Alkoholtherapie aus Pilsen

Alkoholtherapie aus Pilsen

Zwei Wissenschaftler entwickeln eine virtuelle Kneipe für Alkoholkranke. Die sollen dort etwas lernen, was für viele im Wirtshaus undenkbar ist: kein Bier bestellen

10. 7. 2014 - Text: Martin NejezchlebaText: Martin Nejezchleba; Foto: Prgrammierer Petr Hořejší vor seiner Faultät in Pilsen/ Martin Nejezchleba

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Das Wirtshaus. Es ist nicht wegzudenken aus dem Leben in Tschechien. Hier begannen die Abenteuer des braven und trinkfesten Soldaten Schwejk. Hier sitzen Hochschulprofessor, Hipster und Bauarbeiter unter einer Dunstglocke und lassen den Arbeitstag in Bierseligkeit übergehen. Hier stürzen Alkoholiker ab. Schätzungen der Prager Klinik für abhängiges Verhalten und Suchtmedizin gehen davon aus, dass jeder achte Mann in Tschechien alkoholkrank ist oder gefährlich viel trinkt.

Nun entsteht ein böhmisches Wirtshaus, das Alkoholkranke als Teil ihrer Suchttherapie besuchen sollen: In Pilsen, der Heimat des weltbekannten Biertyps, entwickeln derzeit zwei Wissenschaftler eine virtuelle Kneipe. Noch in diesem Jahr soll sie in der Suchttherapie zum Einsatz kommen. Alkoholkranke sollen dort einen für viele Tschechen schwer vorstellbaren Verhaltensprozess einüben. Sie sollen in ein Wirtshaus gehen und alles tun können. Nur eines nicht: Bier bestellen.

„Wir wollen den Patienten ein Umfeld vermitteln, das ihnen intim vertraut ist“, erklärt der Psychiater Jiří Podlipný. Alkoholiker sollen lernen, mit etwas umzugehen, das Psychologen „Craving“ nennen – das unwiderstehliche Verlangen nach dem Suchtmittel. In der geschlossenen Therapie werden Alkoholkranke nicht mit dem Trinker-Umfeld konfrontiert. Deshalb möchte Podlipný das Wirtshaus in die Suchtklinik bringen. Sein Kollege Petr Hořejší programmierte dafür einen virtuellen Wirt, eine Bar mit billigem Schnaps und die Stammgäste Dušan und Václav.

Noch steht die Kneipe auf dem Campus der Westböhmischen Universität in Pilsen, im ersten Stock des Instituts für Ingenieurwesen und Management. Dort ist das Labor für virtuelle Realität, dort arbeitet Hořejší bei heruntergezogenen Jalousien und Bildschirmflimmern. Eine Höhle sei das hier, sagt der 32-jährige Programmierer, ein Cave – Computer Assisted Virtual Environment. Hořejší, schwarze Haare im Günter-Netzer-Stil, steht in einem Metallkäfig. Auf der Nase hat er eine klobige Brille, von der ein Kabel in einen Rechner führt. Er blickt auf eine Leinwand, 21 Sensoren erfassen seine Position. In der Hand hält er etwas, dass Hořejší Flightstick nennt und das aussieht wie ein Scanner an der Supermarktkasse. Damit steuert er seine Bewegung in der virtuellen Realität.

Speckwurst 3D
Was Hořejší nun dreidimensional vor Augen hat, ist ein Wirtshaus, wie es zu Zehntausenden in Tschechien steht. Holzverkleidung an den Wänden, ein Plasmabildschirm – dort möchte Hořejší später Bierwerbung laufen lassen – ein Spielautomat im Nebenraum und zwei schwarze Tafeln. Darauf das Menü: Speckwurst mit Brot und Senf, eingelegter Käse, Lagerbier für 24 Kronen, Pilsener Urquell für 32 Kronen.

In Tschechien ist Bier billig und fließt in rauen Mengen. Im Pro-Kopf-Konsum von Alkohol gehört Tschechien zur Weltspitze. Mit rund 16,5 Litern reinem Alkohol trinkt man hier laut WHO-Statistik fast doppelt so viel wie im globalen Durchschnitt. Der Mittelwert in Europa liegt bei 12,2 Litern.

Psychiater Podlipný behandelt Leute, bei denen der Alkoholkonsum zur Krankheit wurde. Erst kommt Entgiftung, dann Entzug und später die siebenwöchige Kurztherapie. In der letzten Phase möchte der Psychiater die virtuelle Kneipe einsetzen. Die Patienten kommen in das bekannte Trinker-Umfeld, das Craving beginnt.

Solche sogenannten Alcohol-Cueing-Tests werden bereits in der Suchttherapie eingesetzt, als Rollenspiele oder mit Therapeut in echten Kneipen. Ludwig Kraus, Leiter des Instituts für Therapieforschung in München, kann der virtuellen Kneipe aus Pilsen durchaus etwas abgewinnen. „Als unterstützende Maßnahme und zum Erlernen von Widerstandsverhalten gegen den drohenden Rückfall kann das sinnvoll sein“, urteilt Kraus.

Für Podlipný ist der virtuelle Kneipenbesuch vor allem ein sicheres Mittel, um Trinker in eine Situation zu versetzen, in die sie nach der Entlassung früher oder später geraten werden. „Es ist eine wunderbare Möglichkeit, um über das zu diskutieren, was der Patient durchlebt“, sagt Pod­lipný.

Virtuelles Trinken für alle
Bis die erste Testphase im Herbst anläuft, muss Hořejší noch viel programmieren. Über die Semesterferien möchte er die interaktiven Skripte für den Kneipenbesuch schreiben. Das Szenario: Der Suchtkranke geht zu einem Treffen in das Wirtshaus, der Freund verspätet sich. Der Wirt mit den tiefen Augenhöhlen stellt ein kühles Bier auf den Holztisch. Wenn der Patient das Bier ablehnt, wird der Wirt meckern, der Druck steigen, die Stammgäste Dušan und Václav werden versuchen, den Patienten zu überreden.

Die Höhle mit der Leinwand ist nur das Entwicklungsumfeld. Hořejší grinst verwegen, wenn er davon erzählt, wie die Suchtkranken in die virtuelle Kneipe abtauchen werden. Er sagt von Worte wie „Immersion“ und „True Virtual Reality“. „Der Patient wird das Bier auch anfassen können“, sagt der Programmierer, „wenn er es trinkt, verschwimmt das Bild, er wird sehr unangenehme Geräusche hören.“

Wenn die Testphase erfolgreich verläuft, möchte Hořejší weitere Varianten schaffen. Je nach Vorliebe des Patienten wird der Wirt Wein oder Schnaps anbieten.

Die beiden Wissenschaftler überlegen auch, andere Trinkwelten zu schaffen. „Der Auslöser für das Craving ist abhängig vom Kontext“, erklärt Psychiater Podlipný. Und Alkoholiker trinken nicht nur in Wirtshäusern, sondern auch in edlen Wein­lokalen oder zu Hause.