Auf der Suche

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In Holešovice hat das größte buddhistische Zentrum des Landes eröffnet. Vor allem junge Menschen wollen die Methoden der Meditation erlernen

4. 6. 2014 - Text: Corinna AntonText: Corinna Anton; Foto: bdc.cz

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 Wer einen Tempel erwartet hat, wird enttäuscht. Nichts in der Straße „Na maninách“ im früheren Industrieviertel Holešovice deutet darauf hin, dass man hier zum „Diamantweg“ gelangt. Durch ein großes Eisentor geht es in den Innenhof, der Blick fällt auf zwei flache Industriebauten, eines grau gestrichen, das andere weiß. Seit wenigen Wochen bilden sie das größte buddhistische Zentrum Tschechiens, dessen Name „Gompa Praha“ auf das tibetische Wort für Meditation zurückgeht. Bei der Volkszählung im Jahr 2011 bezeichneten sich in ganz Tschechien etwa 3.500 Menschen als Buddhisten. Der Diamantweg-Buddhismus, der im neuen Zentrum in Holešovice gelehrt wird, gehört zu den hierzulande verbreitetsten Formen dieser Religionsgemeinschaft und ist seit 2007 beim Innenministerium registriert.

Um das Publikum, das am Montagabend vor dem Meditationssaal seine Schuhe auszieht, würden manche christliche Gemeinden die Prager Buddhisten gewiss beneiden. Der Altersdurchschnitt liegt geschätzt bei nicht einmal 30 Jahren. Es sieht aus, als würden die Menschen hier zu einer Hochschul-Vorlesung in Politikwissenschaft oder Betriebswirtschaft strömen. Nur ab und zu fällt ein Mann im Hemd auf, der vielleicht schon auf die 40 zugeht, oder zwei Frauen jenseits der 50, die das Geschehen neugierig beobachten. Wer wie die Beiden zum ersten Mal eine Vorlesung besucht, zahlt nichts, wer regelmäßig kommt, legt 40 oder 70 Kronen in einen Korb, bevor er den Raum betritt.

Während sich der Saal immer weiter füllt, bereitet sich jeder auf seine Weise auf den Abend vor: Der Mann im Hemd schaltet sein Handy auf lautlos, ein jüngerer Besucher nimmt Meditationshaltung ein: Schneidersitz und gerader Rücken, die Hände auf den Oberschenkeln. Sein Nachbar sucht derweil eine Steckdose, um sein Smartphone zu laden, ein anderer verteilt Kekse. Wie ein Buddhist aus dem Bilderbuch sieht hier niemand aus, eine Frau vielleicht, die große, bunte Ohrringe trägt und ein rotes Kleid mit goldenen Sternchen.

Die richtige Technik
Unter den Buddhisten, die hier regelmäßig meditieren, sind Manager und Studenten, Handwerker, Mütter, Anwälte, Lehrer und Unternehmer. Sie kommen vor oder nach der Arbeit, abends sind es täglich 30 bis 50 Menschen. Zu den Einführungsvorlesungen wie an diesem Montag sind es im Durchschnitt etwa 100. Ganz vorne greift eine junge Frau zum Mikrofon, wie alle anderen sitzt sie auf dem Boden, stellt sich als Karolina vor, als „Schülerin von Lama Ole“. Der Däne Lama Ole Nydahl zählt zu den bekanntesten westlichen Lehrern des Buddhismus. Mit seiner Frau Hannah gehörte er 1969 zu den ersten westlichen Schülern des 16. Karmapa, der heute noch als der „König der Yogis von Tibet“ gilt. Er beauftragte Hannah und Lama Ole Nydahl in den siebziger Jahren, den Diamantweg-Buddhismus in den Westen zu bringen und ist für die Buddhisten die „Quelle für alle Meditationen“.

Im Prager Gompa-Zentrum steht deshalb auf einer Staffelei ein großes Porträt des 16. Karmapa, zur Rechten des goldenen Buddhas, der auf einem kleinen weißen Kasten sitzt. Zu seiner Linken hängt ein Proträt von Lama Ole Nydahl. Dazu noch eine Vase mit frischen Blumen, mehr Dekoration gibt es nicht in dem Raum mit der niedrigen Decke und den großen Fenstern. Letztere sind geöffnet, damit die Buddhisten und solche, die es werden wollen, genügend Sauerstoff bekommen. Der Raum bietet Platz für 250 Personen, er ist nicht ganz voll, aber viel Luft ist nicht zum Vorder- und Nebenmann. Von draußen dringt mit der Frischluft in regelmäßigen Abständen das Geräusch der anfahrenden Straßenbahn herein, manchmal das Bellen eines Hundes. Wer sich hier in kurzer Zeit einem meditativen Zustand vollständig hingeben möchte, braucht wohl ein wenig Übung, um die Nebengeräusche auszublenden.

