Zwischen Manie und Frust

Zwischen Manie und Frust

Prag ist für zwei Wochen die Hauptstadt des Eishockeys. Ein Abend mit Fans aus aller Welt

7. 5. 2015 - Text: Stefan WelzelText und Foto: Stefan Welzel

Es ist drückend schwül. Die Menschen essen auch um acht Uhr abends noch ein Eis oder trinken Bier aus Plastikbechern. Überall hängen Landesfahnen, ab und zu hört man das Tröten eines Fan-Horns, das Sprachengewirr nimmt babylonische Züge an.

Im Rieger-Park über dem Prager Hauptbahnhof herrscht Hochsommerstimmung wie sie normalerweise nur bei großen Fußballmeisterschaften aufkommt. Doch es ist Anfang Mai und gespielt wird nicht auf sattem Grün, sondern auf Eis. Im WM-Gastgeberland Tschechien grassiert das Eishockey-Fieber, oder vielleicht sollte man besser sagen: Jágr-Manie. Die Fanzonen der Hauptstadt sind an diesem ungewöhnlich warmen Montagabend gut gefüllt. Die Türsteher des Biergartens im Rieger-Park verzichten auf die übliche Kontrolle der mitgeführten Taschen – angesichts der Massen, die vor die Großleinwand strömen, hätte das auch wenig Sinn. Ein Klassiker steht auf dem Programm: Tschechien spielt gegen Kanada.

„Die Stimmung im Stadion ist absolute Weltklasse.“

„Es ist fantastisch, hier herrscht die gleiche Eishockey-Kultur wie bei uns. Einfach großartig“; beschreibt die 28-jährige Janey aus dem kanadischen Provinz British Columbia ihre ersten Eindrücke. Sie ist mit ihrem Freund James extra für diese Eishockey-WM nach Prag gereist. James kommt aus England, das vor 20 Jahren das letzte Mal an einer A-Weltmeisterschaft teilgenommen hat. Er ist aus reiner Liebe mit nach Tschechien gekommen, lässt sich aber von der guten Stimmung im voll besetzten Biergarten anstecken. „Ich komme aus dem fußballverrückten Manchester. Dort sieht man diese Form der Fankultur leider nicht. Die Leute aus den verschiedensten Nationen genießen hier friedlich bei einem oder auch mehreren Bieren die Spiele. Null Aggressivität. So sollte es auch bei Spielen der Premier League sein“, ist James begeistert.

Neben ihm sitzen sein Freund Tom, ebenfalls aus dem englischen Norden, und dessen Freundin Dagmar, die aus Ostrava kommt. Was die anstehende Partie angeht, sind die Sympathien an diesem Tisch also geteilt. Für die befreundeten Paare steht sowieso der Event an sich im Vordergrund, weniger der Ausgang der Spiele.

Die sechsköpfige Fangruppe aus Frankreich nimmt die sportliche Seite schon etwas ernster. Sie stehen auf dem Wenzelsplatz und verfolgen dort das Spiel der Tschechen gegen die Turnier-Favoriten aus Nordamerika. Ihre Schützlinge haben die ersten beiden Begegnungen gegen Deutschland und die Schweiz verloren – die Chancen der französischen Mannschaft auf das Viertelfinale würden nun praktisch bei Null liegen, meint Marie Christine aus der Kleinstadt Gap im Département Hautes-Alpes.

„Wir werden Weltmeister, ganz bestimmt.“

Julien aus La Roche-sur-Yon nahe der Atlantiküste ist zuversichtlicher: Die Franzosen könnten den Abstieg vermeiden, glaubt er, vorausgesetzt sie gewinnen zumindest gegen Österreich und Lettland. Auch diese Gruppe genießt die friedliche und gleichzeitig ausgelassene Stimmung in der vorübergehenden Welthauptstadt des Eishockeys. Nur die Fanzone vor der O2-Arena im Stadtteil Vysočany meiden sie. „Das ist irgendwie zu kühl, zu steril dort. Da hat das Public Viewing in der Innenstadt deutlich mehr Charme“, erklärt Dominique aus Grenoble. Der Endvierziger findet allerdings, dass die Atmosphäre bei der WM vor vier Jahren im slowakischen Košice noch prickelnder war. Was jedoch die Stimmung im Stadion angeht, zeigen sich die Franzosen erstaunt. Die sei absolute Weltklasse, meint Julien.

Kennengelernt hat sich die Gruppe bei vorangegangenen Weltmeisterschaften. „Man trifft sich halt immer“, sagt Dominique und verweist dabei auf den exotischen Charakter, den Anhänger des Sports in ihrem Land haben. Viele Fans hat die französische Auswahl nicht. Die Eishockey-Kultur wird eigentlich nur in der Alpenregion gepflegt, ansonsten fristet das Spiel mit dem Puck ein Dasein im Schatten von Fußball, Rugby und Handball.

Inzwischen liegen die Tschechen mit Superstar Jaromír Jágr nach dem ersten Drittel mit 1:2 zurück. Bei fast jeder gelungenen Aktion ihrer Cracks ist der Aufschrei der überwiegend tschechischen Zuschauer auf dem Wenzelsplatz groß. Ist Jágr zu sehen, auch wenn er eigentlich gar nichts Entscheidendes tut, brandet Jubel auf. Doch die Kanadier haben einen anderen Superstar in ihren Reihen: Sidney Crosby, 27-jähriger Kapitän der Pittsburgh Penguins und zur Zeit der wohl beste Profi der Welt. So dirigiert er sein Team auch zu einem souveränen 6:3-Sieg gegen die enttäuschenden Gastgeber.

„Schön wäre es, wenn es zumindest für das Halbfinale reichen würde, für den Titel fehlt die ganz große Klasse, vor allem in der Breite des Kaders“, analysiert der 43-jährige Martin aus Brünn die Chancen in einer Eckkneipe in Holešovice, wo die Tschechen auch eine Minute vor der Schlusssirene noch hoffnungsvoll auf den Bildschirm starren. Die Spiele ihrer Mannschaft sind wahre Straßenfeger. Allein die Begegnung gegen Kanada verfolgten bis zu 1,5 Millionen Zuschauer.

Kateřina sitzt etwas geknickt an der Seite ihre Freundes Jakub vor ihrem vierten großen Bier. Zur Frustbewältigung bestellt die 30-Jährige zum Abschluss noch einen Becherovka. Am Donnerstag geht es dann weiter, gegen die Franzosen. Dann ist wieder Jágr-Manie angesagt. „Wir werden Weltmeister, ganz bestimmt“, sagt Jakub noch beim Gehen. Die übrigen Gäste sind skeptisch und legen ihren Fokus für den Rest des Abends wieder auf ihr Nationalgetränk.



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