Auf Franz Josephs Spuren in Pilsen

Auf Franz Josephs Spuren in Pilsen

Die Europäische Kulturhauptstadt 2015 lenkt den Blick auch an Orte, die das österreichische Erbe hinterließ

26. 3. 2015 - Text: Arne WitteText und Foto: Arne Witte

 

Wo heute Besucher in die Geschichte des Bierbrauens eintauchen, trug sich vor mehr als 100 Jahren der österreichische Kaiser Franz Joseph I. ins Gäste­buch der Pilsner Brauerei ein. Das heute als Gambrinus bekannte Bier aus Pilsen trug damals noch den Namen „Pilsner Kaiserquell“, weil es dem Mo­narchen so gut geschmeckt haben soll. Vielleicht sogar ein wenig zu gut, die Unterschrift mit der tschechischen Version seines Namens im Gästebuch ist nicht frei von Rechtschreibfehlern – verursacht entweder durch die schwierige fremde Schreibweise, vielleicht aber hatte er auch ein wenig zu tief ins Glas geschaut.

Neben dieser Anekdote gibt es zahlreiche Relikte aus der Zeit, in der Pilsen unter Wiener Herrschaft stand. Viele Straßen und Plätze sind mit dem Kaiserreich verbunden. Zu einem besonderen Rundgang „Auf österreichischen Spuren in Pilsen“ hatte Mitte März eine Stadtführung eingeladen. Sowohl Einheimische als auch deutschsprachige Gäste führten Besucher anhand wichtiger historischer Wegmarken durch die österreichisch-tschechische Vergangenheit und Gegenwart in der Stadt.

Die Stadtführung, die anlässlich des Kulturhauptstadtjahres 2015 angeboten wurde, begann auf dem Platz der Republik (Náměstí Republiky), dem Herzen Pilsens. Gegenüber dem Treffpunkt befindet sich das Europa-Haus, das ältestes Gebäude der Stadt mit österreichischem Bezug. Es beherbergt die österreichische Bibliothek, die von der städtischen Verwaltung betrieben wird. Von dort führt der Rundgang zum sogenannten „Kaiserhaus“ direkt neben dem Pilsner Rathaus auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes. Rudolf II., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, König von Ungarn und Erzherzog Österreichs, floh 1599 vor der Pest aus Prag nach Pilsen. Neun Monate verweilte er in der Stadt, die dadurch – wenn auch nur für kurze Zeit – Reichshauptstadt wurde. Seinetwegen wurde das Haus als kaiserliche Nebenresidenz errichtet und 1607 fertiggestellt – bewohnt hat er es jedoch nie. Heute beherbergt es die Touristeninformation.

Zwei Jahrhunderte später hatte Pilsen als wichtiger Industriestandort im Habsburger Reich eine enorme Bedeutung für den Vielvölkerstaat, die Škoda-Werke waren sein größter Rüstungsstandort. Am Wasserturm der Stadt, der einst zur Befestigungsanlage gehörte, erinnert heute eine Inschrift an Josef von Škoda. Der Wiener Mediziner trug maßgeblich zur Entwicklung Pilsens bei, indem er das Unternehmen seines Neffen Emil von Škoda finanziell unterstützte und ihm damit den Weg zum Erfolg ebnete.

Monumentales Wandgemälde
Nur wenige Schritte weiter am Parkanlagenring, an dem früher die Stadtmauer verlief, lassen sich weitere Spuren aus dem Habsburger Reich finden. An der Fassade des Hotels Continental ist auf einer Fläche von über 200 Quadratmetern das größte Wandgemälde der Tschechischen Republik zu sehen. Das Bild mit dem Titel „Theatrum Mundi“ zeigt viele bedeutende Personen und Aspekte der Pilsner Stadtgeschichte. Neben Emil von Škoda oder dem Erfinder František Křižík befindet sich auch Kaiser Rudolf II. auf dem Bild. Dem informierten Besucher fällt zudem der Soldat in der Uniform des k.u.k. 35. Infanterie-Regiments auf. Die alte Kaserne der im Pilsner Volksmund „Pětatřicátnici“ („35er“) genannten Soldaten nahe dem Stadtzentrum musste zwar 1970 einem Parkplatz weichen – die Straße samt Straßenbahnhaltestelle trägt aber nach wie vor den Namen „Sady Pětatřicátníků“.

