Am seidenen Faden

Am seidenen Faden

Die Marionetten Hurvínek und Spejbl sprechen in ihrem Theater seit neuestem Deutsch. Gleichzeitig stehen sie vor einer ungewissen Zukunft

24. 1. 2013 - Text: Franziska NeudertText: Franziska Neudert; Foto: D S+H

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„Vati, Vatiiiiilein! Wann ist das Tote Meer gestorben?“ 86 Jahre alt und noch kein bisschen erwachsen. Seitdem Hurvínek 1926 die Bühne betrat, treibt er seinen Vater Spejbl mit hartnäckigen Fragen und wunderlicher Logik regelmäßig zur Weißglut. Mit großem Erfolg. Seit Generationen orakeln sich die liebenswerten Marionetten über die Bühne und begeistern sowohl Erwachsene als auch Kinder.

Als Helena Štáchová die beiden zum ersten Mal in Aktion sah, fürchtete sie sich zunächst: „Auf der Bühne war auch ein Geist, der mich ziemlich erschreckte. Weil ich so weinte, haben wir das Theater dann gleich verlassen.“ Damals war sie vier Jahre alt. Heute, 65 Jahre später, ist sie die Direktorin des Hauses. Im Spejbl-und-Hurvínek-Theater (Divadlo Spejbla a Hurvínka) im Prager Stadtteil Dejvice begeistern die Marionetten nach wie vor das Publikum. Und nicht nur das einheimische. Trotz drohender Kürzung der Fördermittel stehen seit neustem auch deutschsprachige Vorstellungen auf dem Programm.

Aus dem gleichen Holz geschnitzt
Der Zeichenfeder des Pilsner Puppenspielers Josef Skupa (1892–1957) entsprang im Jahr 1920 zunächst die schlaksige Figur des Spejbl; Holzschnitzer Karel Nosek erweckte den Entwurf dann zum Leben. Mit kahlem Kopf, Kulleraugen, abstehenden Ohren und einem viel zu langen schwarzen Frack stakste Spejbl in globigen Holzpantoffeln über die Bühne. Eine absurde Mischung aus verstaubter Eleganz und Stumpfsinn. Sechs Jahre lang erzählte der altersweise Sonderling bittere Anekdoten, versuchte zu singen und über die Gegenwart zu witzeln. Neben dem ungleich bekannteren und frohen Kasperle, an dessen Seite er anfangs auftrat, blieb er blass. Ihm fehlte ein Pendant, mit dem er sich auf die ihm eigentümliche Weise unterhalten konnte – ein Gegenspieler, der aus dem gleichen Holz geschnitzt war.

Der betrat 1926 in Gestalt von Sohnemann Hurvínek die Szene. Ein kleiner vorlauter Bursche in kurzen Hosen, der die Geduld seines Vaters mit kessen Fragen immer wieder auf die Probe stellt. Die Gespräche zwischen den hölzernen Helden wurden zum Sinnbild für den ewigen Konflikt zwischen den Generationen. In einem einzigartigen Wechselspiel von liebevoller Belehrung und aufmüpfiger Fragerei trafen zwei Weltsichten aufeinander.

Schnell entwickelten sich die beiden zum beliebtesten Marionettenpaar des Landes. Im Jahre 1930 erhielten sie Verstärkung: Mit Mánička, der treuen Freundin Hurvíneks, und dem Hündchen Žeryk machten sie das erste professionelle Puppentheater der Tschechoslowakei auch über die Landesgrenzen hinaus berühmt. Der Zweite Weltkrieg brachte der Pilsner Bühne ein vorläufiges Ende, Skupa wurde wegen Beteiligung am Widerstand verhaftet und musste das Theater schließen. Nach Kriegsende fand er in Prag eine neue Spielstätte. Mit einem eigenen Theater begann die Erfolgsgeschichte 1945 von neuem.

Der Zeit angepasst
Nach dem Tod Skupas übernahm Miloš Kirschner (1927–1996) die Leitung des Theaters. Bereits seit 1951 war er Mitglied des Ensembles und lieh dem Vater-Sohn-Gespann seine Stimme. Unter seiner Führung entwickelte sich der eher derbe Volkshumor zum geistreicheren, subtilen Wortwitz mit philosophischer Dimension. Zugleich passten sich auch die Charaktere von Hurvínek und Spejbl den veränderten gesellschaftlichen Verhältnissen an. „Die Figuren müssen mit der Zeit gehen, sonst könnten ja heute nicht so viele mit ihnen etwas anfangen“, bestätigt Štáchová. „Die Mánička war damals ein ganz braves, zurückhaltendes Mädchen. Heute benimmt sie sich ganz anders. Sie ist frecher und mutiger geworden, wie die jungen Leute heute eben sind.“ Spejbl wuchs vom begriffsstutzigen zum, wenn in seinen Ansichten auch überholten, so doch tiefgründigeren Alten heran. Der aufmüpfige Hurvínek hingegen wurde besonnener.