Oder die richtige Technik. Die erhoffen sich die vielen Anfänger, die zu den Einführungsvorlesungen an jedem zweiten Montag kommen. „Die meisten wissen schon, was Buddhismus etwa ist, aber sie wollen wissen, wie genau das mit dem Meditieren funktioniert“, erzählt die Buddhistin Renata Hladná. Zu jeder Einführung kämen etwa 15 bis 20 neue Interessenten, die meisten von ihnen seien auf der Suche nach irgendetwas – wie auch Hladná vor ein paar Jahren. Sie stammt aus einer atheistischen Familie, hat sich aber schon als Teenager gefragt, was der Sinn hinter allem sein könnte. Eine Antwort wollte sie zunächst in der Kirche finden: „Ein paar Jahre war ich Christin, aber trotzdem war ich noch nicht zufrieden mit meinem Leben. Mich hat diese Dogmatik gestört“, erzählt die junge Frau. Im Buddhismus fühle sie sich wohler, weil es hier nur Empfehlungen gebe, aber keine Gebote und Verbote. Die Arbeit mit den Emotionen beim Meditieren verändere nach einer Weile auch das Leben, den Alltag. „Man ist in einer schwierigen Situation und plötzlich merkt man, dass man anders reagiert hat als früher. Wenn man zum Beispiel einen Verlust erlebt, dann funktioniert das hundertprozentig.“

Wie lange es bis zu einem solchen Erlebnis dauere, wollen Neueinsteiger oft wissen. Eine Antwort darauf gebe es nicht, sagt Markéta Blažejovská. Sie selbst hat die Phase der Suche übersprungen. Ihre Mutter zählte zu den ersten Buddhisten in Tschechien, Blažejovská begleitete sie schon mit 16 Jahren zu Vorlesungen und Meditationen. Viel früher mache es aber keinen Sinn, Buddhist zu werden, glaubt sie: „Man muss reif sein, selbst zu entscheiden, was man will.“ Im neuen Zentrum in Holešovice haben die Buddhisten deshalb eine Spiel­ecke eingerichtet. „Viele junge Eltern kommen zu uns, ihre Kinder meditieren aber noch nicht, sie können sich hier austoben.“

Die Kinderecke befindet sich im Gemeinschaftsgebäude, das dem Meditations-Trakt gegenübersteht. Dazwischen bietet der Innenhof Platz für ein paar Bierbänke.

Keine Rituale, kein Kloster
Abgesehen vom goldenen Buddha im Meditationssaal findet sich auf dem Gelände wenig, was dem Klischee-Bild von Buddhismus entspricht. Die Menschen, die sich zur Meditation treffen, tragen keine langen Gewänder und sind in der Regel keine Vegetarier. Blažejovská glaubt, das könnte ein Grund sein, warum ständig neue Interessenten in das Zentrum kommen: „Es lockt sie an, dass wir keine Rituale haben. Wir machen hier nicht auf Asien.“ Der Buddhismus, der hier praktiziert werde, sei mit dem westlichen Lebensstil vereinbar. Wer hier meditiert, muss weder auf Gulasch und Schweinebraten noch auf Kinder und Karriere verzichten: „Wenn ich erzähle, dass ich Buddhistin bin, glauben die Leute, dass ich kein Fleisch esse und ganz langsam gehe“, lacht Hladná, „aber das stimmt nicht. Wir müssen weder in ein Kloster eintreten noch Vegetarier werden.“

Was der Buddhismus nun ist, und was er nicht ist, versucht Karolina im Meditationssaal zu erklären. Von „hier und jetzt“ ist die Rede: Wer immer darauf warte, dass er irgendwann in ferner Zukunft erleuchtet werde, der würde ewig warten, weil es keine Zukunft gebe, sondern immer nur den gegenwärtigen Moment, „hier und jetzt“, wiederholt Karolina.

Nach fast zwei Stunden theoretischer Einführung schläft hinten in der Ecke ein junger Mann, der ein Armband des Prager Fußballclubs Bohemians trägt. „Wenn es keine Fragen mehr gibt, dann werden wir jetzt meditieren“; kündigt die Lehrerin an. Ein Raunen, Strecken, Aufrichten geht durchs Publikum, man nimmt Haltung an. Auf einen Text folgt eine kurze Stille, durchdrungen vom Atem der Nebenfrau und dem Lärm der Straßenbahn, bis plötzlich auf ein Stichwort der Lehrerin ein tiefes, lautes „Om“ den Raum erfüllt und für einen Augenblick zum Vibrieren bringt. Wer zum ersten Mal hier ist, zuckt kurz zusammen. Es folgt ein „Ah“, das durch den Saal schwingt, und ein „Hum“. Während die einen ganz versunken sind, blicken die anderen noch etwas ratlos auf den goldenen Buddha. Der lächelt geduldig zurück.