Ein der Kaserne ähnliches Schicksal widerfuhr dem Deutschen Theater. 1869 fertiggestellt, direkt gegenüber vom Westböhmischen Museum (Západočeské muzeum), wurde es 1977 aufgrund erheblicher Baumängel abgerissen und durch Bürogebäude ersetzt. Zu ihrer Blütezeit um die Jahrhundertwende gelang es der deutschen Gemeinde häufig, prominentere deutsche und österreichische Schauspieler für Engagements zu gewinnen. So kam es, dass der österreichische Schauspieler Alexander Girardi, seinerzeit einer der bekanntesten Darsteller der Donaumonarchie, auf der Bühne des Hauses seinen letzten Auftritt hatte. Kurze Zeit nach seinem Gastspiel in Pilsen starb er in Wien.

Das Neorenaissance-Gebäude des Westböhmischen Museums, errichtet 1900 an den alten Wallanlagen gegenüber dem Fluss Radbuza, beherbergt eine der offensichtlichsten Hinterlassenschaften der Österreich-Ungarischen Monarchie: Im Kaisersaal des Museums thront, in einem dekorativen Goldrahmen, ein stattliches Porträt Franz Josephs I.

Des Kaisers Kneipen
Dessen Liebe zum Bier verdankt die Stadt nicht nur die Anekdote zum Gästebuch der Brauerei. Auch um den in Sichtweite liegenden Pilsner Hauptbahnhofs ranken sich einige Legenden, die mit dem Throninhaber verbunden sind. So stellt die „Kaiser-Franz-Joseph-Bahn“ seit 1870 eine Verbindung zwischen der böhmischen Stadt und Wien her, 1872 wurde die nördliche Verlängerung über Mariánské Lázně (Marienbad) nach Cheb (Eger) in Betrieb genommen. Der Kaiser höchstpersönlich nutze sie häufig für seine Fahrten in die nordböhmischen Kurbäder und stattete Pilsens Schankstuben dabei gerne einen Besuch auf der Durchreise ab. Allerdings erwies sich die Strecke als technisch nicht sehr belastbar, oft kam es zu Verspätungen, Zugausfällen und Havarien, so dass die Flüche der Bevölkerung ihr schon bald den spöttischen Namen „Jesus-Maria-und-Joseph-Bahn“ einbrachten. Auch der eigentliche Namensgeber war von diesem Umstand auf seinen Reisen oft betroffen, wollte aber trotz der vielen Verspätungen auf sein Bier in Pilsen nicht verzichten – so musste es ihm das ein oder andere Mal per Eilboten von der Kneipe zum Bahnhof gebracht werden, wie der Volksmund erzählt.

Die weithin sichtbare Kuppelkonstruktion des Hauptbahnhofes wurde wie viele andere prägnante Gebäude in Pilsen vom Architekten und Baumeister Rudolf Štech entworfen. Der Pilsner hatte in Wien Architektur studiert und gearbeitet, ehe er, oft gemeinsam mit dem Maler Mikolaš Aleš, vermehrt in Pilsen tätig wurde. Ein Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist noch heute das „Haus zum Roten Herzen“ am Platz der Republik, das von Aleš mit aufwändigen Sgraffiti verziert wurde. Der Hauptbahnhof sollte sein letztes Projekt bleiben: Wegen ausbleibender Zahlungen der Bauherren und ständiger Geldsorgen erhängte er sich auf der Toilette der großen Pilsner Synagoge, deren Bau er selbst einst leitete.