Den überwiegenden Teil seiner Auftritte absolviert das Ensemble in seiner Heimat. Neben dem Kinderprogramm bereichern satirische Revuen das Repertoire für Erwachsene. Gastspielreisen durch ganz Europa und Übersee machten die Figuren nicht nur auf den internationalen Bühnen, sondern auch im Rundfunk bekannt. Insgesamt bereisten Hurvínek und Spejbl über 30 Länder, plauderten in mehr als 20 Sprachen. Eine Tradition, die auf Kirschner zurückgeht: Hurvínek und Spejbl treten stets in der Sprache des Landes auf, in dem sie gastieren. Vor allem in der ehemaligen DDR erfreute sich die hölzerne Mischpoke größter Beliebtheit. Insbesondere die „Amorosiade“ – ein Stück über Freundschaft, Liebe und die Wechselbeziehung zwischen Puppenspieler und Puppe – hatte in dem Nachbarland ungeheuren Erfolg. „Das mag daran liegen, dass wir uns ziemlich ähnlich sind. Der tschechische und der deutsche Humor liegen nah beieinander“, vermutet Štáchová, deren  Name untrennbar mit dem Erfolg der Figuren verbunden ist.

Zum Ensemble kam sie 1967. Bis heute spricht sie Mánička und Großmutter Kateřina, die als fünfte Figur 1971 das Licht der Bühnenwelt erblickte. „Ich habe immer bewundert, wie eine Person zwei Figuren, die doch ganz unterschiedliche Temperamente haben, auf einmal spielen kann. Diese Clownerei in einem, die wollte ich auch ausleben können.“ Deshalb und auch, um dem „Macho-Gehabe“ von Hurvínek und Spejbl, wie Štáchová das Verhalten der beiden liebevoll nennt, Paroli zu bieten, schenkte ihr Kirschner – zu diesem Zeitpunkt bereits ihr Ehemann – die besserwisserische Kateřina.

Mit Humor gegen die Kürzung
Nach dem Tod ihres Mannes trat Štáchová die Stelle als Direktorin an. Neben ihrer Tätigkeit als Puppenspielerin verfasst sie vor allem die satirischen Stücke für Erwachsene. Einmal pro Woche gehen diese über die Bühne. Seit Jahresbeginn auch in deutscher Sprache. Mit „Das Beste von Spejbl und Hurvínek“ präsentiert das Theater einmal im Monat eine Vorstellung für das deutschsprachige Publikum.

Zur Zeit steht Štáchová vor einer großen Herausforderung: Der Mitteldeutsche Rundfunk wünscht sich Hurvínek und Spejbl als Kommentatoren einer neuen Sendereihe über ehemalige Ostblockstaaten. „In nur anderthalben Minuten sollen sie das Gezeigte pointieren. Das ist zwar sehr reizvoll, aber auch ungeheuer schwer“, verrät die Theaterleiterin. Außerdem in Vorbereitung ist eine Tournee nach Südkorea, ein 3D-Film sowie eine Kinderserie, die den Kleinen die englische Sprache spielerisch näherbringen soll. Dass Hurvínek und Spejbl so begehrt sind, verwundert Štáchová nicht: „Sie sind zwar sehr simpel, aber eben auch zeitlos. Gewissermaßen sind sie aus der Zeit gefallen. Denn die Probleme, die sie repräsentieren, überdauern die Generationen.“

Trotz der überwältigenden Beliebtheit von Hurvínek und Spejbl ist das Überleben der Bühne ein permanenter Kampf. Nachdem Štáchová 2007 einen jahrelangen Streit um die Urheberrechte der Figuren gewonnen hatte, ringt sie nun um weitere Fördermittel. Die Stadt Prag will dem Theater den Geldhahn zudrehen. Das wäre das sichere Ende für die Bühne in Dejvice. Mit einer Petition will Štáchová das Vorhaben stoppen. In nur einem Monat konnte sie bereits 13.000 Stimmen für das Fortbestehen des Theaters sammeln. „Die Stadt scheint wohl zu verdrängen, dass nicht zuletzt Hurvínek und Spejbl den Namen Prag auch in jene Zipfel der Welt trugen, die bis dahin noch nicht einmal von der Tschechischen Republik gehört hatten.“

„Das Beste von Spejbl und Hurvínek“, nächste Vorführungen am Montag, 11. Februar, 19 Uhr und Freitag, 8. März, 13 Uhr, Divadlo Spejbla a Hurvínka (Dejvická 38, Prag 6, www.spejbl-hurvinek.cz), Eintritt: 300 CZK, Vorverkauf an der Theaterkasse (Mo. 13–18 Uhr, Di.–Fr. 9–14 und 15–18 Uhr; Tel. +420 224 316 784, pokladna@spejbl-hurvinek.cz) oder über https://vstupenky.spejbl-hurvinek.cz

Auf Tour: Am Sonntag, 27. Januar spielt das Ensemble im niedersächsischen Wolfenbüttel, Anfang April in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Hamburg. Weitere Informationen unter www.spejblundhurvinek.de und Tel. +49 (0)371/46411