer Freizeit am Strand eines Urlaubsresorts zu liegen. Menschen, die lieber neue Welten und Wege entdecken, auch wenn es dabei mal unbequem oder sogar gefährlich wird. Abenteurer. Für sie gibt es im Internet eine Adresse: Auf der Seite der „Adventurists“ kann man sich unter anderem für Motorradrennen über den zugefrorenen Baikalsee und Segeltörns in fragilen Bambus-Kanus anmelden. Jakub Janča (27) hat sich mit seinen Freunden Martin und Honza für den „Rickshaw Run“ entschieden: Dabei müssen 3.500 Kilometer innerhalb von 16 Tagen zurückgelegt werden – mit einer motorisierten Rikscha, deren Tachonadel auf kaum mehr als 50 km/h steigt. Die drei Tschechen haben es dennoch geschafft. Trotz Pannen im Dschungel, Verständigungsproblemen und vielen falsch genommenen Abzweigungen. Derzeit arbeitet Janča mit seinen Freunden an einem Dokumentarfilm über das Abenteuer in Indien. PZ-Redakteurin Katharina Wiegmann hat er vorab von seinen Erlebnissen berichtet.  

Welche Regeln gibt es beim „Rickshaw Run“ und was sollte man mitbringen, wenn man teilnehmen möchte?
Leidenschaft, sonst eigentlich nichts. Der „Rickshaw Run“ ist eine Veranstaltung, die von einer Gruppe Briten organisiert wird, den „Adventurists”. Sie bringen Leute zusammen, die gerne Abenteuer erleben. Beim „Rick-shaw Run“ geben sie eine Start- und eine Ziellinie vor und stellen die Motor-Rikschas bereit, für die man eine Kaution hinterlassen muss, falls sie unterwegs kaputt gehen. Nach unserer Ankunft hatten wir drei Tage Zeit, um uns vorzubereiten und uns mit der Rikscha vertraut zu machen. Es gab noch einige Tipps, was wir tun und was wir besser lassen sollen. Dann ging es los.

Warum wollten Sie am „Rick­shaw Run“ teilnehmen?
Ich habe schon seit Jahren davon geträumt. Bislang hatte ich es mir aber nie zugetraut, oder niemanden, der mich begleitet hätte. Vor einem Jahr bin ich dann nach Neuseeland gezogen und in einer für mich völlig neuen Umgebung erschien mir die Idee, Indien mit diesem Gefährt zu durchqueren, auf einmal nicht mehr so verrückt.

Sie haben sich also auf die Suche nach Partnern gemacht?
Einen Monat bevor es losging, habe ich meinen Freunden Honza und Martin verkündet, dass sie mit mir nach Indien fliegen werden – und sie haben nicht widersprochen. Wir kennen uns seit Jahren und arbeiten zusammen als Techniker auf Film­festivals. Ich wusste also, dass die beiden unter Druck arbeiten können, dass sie daran gewöhnt sind, wenig zu schlafen und einfach weiterzumachen.  

Das waren also die Erwartungen an das Rennen – viel Druck und wenig Schlaf?
Eine Motor-Rikscha ist dafür gebaut, ungefähr 100 Kilometer am Tag zu fahren. Unser Schnitt waren 400. Und weil dieses Gefährt nicht auf längere Strecken ausgelegt ist, war eigentlich klar, dass es unterwegs zusammenbrechen würde. Keiner von uns kennt sich mit Motoren aus, aber weil wir schon so viele absurde Situationen auf den Festivals gemeinsam gelöst hatten, wussten wir, dass alles schon irgendwie gut gehen würde.

Waren Sie vorher schon mal in Indien?
Nein – nicht mal in Asien. Das war eine komplett neue Erfahrung. Und es ist ziemlich viel passiert. Schon am ersten Tag haben wir eine der Regeln gebrochen.

Die Motor-Rikscha ist nicht sehr viel schneller als ein Fahrrad.

Es gibt also doch Regeln?
Ich würde es vielleicht eher Empfehlungen nennen. Eine davon lautet „Fahrt nicht im Dunkeln“. Rikschas haben keine besonders starken Lichter, sie sind für den Gebrauch in Städten gebaut. In der ersten Nacht sind wir fast blind durch den Urwald gefahren. Wir dachten, wir könnten in einem kleinen Ort übernachten, den wir auf der Landkarte gesehen hatten. Als wir dort ankamen, fanden wir aber ein komplett ausgestorbenes Dorf ohne Menschen oder Hotels. Wir mussten also weiter fahren. Bis mitten im Dunkeln, irgendwo im Dschungel, unser Motor ausfiel.