Ruhe statt Trubel
Auch für Besucher ohne spezielles Interesse an österreichischen Spuren hat die Stadt einiges zu bieten. Die schöne Altstadt mit ihren ruhigen, gepflasterten Plätzen und Straßen lädt zum entspannten Schlendern ein. Die Cafés und Restaurants am grünen Band entlang der alten Wallanlagen bieten willkommene Möglichkeiten für eine Rast. Wer den Trubel am Altstädter Ring oder am Wenzelsplatz in Prag gewohnt ist, kann sich hier an einer überraschenden Ruhe erfreuen. Anders als in der Hauptstadt prägen auf dem zentralen Platz der Pilsner Altstadt nicht Straßenbahnen, Autos und Taxis das Bild – nahezu ungestört und ohne Hektik können Fußgänger den gesamten Platz einnehmen und die Szenerie der Renaissancegebäude mitsamt der dominierenden Sankt-Bartholomäus-Kathedrale auf sich wirken lassen. Deren Turm ist derzeit wegen Renovierungsarbeiten nicht zugänglich, sodass das Stadtpanorama vom höchsten Kirchturm Tschechiens leider verwehrt bleibt. Auch sonst sind die vielen Baustellen im und um das Stadtzentrum ein wenig ärgerlich. Selbst bei der Ankunft am Hauptbahnhof wird man momentan nicht von der Štechschen Kuppelkon­s­truktion begrüßt, sondern von Schleif­geräten und Radladern.

Nichtsdestotrotz muss sich die zweitgrößte Stadt Böhmens nicht im Schatten der Hauptstadt verstecken. Auch ohne das spezielle Rahmenprogramm zum Kulturhauptstadtjahr ist Pilsen die anderthalbstündige Zugfahrt von Prag durchaus wert.

Lesetipp: „Pilsen. Kleine Stadtgeschichte“
Anlässlich der Ernennung Pilsens zur Europäischen Kulturhauptstadt 2015 hat der Verlag Friedrich Pustet „Pilsen. Kleine Stadtgeschichte“ veröffentlicht. Auf über 126 Seiten beleuchtet der Historiker Tobias Weger Pilsens Entwicklung zum Zentrum Westböhmens. Angefangen bei den ersten Siedlungen in der Gegend um das 9. und 10. Jahrhundert arbeitet sich das Buch chronologisch bis zum Jahr 2015 vor. Über die Standhaftigkeit des Katholizismus während der Hussitenbewegung, die eng verflochtenen Handelsbeziehungen zu Prag, Nürnberg, Frankfurt, Regensburg oder München und die Zeit im Habsburger Vielvölkerstaat, bis hin zum wechselhaften 20. Jahrhundert zeichnet der Autor ein detailliertes Bild der für die Stadt bedeutendsten soziokulturellen, demographischen und technischen Entwicklungen. Der Fokus liegt auf den vergangenen drei Jahrhunderten, denen gut die Hälfte des Buches gewidmet wird. Dennoch sind die Ausführungen der mittelalterlichen Entwicklung Pilsens umfassend genug, um das neuzeitliche Wachstum der Stadt schlüssig zu erläutern. Die Aushängeschilder Pilsens – Škoda und die Brauerei­tradition – nehmen zwar einen wichtigen Platz ein, rücken aber nicht zu sehr in den Vordergrund. Dem Autor ist daran gelegen, den Blick des Lesers zu erweitern und auch den weniger prominenten Episoden der Stadtgeschichte genügend Raum zu geben. Informative Grafiken, Karten und Randerzählungen zu wichtigen Aspekten des Pilsner Stadtlebens lockern die historischen Abhandlungen auf, sodass das Buch trotz der hohen Dichte an geschichtlichen Informationen auch für Laien gut lesbar bleibt. Dem historischen Teil schließt sich ein kurzer Überblick über Akzente des Kulturhauptstadtjahres 2015 an.

Tobias Weger: Pilsen. Kleine Stadtgeschichte. Verlag Friedrich Pustet, Regensburg 2015, 126 Seiten, 12,95 Euro, ISBN 978-3-7917-2656-4



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