Was passierte dann?
Wir fanden die Situation ohnehin schon unheimlich aber dann kam ein Inder vorbei, der uns aus dem Auto zurief: „Jungs, bleibt hier nicht stehen, das ist gefährlich!“ Dann fuhr er einfach weiter. Wir fingen natürlich an, uns auszumalen, was er gemeint haben könnte – den Dschungel? Die Menschen in der Gegend? Dann gelang es uns zum Glück doch noch, die Rikscha wieder zu starten und wir trafen drei andere Teams, denen es ähnlich ergangen war und die auch keine Unterkunft gefunden hatten. Gemeinsam schafften wir es in den nächst größeren Ort.

Wo führte Ihre Route entlang?
Wir wussten schon vor dem Start, dass wir einen Umweg über Darjeeling machen wollen. Eigentlich mussten wir nach Süden und Darjeeling mit seinen Teeplantagen lag im Norden. Das hieß: ein paar hundert Kilometer extra. Das war es aber wert. Ansonsten hatten wir keine feste Route geplant. Wir haben immer am Morgen entschieden, wohin wir fahren werden.

Haben Sie unterwegs viele Leute kennengelernt?
Wo auch immer wir waren, wollten alle Fotos mit uns machen. Selbst mitten im Nirgendwo hielten Autos und Busse dafür an. Das einzige Wort auf Englisch, das alle kennen, ist „Selfie“. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, mit uns zu kommunizieren. Überall waren die Leute sehr höflich und neugierig.

Aus Ihren Erlebnissen in Indien soll ein Dokumentarfilm entstehen. Sie haben während des Rennens also die ganze Zeit gefilmt?
Wir hatten eine professionelle Ausrüstung dabei. Unterwegs haben wir sieben kurze Videos produziert, die wir auf unserer Internetseite hochgeladen haben – als Teaser für den Film, den wir hoffentlich bis Ende des Jahres fertigstellen können. Während die anderen Teams am Abend ein Bier trinken gegangen sind, haben wir unser Material gesichtet und bearbeitet. Unser Tag dauerte also von sechs Uhr morgens, wenn wir los fuhren, bis ungefähr ein Uhr nachts.Manchmal war es schwierig, die Balance zwischen Filmen und Erleben zu finden. Wenn wir an einem schönen Ort vorbei kamen, dachten wir immer daran, dass wir das wahrscheinlich festhalten sollten. Dann konzentriert man sich auf die Kamera und verpasst den Moment.

Das Rennen unterstützt auch Hilfsprojekte.
Die „Adventurists“ arbeiten mit einer Organisation namens „Cool Earth“ zusammen, die sich für den Schutz von Regen­wäldern in Afrika einsetzt. Jedes Team sollte mindestens 1.000 Pfund sammeln, wovon mindestens die Hälfte an Cool Earth gehen würde. Für die andere Hälfte haben wir eine tschechische Organisation gefunden, die in Indien tätig ist. Freunde haben uns „Brontosauři v Himálajích“ empfohlen, die in Nordindien Bildungsprojekte finanziert und durchführt. Es kann noch immer über unsere Internetseite „mantaci.cz“ gespendet werden. Bis jetzt haben wir ungefähr 32.000 Kronen gesammelt.

Wie haben Sie beim Rennen abgeschnitten?
Manche haben den Wettbewerb ernst genommen, auch wenn es keinen Preis gab. Es gab Teams, die zwei Tage vor uns im Ziel angekommen sind und die ganze Zeit auf Autobahnen gefahren sind. Für uns hätte das keinen Sinn gemacht. Wir haben die Zeit genutzt und sind 40 Minuten vor Ablauf der Frist im Ziel eingefahren. Und was wir nach der Ankunft festgestellt haben: anstatt 3.500 Kilometer sind wir 4.600 gefahren. Wir sind ziemlich oft falsch abgebogen.  

Was war das schönste Erlebnis?
Wir haben Indien unterwegs von allen Seiten erlebt. Wir haben mit der Motor-Rikscha große Städte wie Bangalore durchquert, Tiger- und Elefantenreservate, kleine Dörfer und beeindruckende Landschaften. Wir haben den indischen Ozean gesehen und Ausläufer des Himalaya-Gebirges. Alles, was in der Zeit möglich war.